Autograf: nicht ermittelt
Druck: Adolph Kohut, Friedrich Wieck. Ein Lebens- und Künstlerbild, Dresden und Leipzig 1888, S. 57f.

Cassel, den 17. Oct. 1831

Wohlgeborener,
Hochgeehrtester Herr!

Von dem Talent Ihrer Tochter1 habe ich in Berichten aus Leipzig schon recht Erfreuliches gelesen und wäre daher wohl begierig, es kennen zu lernen; doch glaube ich Ihnen rathen zu müssen, für jetzt nicht hieher zu kommen und Ihren Besuch in Cassel für eine günstige Zeit aufzusparen. Von den Zwistigkeiten zwischen der Kurfürstin und Ihrem Sohn, wegen dessen Verheiratung2, ist vor der Hand nicht einmal an eine Hofreunion, viel weniger an ein Hofconcert zu denken und in der Stadt ist wegen des täglich zu befürchtenden Ausbruchs der Cholera, die sich schon bis Magdeburg und Celle genähert hat, eine Spannung und Unruhe, die einem Concert in der Stadt sehr hinderlich sein würde. Doch hat ein armer, blinder Flötenspieler, Herr Grünberg, für Ende der Woche eins angekündigt, ich fürchte aber, daß es schlecht ausfallen wird. In 14 Tagen sollten unsere Abonnementconcerte beginnen, die zum Besten ihres Wittwenfonds gegeben werden; sollte aber bis dahin die Cholera ausbrechen, so werden wir sie wohl bis Neujahr verschieben müssen, damit die Leute sich erst an den neuen, ungewohnten Zustand gewöhnen.
Da die Kosten eines öffentlichen Concerts hier nicht unbedeutend sind (zwischen 40 und 50 Thaler), so ist zu einem solchen nur in einer günstigen Zeit zu rathen. -
Liegt es jedoch in Ihrem Plan, schon jetzt nach Cassel zu kommen, so werde ich mit Vergnügen Alles, was in meinen Kräften steht, zum Gelingen Ihres Unternehmens beizutragen suchen.3
Mit vorzüglicher Hochachtung

Ew. Wohlgeboren
ergebenster
Louis Spohr.

Erwähnte Personen: Auguste, Hessen-Kassel, Kurfürstin
Friedrich Wilhelm Hessen-Kassel, Kurfürst
Grünberg, Gottlieb
Schumann, Clara
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Kassel
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1831101711

http://bit.ly/2qJmoE3

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Friedrich Wieck an Louis Spohr, 14.10.1831. Der nächste Beleg dieser Korrespondenz ist Spohrs Zeugnis für Clara Wieck, 16.12.1831.

[1] Clara Wieck, später verh. Schumann.

[2] Friedrich Wilhelm hatte die geschiedene Bürgerliche Gertrude Lehmann geheiratet (vgl. Philipp Losch, Der letzte Kurfürst Friedrich Wilhelm I. von Hessen, Marburg 1937, S. 45-48).

[3] Clara und Friedrich Wieck hielten sich vom 03.11. bis 06.12.1831 in Kassel auf; für den 22.11. setzte Spohr die Erlaubnis für ein öffentliches Konzert durch (vgl. Julia M. Nauhaus, Musikalische Welten. Clara und Robert Schumanns Verbindungen zu Braunschweig, Sinzig 2010, S. 131f.).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (02.06.2017).