Autograf: Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky (D-Hs), Sign. LA : Curschmann, Karl F. : 1-2

Berlin den 15ten November 1829

Mein lieber Herr Kapellmeister,

Gestern ist Ihr Faust gegeben.1 Wie nicht leicht hier jemand mehr Theilnahme für diese Vorstellung gehabt haben möchte, als ich, so möchte ich auch gern einer der ersten sein unter denen, die Ihnen davon sprechen. Was ich sage, wird natürlich nur die Vorstellung angehn; denn den Werth Ihrer Musik will ich Ihnen nicht auseinandersetzen. Den müssen Sie besser kennen, wie wir andern. Nur so viel von meiner individuellen Ansicht, daß unter Ihren Opern der Faust von jeher mein Liebling gewesen ist. Dessen bin ich mir gestern wieder recht bewußt geworden. Auch war der Beifall nach jedem Musikstück und am Schluß so allgemein, wie ich es den guten Berlinern, deren Geschmack durch Auber und zuletzt durch Paganini vollends verkehrt worden ist, kaum zugetraut hätte. Da sieht man, daß das Beste immer das Beste bleibt, und seines Erfolgs gewiß sein kann. Ich war mit den Meinigen zusammen. Das sind Leute, die zu wenig in der Musik leben, um ein anders als ein unbefangenes Urtheil zu haben. Da hab ich wohl recht meine Freude gehabt, zu sehn, wie direct und natürlich schön2 der Eindruck dieser Musik auf sie war. Und so muss er3 auf jeden sein, der für das wahrhaft Schöne nur einigermaßen empfänglich ist.
Was die Besetzung betrifft, so wird Sie Ihnen wohl schon bekannt sein. Devrient als Faust war sehr gut. Er hat zwar nicht viel Stimme, aber sie ist sehr gut ausgebildet, er singt mit Geschmack und er spielt besser als wir es in Opern gewohnt ist. Zschiesche mit seiner schönen Stimme machte dagegen wenig Effekt. Der Zusatz von Bitterkeit, der er der Rolle geben wollte, gab dem Klang der Stimme etwas so Gemeines wie man auf den Straßen singen hört. Und dazu hatte er nichts von Mephistopheles, wie das rothe Kleid. Den Hugo gab Bader recht schön, aber Wild singt ihn besser. Unerträglich war die Schulz als Kunigunde. Man wußte nicht, worüber man sich mehr ägern sollte, über die Unnatur des Spiels oder die affektierte Überladung des Gesangs. Vortrefflich dagegen hat die Schätzel das Röslein gesungen.4 Sie würden Ihre Freude daran gehabt haben. Die Nebenrollen waren leidlich gut besetzt. Franz durch einen Herrn Hoffmann, der diesmal wenigstens nichts verdorben hat, wie er sonst pflegt.5
Warum sind Sie nicht zur Direction hergekommen? Schneider hat mir manches nicht zu Dank gemacht. Sogleich die Ouverture nahm er so furchtbar rasch, daß die Geigenfigur kaum zu erkennen war. Statt den 4 Sechzehntheil hörte man immer nur ein Reißen über die Saiten. Beim Aufgehn des Vorhangs vermißte ich hier im szenischen Arrangement den Eindruck von altdeutschem Bürgerthum, den ich sonst immer gehabt habe. Wo das C dur eintritt ließen sich hinter Scene Singstimmen hören. Davon habe ich nie was bemerkt. Es rührt auch wohl nicht von Ihnen her. Die Arie des Faust hat Devr. sehr schön gesungen; ebenso das Duett mit der Schätzel. Die Partie der Röschen ist aber auch ohne Zweifel eine der schönsten musikalischen Charakterzeichnungen. Das Sextett ging gut. Von Kunigundens Arie lassen sie mich schweigen. Die folgende des Hugo begeisterte das Publikum. Den schönsten Eindruck des ganzen Abends habe ich von dem göttlichen Terzett im Walde gehabt. Die Ausführung war vortrefflich. Im Finale gabs einige Confusionen.
