Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.6 <Beckerath 18300315>
Faksimile: Alois Wolfgang Arbogast, „Zwei Briefe von Louis Spohr an Wilhelm von Beckerath. Der Kasseler Hofkapellmeister an den Krefelder Kaufmann und Musiker“, in: Heimat. Krefelder Jahrbuch 65 (1994), S. 121-126, hier S. 123 (teilweise)
Druck: ebd., S. 123f.

Sr. Wohlgeb.
Herrn Wilhelm von
Beckerath
in
Crefeld.


Cassel den 15ten
März 1830

Wohlgeborener Herr,

Es ist sehr schwer in Ihrer Angelegenheit einen Rath zu geben. Ihr Vorhaben kann auf das glänzendste reüssiren1, doch läßt sich der Erfolg auf keine Weise verbürgen. Der Sinn für Concertmusik, besonders für die Leistungen reisender Virtuosen hat sich fast ganz verloren und die Neigung des Publikums dem Theater sich ausschließlich zugewandt; dem ohngeachtet machen einzelne reisende Künstler (Paganini, die Sontag) höchst brillante Geschäfte, weil sie durch etwas außergewöhnliches die Aufmerksamkeit des großen Haufens zu erregen wissen. Ob nun das Gesangtalent der beyden Schwestern2 von der Art ist, um solche Attractionskraft auszuüben, getraue ich mir nicht zu entscheiden. Die Stimmen von beyden sind sehr schön, auch ist die Anlage zu seelenvollem Gesange gewiß bey beyden vorhanden; das, was den großen Haufen aber allein anzieht, ist höchste Vollendung im Technischen, wie sie die Sontag z.B. besizt. - Bey zwei Stimmen kann auch noch die hohe Übereinstimmung in Stärke und Schwäche und im Ausdruck von höchstem Interesse seyn und diese wird bey fleißigem Zusammensingen gewiß zu erreichen seyn. Die Reise selbst und die Erfahrung auf derselben wird Sie am besten lehren, was noch zu lernen ist.
Daß Sie mit Holland beginnen wollen, billige ich sehr; auch die Idee in der Badezeit nach Achen und Wisbaden zu gehen, scheint mir gut; von der Reise nach Leipzig und durch Deutschland (von der mir Schmidt schreibt)3 rathe ich Ihnen aber ganz ab; Sie würden sicher nicht die Kosten derselben machen. Diese müssen Sie sich für später und im Winter vorbehalten.
Daß die Schwestern in der Achtung aller Verständigen nur steigen können, wenn sie sich ihrer schönen Talente auf vorgesagte Weise zum Erwerb für [die] ihrigen bedienen, bedarf k[aum noch] der Versicherung.
Schlüßlich bitte ich noch den Inhalt dieses Briefs Herrn Schmidt gefälligst mitzutheilen und mich bey ihm zu entschuldigen, daß ich bey meinen überhäuften Arbeiten ihm nicht auch schreibe.
Mit vorzüglicher Hochachtung

Ew. Wohlgeb.
ergebenster
Louis Spohr.

Erwähnte Personen: Beckerath, Amalie von
Schmidt, Johanna
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Aachen
Leipzig
Wiesbaden
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1830031517

http://bit.ly/2thhZoQ

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief von Beckerath an Spohr. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Beckerath, 22.08.1835.

[1] reüssieren = Erfolg haben.

[2] Identifikation nach Kommentar im Druck: Beckeraths Frau Amalie, geb. Wolff und deren Schwester Johanna Schmidt, geb. Wolff.

[3] Dieser Brief von Georg Schmidt ist derzeit verschollen.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (12.06.2017).