Autograf: nicht ermittelt
Abschrift: Clara Wieck, Tagebücher 1828-1840, Bd. 2, S. 102ff., in: Robert-Schumann-Haus Zwickau (D-Zsch), Sign. 4877,1-4-A3, S. 102ff.
Druck 1: Berthold Litzmann, Clara Schumann. Ein Künstlerleben. Nach Tagebüchern und Briefen, Bd. 1 Mädchenjahre 1819-1840, Leipzig 1902, S. 32 (teilweise)
Druck 2: Julia M. Nauhaus, Musikalische Welten. Clara und Robert Schumanns Verbindungen zu Braunschweig, Sinzig 2010, S. 130f. (teilweise)

Hrn Capellmeister

Ich befinde mich mit meiner 12jahrigen Clara1, die vielleicht das Glück hat, Ihnen durch öffentliche Blätter bekannt zu seyn, auf einer Reise nach Paris. Ich darf mich nicht nicht unterstehen, Ihnen aus einander zu setzen, wie ich meine Clara zu einer musikalischen Pianoforte-Spielerin, die Etwas Höheres darstellen soll, als bloße mechanische Fertigkeit, ausbilde; aber darf ich wohl erwähnen, daß Clara, die Ihre Compositionen über alles liebt u selbst in ihren Phantasien so oft durch Ihre edle Weise, musikalisch zu denken u zu empfinden, begeistert wird, vor Begierde brennt, sich Ihnen vorgestellt zu wissen u daß ich ihr daher das Glück verschaffen wollte, über Gotha, Eisenach nach Cassel zu kommen, bevor wir über Franf a/m nach Paris gehen.
Wir gaben in Dresden 3 Concerte2, in Leipzig, Altenbg.3 [???] ein(???) Mal(?) in Weimar 3 Clara spielte bereits vor den Dresdner Altenburger u Weimarschen Hofe u wurde namentlich in Weimar von der Großfürstin außerordentlich ausgezeichnet; auch hat sie vor Goethe, bei dem wir 2 mal musikal Unterhaltung privatim gaben4, schöne u theure Andenken aufzu weisen.
Nun hätte ich also die Absicht, nachdem wir in Gotha u Eisenach Concert gegeben, in ungefähr 14 Tagen in Cassel einzutreffen. Ich bin aber so frei, Ihnen dieß vorher zu melden mit der gehorsamsten Bitte, mir unter meiner Adresse nach Eisenach, abzugeben bei dem H. Baurath Saelzer daselbst, gütigst zu melden, wenn Clara weder Hoffnung haben sollte, vor dem Hr. Mitregent zu spielen, noch in der Stadt Concert zu geben.
Ich schmeichle mir, Ihnen noch von Leipzig aus bekannt zu seyn u sage nur noch, daß ich mich bei meinen gesammelten Erfahrungen über junge Talente, nicht unterstehen würde, um Ihre gütige Protection zu bitten, wenn ich Ihnen in Clara nichts weiter vorstellen könnte, als ein gewöhnliches Wunderkind, dem mühsam und gewaltsam einige ConcertStücke eingelernt seyen. Kann ich‘s sagen, daß ich Clara gleichmäßig musikalisch in der großartigen Fild-schen Schule, der die so genannte Wienerische Spielart mir sehr unterordnet scheint, herauf gebildet habe ohne eben die jetzige pikante und frivole französische Manier deswegen vernachlässigt zu haben.
Ueber den seltenen Beifall, welchen Clara in den oben genannten Städten und zuletzt in Weimar gefunden, will ich die Kenner sprechen lassen und ich versichere Ihnen nur noch, daß es mir nach dem Urtheile aller der vielen Menschenfreunde, welche Clara näher kennen lernten außerdem gelungen zu sein scheint, ihr5 Persöhnlichkeit und kindliche Unschuld von allem Verdacht einer Ueberbildung oder Uebertreibung befreiet erhalten zu haben.
Endlich schenken Sie mir Ihre freundliche Nachsicht, wenn ich nach reiflicher Ueberlegung keinen Anstand nahm, Clara nach einer Belleville oder wohl gar noch einer Blahetka sowohl in Hinsicht des Spiels als der Composition auftreten zu lassen.
Ihrer so theuren Gemahlin bitte ich uns angelegentlichst zu empfehlen und ich verharre mit wahrer Verehrung

Ihr
gehorsamster Diener
Friedrich Wieck.
Instrumentenhändler
und Musiklehrer aus
Leipzig.

Erfurt
d. 14 October.
1831.

Erwähnte Personen: Belleville, Anna de
Blahetka, Leopoldine
Goethe, Johann Wolfgang von
Sälzer, Johann Wilhelm
Schumann, Clara
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Altenburg
Dresden
Frankfurt am Main
Leipzig
Paris
Weimar
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1831101441

http://bit.ly/2NLmJSs

Spohr



Spohr beantwortete diesen Brief am 17.10.1831.

[1] Clara Wieck, später verh. Schumann.

[2] Vgl. die Konzertankündigungen für den 10. (in: Leipziger Zeitung (1831), S. 24) und den 27.01.1831 (in: ebd., S. 186).

[3] Am 18.05.1831 (vgl. „Konzertliste“, in: Schumann-Portal).

[4] Vgl. Johann Wolfgang von Goethe, Tagebucheintrag 09.10.1831, in: ders., Goethes Tagebücher 1831-1832 (= Goethes Werke [„Weimarer Ausgabe“] III,3), Weimar 1903, S. 152.

[5] Sic!

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (10.07.2019).