Im zweiten Akt auf dem Brocken hatte der Maschinist6, wie hier gewöhnlich, einen furchtbaren Spektakel losgelassen. Es war aber [???] und hübsch. Nur hätte ich gern weniger gesehn, um mehr zu hören. Eine prächtige Erz-Hexe gab es hier. Der Übergang zum Choral7 wirkte nicht so, wie es hätte sei sollen; weil man merkte, wie sich hinter der Scene die Hexen nocht nicht beruhigen wollten. Röschens Arie sehr schön. Auch Fausts, bis auf den Schluß. Devrient konnte mit seiner Stimme nicht durch die Geigen hindurch. Das Arrangement der Hochgerichtsszenen hat mir sehr gefallen. Von der Polonaise waren kaum einige Takte gespielt, als das Publikum mitten in der Musik in einen lauten Beifall ausbrach. Die Tänzer trugen keine Fackeln; das konnte ich mir hier nicht erklären, wo man sonst gern jedem Schauspieler eine Fackel in die Hand geben möchte, und, wenn es ging, auch noch eine an jeden Fuß binden. Recht lebendig machte es die Handlung, daß all die Zwischensprüche nicht auf Stelzen gesungen wurden sondern Faust, Kunigunde und Hugo waren mitten unter den Tänzern. Ist denn nach dieser Szene ein Aktschluß? Ich meine, nicht. Hier ließ man den Vorhang fallen. Als Entreact spielten sie die Ouverture aus Macbeth – ich müßte mich sehr irren, wenn sie es nicht gewesen wäre. Dann fing der neue Akt an mit Mephistopheles Arie. Z. sang sie besser wie seine übrige Parthie. Die Hexenszene war wieder sehr gut. Das herrliche Finale aber verlor durch die Schulz, die unaufhörlich detonirte, und durch Zschiesche, der gar zu schwächlich und gutmüthig mit den Leuten conversirte. Die Szenerie am Schluß war, wie die ganze Ausstattung der Oper sehr brillant. Ein rauschender Beifall erfolgte am Ende, und Devrient wurde in Ermanglung eines Größeren gerufen.
Verzeihen sie, daß ich Ihnen nichts wie diese dürftigen Notizen schicke, aber die Zeit drängt8 mich. Ich wollte9 doch gern schon heute Mittag diesen Brief zur Post geben. Ausführlicheres und Besseres werden Sie ja von andern Seiten her erfahren. Ich wollte nur, indem ich Ihnen heut schon schreibe, zeigen, wie sehr ich an allem, was Sie angeht, Theil nehme, und auch von meiner Seite Ihnen wieder einen neuen Dank sagen für das, was Sie der Welt als Künstler gegeben haben.
Leben Sie wohl. Grüßen Sie Ihre Familie von mir. Ich hatte so fest darauf gehofft, Sie alle zum Faust hier zu sehn. Wenn Sie mir einmal mit zwei Worten von Ihrem Leben und jetzigen Arbeiten Nachricht geben wollten, so wäre niemand glücklicher wie ich.

Fr. Curschmann



Spohr beantwortete diesen Brief am 30.11.1829.

[1] Vgl. [Adolph Bernhard Marx], „Faust von Spohr. Auf der königlichen Bühne in Berlin”, in: Berliner allgemeine musikalische Zeitung 6 (1829), S. 373f., 378-383 und 387f.; nur knappe Bemerkungen in „Berlin, Anfangs Januar”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 32 (1830), Sp. 45-48, hier Sp. 45; Allgemeiner musikalischer Anzeiger 1 (1830), S. 204.

[2] „schön” über der Zeile eingefügt.

[3] Hier ein Wort gestrichen.

[4] Schätzel sang am 31.05.1830 die Kunigunde in Kassel (vgl. „Cassel”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 32 (1830), Sp. 440ff., hier Sp. 442).

[5] Etwas anders schätzte Marx die Leistungen der Sänger ein (S. 388).

[6] Noch nicht ermittelt.

[7] Hier ein Wort gestrichen.

[8] Am Wortende ein „e” gestrichen.

[9] Hier gestrichen: „Ihnen”.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (14.10.2016).