Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. 55 Nachl. 76,143
Druck: Edward Speyer, Wilhelm Speyer der Liederkomponist 1790-1878. Sein Leben und Verkehr mit seinen Zeitgenossen dargestellt von seinem jüngsten Sohne, München 1925, S. 107 (teilweise)

Cassel den 30ten Juni
1831.

Theuerster Freund,

Binnen kurzem werden einige meiner Schüler (davon ich jetzt, sehr gedrängt, nicht weniger als 9 auf einmal, habe annehmen müssen) von hier abgehen1; dann will ich gern Ihrem Empfohlenen einrücken lassen, da Sie mir die Versicherung ertheilen, daß er Talent besitzt. Sowie eine Stunde frei wird, werde ich es Ihnen gleich melden.
Unsere Theaterangelegenheit ist nun in Folge einer kl. Denkschrift, die ich dem Staatsministerium übergeben hatte, und die, von diesem kräftigst unterstützt nach Phillipsruhe wanderte, dahin entschieden worden, daß es mit sehr bedeutenden Einschränkungen vorläufig noch als Hoftheater bis October 32 fortbestehen soll. Als Folge dieser Einschränkungen werden ein Drittheil der Oper, das Balletpersonal und einige Orchestermitglieder entlassen, so daß ich statt 16 Geigen und 8 Bässen nun 12 Geigen und 6 Bässe ins künftige haben werde. Bey den Vorschlägen die ich dem Kurfürst zu diesen Notactionen machen mußte, konnte ich nicht auf die Fähigkeiten der Mitglieder Rücksicht nehmen, sondern durfte nur die zum Beybehalten vorschlagen, denen alle anderen Erwerbsmittel fehlen. So werde ich denn einige tüchtige Leute verlieren! Es versteht sich, daß diese Entlassenen sämtlich ohne schriftliche Contracte angestellt waren; denn in einem constitutionellem Lande wie das Unsrige, kann kein Contract, wie vorige im Rescript annulirt werden. Dies hat der Kurfürst auch bald begriffen und daher später2 keinen Versuch mehr dazu gemacht! – Unsere Hoffnung ist nun, daß zwischen jetzt und Ostern eine Versöhnung zwischen dem Kurfürst und der Stadt zu Stande kommen wird; daß er in Folge derselben zurückkehren und das Theater dann in seinem alten Glanze fortführen wird. Doch ist noch wenig Hoffnung dazu, da jetzt die Kammer seines Liebling, den Kriegsminister von Losberg in den Anklagestand versetzt, weil es eine Menge constitutionswidriger Ernennungen des Kurfürsten untersignirt hat und diese Ernennungen nun sämtlich als ungültig kassirt werden.3 Dieß wird er wieder einer Einwirkung der Stadt zuschreiben und von neuem in Zorn entbrennen!
Unsere Theaternot abgerechnet, geht alles ziemlich gut im Lande und die freisinnigen Ideen verbreiten sich, wie in ganz Europa, so auch in Hessen immer mehr! Der Andrang zu den öffentlichen Verhandlungen der Ständeversammlung ist ungeheuer und man kann von Glück sagen, wenn man alle Woche einmal eine Eintrittskarte erhält. Was man dort verhandelt4, (sowie überhaupt die großen Fragen der Zeit,) wird dann in unserem Lesemuseum (womit eine Art politischer Klub verbunden ist,) weiter besprochen, und da die Mitglieder der Ständeversammlung als Gäste Zutritt haben, so bleibt dieß auf die öffentlichen Verhandlungen nicht ohne Einwirkung.5 – Bei all diesem regen Anteil an den Begebenheiten der Zeit wird aber die Kunst nicht vernachlässigt. Unser Quartett hat bis in den Sommer fortgedauert und selbst seit den Ferien habe ich schon zweimal Musik bey mir gehabt. – Meine Schule ist aber immer noch nicht fertig und ich werde wohl bey den vielen Abhaltungen noch bis zum Herbst daran zu arbeiten haben. – Seit kurzem habe ich mehrere male Partituren unter guten Bedingungen nach England verkauft. Auch einig[e] deutsche Theater, Hannover6 und Weimar haben von meinen Opern verschrieben. Mit Pietro von Abano und dem Alchymist geht es aber nicht vorwärts und ich werde wegen letzterer Oper durchaus einmal nach Berlin müssen. Der Clavierauszug vom Alchymist und Partitur und Clavierauszug vom Vater-Unser sind bey Schlesinger erschienen. Letzteres wird Anfang August in Erfurt beym Musikfest gegeben. Ich bin zur Direction eingeladen, weiß aber noch nicht ob ich abkommen kann. – Herzliche Grüße an alle die Ihrigen. Stets Ihr wahrer Freund L. Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief von Speyer an Spohr. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Speyer, 09.11.1831.

[1] Vgl. dagegen die Einträge für 1829/30 in: C.B., „Verzeichnis der Schüler von Louis Spohr”, in: Niederrheinische Musik-Zeitung 7 (1859), S. 150ff. 

[2] Gestrichen: „auch”.

[3] Vgl. „Jahresgeschichte von Hessen-Cassel”, in: Politisches Journal 52.1 (1830), S. 1110-1128, hier S. 1120 und 1124.

[4] Gestrichen: „wird”.

[5] Vgl. „Kassel, 7 Mai”, in: Allgemeine Zeitung <München> (1830), S. 682f., hier S. 683; Louis Spohr, Lebenserinnerungen, hrsg. v. Folker Göthel, Tutzing 1968, Bd. 2, S. 153, Text mit fehlerhafter Paginierung auch online; ders., Louis Spohr’s Selbstbiographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 188

[6] [Ergänzung Karl Traugott Goldbach, 14.10.2016:] Jessonda (vgl. Spohr an Heinrich Marschner, 24.06.1831).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (03.03.2016).

Cassel, 30. Juni 1831.

... Unsere Theaternot abgerechnet, geht alles ziemlich gut im Lande und die freisinnigen Ideen verbreiten sich, wie in ganz Europa, so auch in Kurhessen immer mehr. Der Andrang zu den öffentlichen Verhandlungen der Ständeversammlung ist ungeheuer und man kann von Glück sagen, wenn man alle Woche einmal eine Eintrittskarte erhält. Was man dort verhandelt, sowie überhaupt die großen Fragen der Zeit, wird dann in unserem Lesemuseum, womit eine Art von politischem Klub verbunden ist, weiter besprochen, un da die Mitglieder der Ständeversammlung als Gäste Zutritt haben, so bleibt dies auf die öffentlichen Verhandlungen nicht ohne Einwirkung. – Bei all diesem regen Anteil an den Begebenheiten der Zeit wird aber die Kunst nicht vernachlässigt ...