Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.1 <18300915>

Sr. Wohlgeb.
Dem Herrn Organist
Adolph Hesse
in
Breslau


Cassel den 15ten September
30.

Wohlgeborner, Hochgeehrter Herr,

Zuerst bitte ich nochmals, es nicht übel zu deuten wenn ich dann und wann mit meinen Antworten im Rückstand bleibe. Meine Zeit ist mir so karg zugemessen, daß ich mich oft nur auf die allernothwendigste Geschäftskorrespondenz beschränken muß. Ich hoffe aber, Sie werden sich dadurch nicht abhalten lassen, mich recht oft mit Ihren Zuschriften zu erfreuen. Mit Ihrem Briefe zugleich, erhielt ich gestern Nachricht1, daß das Potsdamer Musikfest, der unruhigen Zeiten wegen und weil der König es jetzt wahrscheinlich nicht besuchen würde, bis zum Frühjahr verschoben werden soll. Ich hoffe nun um so zuversichtlicher Sie im Frühjahr in Potsdam zu sehen.
Meine neue Oper soll diesen Winter in Berlin gegeben werden.2 Wenn ich es einigermaßen möglich machen kann, werde ich hinreisen und sie selbst dirigiren.
Ich schreibe jetzt an einer großen Violinschule. Ich begann die Arbeit mit wenig Lust und nur, weil ich seit Jahren gedrängt werde; doch nun fange ich an, Interesse daran zu finden, besonders an den Etüden, die ich dazu ausarbeite.
Neues Musikalisches giebt es hier nicht; desto mehr anderes neues! Auch fängt die Zeit an zu spuken! Unerfreuliche Zeit für die Kunst!
Allen Breslauer Freunden die herzlichsten Grüße.
Mit wahrer Freundschaft und Hochachtung stets

der Ihrige
Louis Spohr.

Erwähnte Personen:
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Der Alchymist
Spohr, Louis : Violinschule
Erwähnte Orte: Berlin
Potsdam
Erwähnte Institutionen: Königliche Schauspiele <Berlin>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1830091501

http://bit.ly/1sT8VzF

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief von Hesse an Spohr. Hesses Antwortbrief ist ebenfalls verschollen.

[1] Dieser Brief ist derzeit verschollen.

[2] Die Aufführung von Der Alchymist kam nicht zustande. Friedrich Wilhelm von Redern, Indentant in Berlin, zitiert dazu in seinen Lebenserinnerungen aus einem eigenen Brief: „[...] den ,Alchymist’ von Spohr ließ ich dem Componisten nach Cassel zurückschicken, mit dem Ersuchen, den Text ändern zu wollen, was Spohr sehr übel nahm [...]” (Friedrich Wilhelm von Redern, Unter drei Königen. Lebenserinnerungen eines preußischen Oberstkämmerers und Generalintendanten, aufgezeichnet von Georg Horn, hrsg. v. Sabine Giesbrecht (= Veröffentlichungen aus den Archiven Preußischer Kulturbesitz 55), Köln u.a. 2003, S. 218; vgl. hierzu auch Wilhelm Altmann, „Spohrs Beziehungen zur Generalintendantur der Königl. Schauspiele zu Berlin”, in: Neue Zeitschrift für Musik 100 (1904), S. 199-202, hier S. 202, dem Rederns Lebenserinnerungen jedoch noch nicht bekannt waren.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (17.12.2014).