Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.1 <18301208>
Beleg: Autographen. Historische Autographen, literarische Autographen, Musiker, Schauspieler und bildende Künstler, Stammbücher. Versteigerung am 20., 21. und 22. Oktober 1926 (= Katalog Liepmannssohn 48), Berlin 1926, S. 174f.

Sr. Wohlgeb.
Dem Herrn Organist
Adolph Hesse
in
Breslau.
 
 
Cassel den 8ten
December 1830.
 
Wohlgeborner,
Hochgeehrter Herr,
 
Jeden meiner Briefe muß ich leider mit einer Entschuldigung beginnen, daß ich die Ihrigen so spät und unordendlich beantworte; die letzte Zeit war aber für uns eine so wichtige und folgenreiche; auch hatte ich manche patriotische Musikaufführung, theils im Theater, theils als Nachtmusik bey liberalen und gefeyerten Personen, zu veranstalten, daß außer der nöthigen Geschäftskorrespondenz alle andere liegen geblieben ist.1 Zum ersten mal haben wir auch keine Winterconcerte veranstaltet, weil die Menschen hier jezt2 nichts anderes als unsere politische Wiedergeburt im Sinne haben. Ich habe daher auch noch keine Gelegenheit gefunden, Ihre Sinfonie zu hören. Was nun Ihren Wunsch betrifft, daß ich Ihnen einen Verleger für dieses Werk verschaffen soll, so wird es damit schwer halten. Der einzige Verleger, mit dem ich jetzt zu thun habe, Schlesinger in Berlin, hat so wenig Lust, Sinfonien zu verlegen, daß er die meinige nur nahm, weil ich sonst von ihm abgegangen wäre und weil er darauf rechnet, dafür auch Sachen von mir zu bekommen mit denen er Geschäfte macht.
Ich glaube, Sie würden gut thun, Ihre Sinfonie an die Leipziger Concertgesellschaft zur Aufführung zu senden, weil sich dann, wenn sie dort aufgeführt worden ist, noch am ehesten unter den Leipziger Verlegern einer finden würde, der Lust hätte, sie herauszugeben. Es ist trau[rig,] daß die edelste Gattung der I[nstrumen]talmusik so wenig Absatz findet, daß Komponisten, die auf Ertrag bey ihren Arbeiten sehen müssen, sich nicht drin versuchen können. – Musikalisch neues giebt es hier jezt gar nicht. Im Theater wird die Räuberbraut von Ries einstudirt, in den beyden Gesangvereinen3 die Bach’sche Passion zu einer großen Aufführung auf Ostern. – Leben Sie recht wohl.
Mit herzlicher Freundschaft stets ganz
der Ihrige
Louis Spohr.

Autor(en): Spohr, Louis
Adressat(en): Hesse, Adolph
Erwähnte Personen:
Erwähnte Kompositionen: Bach, Johann Sebastian : Matthäus-Passion
Hesse, Adolph : Sinfonien, op. 20
Ries, Ferdinand : Die Räuberbraut
Erwähnte Orte: Kassel
Erwähnte Institutionen: Cäcilienverein <Kassel>
Gewandhausorchester <Leipzig>
Hofkapelle <Kassel>
Schlesinger <Berlin>
Singakademie <Kassel>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1830120801

http://bit.ly/1sThOcj

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief von Hesse an Spohr. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Hesse, 28.10.1831, aus dem sich ein derzeit verschollener Brief von Hesse an Spohr erschließen lässt.
 
[1] Vgl. Louis Spohr, Lebenserinnerungen, hrsg. v. Folker Göthel, Tutzing 1968, Bd. 2, S. 148-151, Text mit fehlerhafter Paginierung auch online; ders., Louis Spohr’s Selbst-Biographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 180-183.

[2] [Ergänzung 13.09.2021:] „jezt“ über der Zeile eingefügt.

[3] [Ergänzung 13.09.2021:] Cäcilienverein und Singakademie.
 
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach 23.12.2014).