Autograf: Goethe-Museum Düsseldorf/Anton-und-Katharina-Kippenberg-Stiftung (D-Dük), Sign. 2475

Cassel den 16ten
Sept. 1830.

Geehrter Freund,

Recht erfreut war ich über die Nachricht, daß Sie mir Ihrer Familie in diesen unruhigen Zeiten glücklich wieder zu Haus gekommen sind.
Um eine meiner Opern unter Ihrer Direktion gegeben zu wissen, will ich gern das offerirte Honorar annehmen. Da die Oper aber zum Geburtstag der Herzogin gegeben werden soll, so schlage ich Ihnen dazu, als noch passendere meine neueste Oper vor, die am Geburtstag des Kurfürsten den 28sten Juli und seitdem noch 4 mal mit allgemeinem Beyfall gegeben worden ist. Ich lege Ihnen das Buch zur Ansicht bey. Es wird jetzt eine Abschrift der Partitur für Berlin1 gemacht; da ich sie aber erst gegen Neujahr einzusenden brauche, so könnte ich Ihnen diese, wenn es eilt, sogleich zuschicken. Ich mache Ihnen diesen Vorschlag lediglich, weil ich die neue Oper für die efektvollste halte und in Weimar damit am glücklichsten zu debutiren hoffe; doch steht natürlich die Jessonda ebenfals zu Diensten, wenn Sie diese wählen sollten.
Gestern war ein verhängnißvoller Tag für Cassel. Eine Deputation der Stadt und des Landes verlangte vom Kurfürst Zusammenberufung der Landstände, Rückkehr der Kurfürstin und einiges andere. Es hatte sich das Gerücht verbreitet er werde nicht einwilligen und es herrschte eine ungeheure Gährung. Man fürchtete allgemein daß2 noch vor dem Abend3 ein halbes Dutzend Häuser(?) versehrter(?) Menschen niedergebrannt seyn würde. Zum Glück gewährte der Kurfürst und nun war der Jubel eben so groß. Wir veranstalteten noch bis zum Abend ein Festspiel im Theater, wo der Kurfürst auf das feierlichste empfangen wurde. Die Stadt war, troz der kurzern Zeit so brillant, wie früher nie, erleuchtet und die Nacht verstrich im Freudenrausch! Gottlob daß es so geendet hat!
Ihrer Bestimmung entgegensehend mir wahrer Freundschaft ganz

der Ihrige
Louis Spohr.

Autor(en): Spohr, Louis
Adressat(en): Hummel, Johann Nepomuk
Erwähnte Personen: Auguste, Hessen-Kassel, Kurfürstin
Maria Pawlowna Sachsen-Weimar, Großherzogin
Wilhelm II Hessen-Kassel, Kurfürst
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Der Alchymist
Spohr, Louis : Jessonda
Erwähnte Orte: Kassel
Erwähnte Institutionen: Hoftheater <Kassel>
Hoftheater <Weimar>
Königliche Schauspiele <Berlin>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1830091613

http://bit.ly/

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief von Hummel an Spohr. Hummels Antwortbrief ist derzeit ebenfalls verschollen.

[1] Die Aufführung von Der Alchymist kam nicht zustande. Friedrich Wilhelm von Redern, Indentant in Berlin, zitiert dazu in seinen Lebenserinnerungen aus einem eigenen Brief: „[...] den ,Alchymist’ von Spohr ließ ich dem Componisten nach Cassel zurückschicken, mit dem Ersuchen, den Text ändern zu wollen, was Spohr sehr übel nahm [...]” (Friedrich Wilhelm von Redern, Unter drei Königen. Lebenserinnerungen eines preußischen Oberstkämmerers und Generalintendanten, aufgezeichnet von Georg Horn, hrsg. v. Sabine Giesbrecht (= Veröffentlichungen aus den Archiven Preußischer Kulturbesitz 55), Köln u.a. 2003, S. 218; vgl. hierzu auch Wilhelm Altmann, „Spohrs Beziehungen zur Generalintendantur der Königl. Schauspiele zu Berlin”, in: Neue Zeitschrift für Musik 100 (1904), S. 199-202, hier S. 202, dem Rederns Lebenserinnerungen jedoch noch nicht bekannt waren. Siehe auch Spohr an Adolph Hesse, 15.09.1830).

[2] „daß“ über der Zeile eingefügt.

[3] Hier gestrichen: „, daß“.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (23.01.2020).