Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. 1.1 <18291209>

Sr. Wohlgeb.
Dem Herrn Organist
Adolph Hesse
in
Breslau
Reusche Straße No 26.


Cassel den 9ten December 29.

Wohlgeborner.
Hochgeehrter Herr,

Ich habe mich einer großen Nachlässigkeit und Unart anzuklagen, daß ich Ihnen für die früher gütigst übersandten Sachen noch nicht gedankt habe. Allein sie kamen gerade an, wie ich im Begriff war, eine Geschäftsreise für das Theater anzutreten1, nach deren Beendigung ich dann so viele Arbeiten und Geschäftscorrespondenz nachzuholen hatte, daß ich darüber alles andere vergaß. Ich bitte deshalb um Ihre gütige Nachsicht und wünsche, daß Sie sich nicht abschrecken lassen, mir dann und wann von Ihnen und dem Breslauer Kunsttreiben gefälligst Nachricht zu geben, wenn ich auch nicht immer sogleich es durch ähnliche Nachrichten von hier erwiedere. Ich bin jetzt mehr wie je mit Geschäfte geplagt und kann mir selten ein Stündchen zur Komposition erübrigen. Doch arbeite ich wieder an einer Oper in 3 Akten und habe den ersten Akt soeben vollendet. Auch schrieb ich mir im Herbst zu Beginn unserer Quartettparthien ein neues Soloquartett.2 Das Vaterunser habe ich noch nicht mit Orchester gehört; doch haben wir’s mit Clavierbegleitung bereits am Cäcilientage bey der Stiftungsfeyer unsres Gesangvereins aufgeführt. - Paganini habe ich noch nicht gehört; wir erwarten ihn erst noch hier. Zwar war er schon einmal hier, aber nur auf wenige Stunden und nur um sich für später anzusagen. Ich bin außerordendtlich gespannt ihn zu hören und werde ganz ungeduldig über sein langes Ausbleiben. - Unsere Winterconcerte haben auch begonnen. In dem morgenden werde ich mein neuestes Concert spielen. - Meine neuen, bey Schlesinger erschienenen Quartetten3 sind leider sehr incorrekt gestochen, obgleich ein Schüler von mir, Herr Ries, die Correctur besorgt hat. - Sollte Herr Naß sie einmal machen wollen, so lasse ich ihn bitten, sie vorher zu probiren, damit die Fehler erst gefunden und verbessert werden. Ihn, sowie alle andern Breslauer Freunde und Bekannten bitte ich herzlich zu grüßen. Freundschaftlich stets

der Ihrige
Louis Spohr.



Dieser Brief ist die Antwort auf einen verschollenen Brief von Hesse an Spohr. Hesses Antwortbrief ist derzeit ebenfalls verschollen.

[1] Vermutlich Dienstreise nach Aachen im Oktober 1829, wo Spohr vergeblich versuchte, die Sängerin Fischer für das Kasseler Theater zu engagieren (vgl. „Fortgesetzte Opern-Chronik des Hoftheaters zu Cassel”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 31 (1829), Sp. 858-862, hier Sp. 859).

[2] op. 83. Das Autograf dieses Quatour brillant ist allerdings auf „Cassel im August 1829” datiert (Folker Göthel, Thematisch-bibliographisches Verzeichnis der Werke von Louis Spohr, Tutzing 1981, S. 139).

[3] Op. 82.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeen: Karl Traugott Goldbach (18.12.2014).