Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. 55 Nachl. 76,148
Druck: Edward Speyer, Wilhelm Speyer der Liederkomponist 1790-1878. Sein Leben und Verkehr mit seinen Zeitgenossen dargestellt von seinem jüngsten Sohne, München 1925, S. 124f. (teilweise)

Cassel den 9ten
November 1831.1

Geliebter Freund,

Es ist recht lange her, daß wir ganz ohne Nachrichten von Ihnen sind. Wie leben Sie mit den lieben Ihrigen? Ist der Einfluß der unruhigen Zeit auf Ihre Geschäfte ebenso nachtheilig, als er verderblich auf die Künste, namentlich auf die meinige, einwirkt? Oder ist Ihnen hauptsächlich nur die Cholera hinderlich?
Bei allen Sorgen der letzten Zeit bin ich indessen doch sehr froh, sie erlebt zu haben. Es ist ein ganz anderer Geist in den Deutschen erwacht und wir werden hoffentlich noch die Früchte davon erleben!
Bey allem erfreulichen Fortschreiten der constitutionellen Regierung seit dem Hieherkommen des Kurprinzen, findet doch, wegen seiner unglücklichen Verheiratung noch gewaltiger Zwiespalt zwischen ihm und der Mutter statt, woran beyder Umgebung leidenschaftlichen Antheil nimmt. Dieser Fluch ruht nun einmal auf dem Hessischen Hause!2 – Die Kurfürstin hat, seitdem die Gräfin Schaumburg hier ist, weder das Theater noch Konzerte besucht und so haben wir auf der einen Seite eingebüßt, was und auf der andern die Ankuft des Kurpr. gewährt hat. Ein 2tes Unglück ist, daß er kein Geld hat, da der Kurfürst im Genuß des ganzen Hausschatzes geblieben ist. Nun möchte er gerne ein recht brillantes Theater haben, er weiß aber die Mittel dazu nicht anzuschaffen. Schon 3 mal wurde ich zu ihm gerufen, um ihm wegen des künftigen Bestands des Theaters Vorschläge zu machen, aber immer fehlen die nöthigen Summen. So sind wir nun noch in großer Ungewißheit, was von Ostern an, aus unserm Theater werden wird; doch muß es sich binnen kurzem entscheiden, da am 1sten December der Kündigungstermin für die Theatermitglieder ist. So viel ist leider schon entschieden, daß es, bevor der Prinz seinen Vater einmal beerbt hat, nicht wieder zu dem früheren Glanze zurückgebracht werden kann.
Meine Violinschule ist nun endlich fertig und ich stehe mit den Verlegern wegen des Preises in Unterhandlung. Jetzt schreibe ich Quartetten; das erste (d moll) ist bis auf den letzten Satz fertig. – Unsere Abonnements-Concerte werden diesen Winter auf Verlangen des Kurprinzen im Theater seyn und in 14 Tagen beginnen.
Spontini meldete mir kürzlich, daß der Alchymist nun ausgeschrieben ist und ohnfehlbar im Laufe des Winters gegeben werden wird.3 Hat die Cholera dann in Berlin aufgehört und hier noch nicht begonnen, so werde ich hinreisen um selbst zu dirigiren.
Therese soll nächste Ostern confirmirt werden und besucht jetzt schon den Religionsunterricht beym Pfarrer. Dieser verlangt den Taufschein. Hätten Sie wohl die Güte, ihn sich geben zu lassen und die Gebühren auszulegen? Wenn ich nicht irre, wurde sie von Pfarrer Friedrich getauft.
Wir sehen nun mit Ungeduld einer recht baldigen Zuschrift entgegen. Die herzlichsten Grüße von uns allen.
Mit wahrer Freundschaft stets ganz

der Ihrige
Louis Spohr.



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Speyer, 30.06.1831. Speyers Antwortbrief ist derzeit verschollen.

[1] Edward Speyer liest hier die Jahreszahl 1832. Das richtige Datum 1831 ergibt sich aus dem Gesamtkontext der Korrespondenz. Dies ist beispielsweise daran zu erkennen, dass Spohr in diesem Brief um eine Geburtsurkunde für seine Tochter Therese bittet, die ihm Pfarrer Friedrich in Frankfurt ausstellen soll; in Spohr an Speyer 05.12.1831 bittet er, den Pfarrer noch einmal an den Taufschein zu erinnern. Außerdem berichtet dieser Brief die Ankunft des Kurprinzen Friedrich Wilhelm in Kassel, dessen Anwesenheit in den Briefen von 1832 vorausgesetzt ist.

[2] Vgl. „Jahrsgeschichte von Hessen-Cassel”, in: Journal für rationelle Politik (1833), S. 462-466; Louis Spohr, Lebenserinnerungen, hrsg. v. Folker Göthel, Tutzing 1968, Bd. 2, S. 154, Text mit fehlerhafter Paginierung auch online; ders., Louis Spohr’s Selbstbiographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 189

[3] Dieser Brief ist derzeit verschollen.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (04.03.2016).

Cassel, 9. November 1832.

Es ist recht lange her, daß wir ganz ohne Nachrichten von Ihnen sind. Wie leben Sie mit den lieben Ihrigen? Ist der Einfluß der unruhigen Zeit auf Ihre Geschäfte ebenso nachteilig, als er verderblich auf die Künste, namentlich auf die meinige, einwirkt? Oder ist Ihnen hauptsächlich nur die Cholera hinderlich?
Bei allen Sorgen der letzten Zeit bin ich indessen doch sehr froh, sie erlebt zu haben. Es ist ein ganz anderer Geist in den Deutschen erwacht und wir werden hoffentlich noch die Früchte davon erleben.
Bei allem erfreulichen Fortschreiten der konstitutionellen Regierung seit dem Hierherkommen des Kurprinzen findet doch wegen seiner unglücklichen Verheiratung noch gewaltiger Zwiespalt zwischen ihm und seiner Mutter, der Kurfürstin, statt, woran beider Umgebung leidenschaftlichen Anteil nimmt. Dieser Fluch ruht nun einmal auf dem Hessischen Hause! Die Kurfürstin hat, seitdem die Gräfin Schaumburg hier ist, weder das Theater noch Konzerte besucht und so haben wir auf der einen Seite eingebüßt, was und auf der andern die Ankuft des Kurprinzen gewährt hat. Ein zweites Unglück ist, daß er kein Geld hat, da der Kurfürst im Genuß des ganzen Hausschatzes geblieben ist. Nun möchte er gerne ein recht brillantes Theater haben, er weiß aber die Mittel dazu nicht anzuschaffen. Schon dreimal wurde ich zu ihm gerufen, um ihm wegen des künftigen Bestands des Theaters Vorschläge zu machen, aber immer fehlen die nöthigen Summen. So sind wir nun noch in großer Ungewißheit, was von Ostern an aus unserm Theater werden wird, doch muß es sich binnen kurzem entscheiden ...
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