Autograf: New York Public Library (US-NYp), Sign. MNY Folder 1
Druck: Georg Kinsky, Versteigerung von Musiker-Autographen aus dem Nachlaß des Herrn Kommerzienrates Wilhelm Heyer in Köln im Geschäftslokal der Firma Karl Ernst Henrici. Montag, den 6 und Dienstag, den 7. Dezember (= Katalog Henrici und Liepmannssohn), Bd. 1, Berlin 1926, S. 100 (teilweise)

Cassel den 30sten
Aprill 1830.

Wohlgeborner,
Hochgeehrter Herr Ritter,

Herr Philipsohn hat mir die erfreuliche Nachricht gebracht, daß Sie unsere Stadt doch nun endlich mit ihrer Gegenwart erfreuen wollen und daß wir das Glück haben sollen, Ihr bewundertes Talent kennen zu lernen. Die günstigste Zeit für Ihre Geschäfte würde die kurz vor Pfingsten seyn und nachdem ich die Genehmigung Sr. K. H.1 des Kurfürsten eingeholt habe, garantire ich Ihnen im Namen der Generaldirektion unsres Hoftheaters folgendes:
Die Direktion erbietet sich, Ihnen zu Ihrem ersten Concert, welches Dienstag den 25sten Mai seyn könnte2, unser Theater, nebst Orchester und allem Übrigen völlig frei zu geben, unter der Bedingung, daß·Sie geneigt wären, am 1sten Festtage den 30sten Mai ein 2tes Concert mit der Direktion gemeinschaftlich zu geben3, wo die Einnahme zu gleichen Theilen zwischen Ihnen und der Direktion getheilt würden, doch so, daß die Direktion die Kosten allein tragen würde. Da die Direktion an diesem Tage jedes Jahr, wegen der vielen, alsdann hier anwesenden Fremden, ein großes, immer sehr besuchtes Concert zu geben pflegt so kann sie Ihnen diesen Tag nur unter obiger Bedingung andienen. Daß ich das Arrangement beyder Concerte selbst übernehmen werde und Sie alles vorbereitet finden sollen, versteht sich von selbst. Die Preise würden beide Tage sehr erhöht werden so daß ohne das Geschenk des Kurfürsten jedesmal eine Einnahme von 1200 Rth. stattfinden kann. Daß man alles aufbiethen wird, um ihnen den Aufenthalt in unserem paradiesischen Cassel so angenehm wie mîglich zu machen, brauche ich nicht erst zu versichern. Für die Musikfreunde wird die Zeit Ihrer Anwesenheit hier eine sehr festliche seyn! Da Sie gewünscht haben, eine meiner Opern bey Ihrer Anwesenheit zu sehen, so ist für den 2ten Festtag den 31sten Mai Faust angesagt.4
Ich bitte Sie nur, mir umgehend gefälligst zu melden, ob Sie die Vorschläge der Direktion genehmigen und ob wir fest auf Ihre Überkunft vor dem 25sten Mai rechnen dürfen. Ich würde dann sogleich die nöthigen Annoncen in den Zeitungen so wie alle übrigen Vorbereitungen besorgen.
Mit vorzüglichster Hochachtung und Ergebenheit habe ich die Ehre zu seyn

Ew. Wohlgeb.
gehorsamster
Louis Spohr.

Erwähnte Personen: Philippsohn, Abraham
Wilhelm II. Hessen-Kassel, Kurfürst
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Faust
Erwähnte Orte: Kassel
Erwähnte Institutionen: Hofkapelle <Kassel>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1830043013

http://bit.ly/2KAhIWQ

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Paganini, 16.01.1830. Der nächste belegte Brief dieser Korrespondenz ist Paganini an Spohr, 26.05.1830.
Der wahrscheinliche Adressort Frankfurt am Main ergibt sich aus Paganinis Konzert in Frankfurt am 26.04.1830 (vgl. „Frankfurter Volksbühne“, in: Didaskalia 02.05.1830, nicht paginiert).

[1] Abk. f. „Seiner Königlichen Hoheit“.

[2] Zum Konzert am 26.05.1830 vgl. „Cassel, 3. Juni 1830“, in: Didaskalia 29.06.1830, nicht paginiert.

[3] Zum Konzert am 30.05.1830 vgl. „Cassel, 3. Juni 1830“, in: Didaskalia 30.06.1830, nicht paginiert.

[4] Zu dieser Aufführung vgl. „Cassel, 3. Juni 1830“, in: Didaskalia 30.06.1830, nicht paginiert; Spohr an Wilhelm Speyer, 18.03.1830.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (30.06.2018).