Autograf: Beethoven-Haus Bonn (D-BNba), Sign. HCB Br 360
Druck: Ferdinand Ries, Briefe und Dokumente, hrsg. v. Cecil Hill (= Veröffentlichungen des Stadtarchivs Bonn 27), Bonn 1982, S. 441f.

Sr Hochwohlgeboren
Herrn Capellmeister
Spohr
in
Hessencassel

frey


Frankfurt a/m den 9ten May.
1829.

Wohlgeborner,
Hochgeehrtester Herr Kapellmeister!

Verzeihen Sie, daß ich mir schriftlich die Freiheit nehme, Ew. Wohlgeboren ein Anliegen vorzutragen, welches ich Ihnen mündlich zu eröffnen bereits das Vergnügen hatte. Er beruht sich, wie Sie sich erinnern werden, auf den von mir gehegten Wunsch, in Cassel entweder ein Engagement bei der Oper für das Fach der Mütter zu finden, oder bei den jüngeren und noch unausgebildeten Mitgliedern dieser Oper als Lehrerin und Bildnerin angestellt zu werden. Dieser Wunsch ist nunmehr um so lebhafter in mir geworden, als ich seit der Zeit, wo ich mit Ihnen dieserhalb zu sprechen die Ehre hatte, in meinen hiesigen nicht annehmlichen Verhältnissen Veränderungen eintreten sehe, die es mir höchst dringend gebieten, einen Aufenthaltsort zu wünschen, wo ein bessers Unterkommen zu finden were, als hier. Mein Mann ist nämlich seitdem gestorben und diejenigen meiner Kindern, die bei demselben zurückgeblieben sind, werden jetzt wieder unter meiner Obhut gestellt. Zum Glück befindet sich darunter einer meiner Söhne, der gemeinschaftlich mit mir das Brod für uns Alle Verdienen kann. Er ist 19 Jahre alt, singt Tenor, spielt gut Klavier, hat Generalbaß studiert und wünschte, als zweiter Tenor bei einem guten Theater angestellt. Ich erlaube mir, bei Ihnen anzufragen, ob Sie diesen meinen Sohn bei Ihrem Theater anstellen können und würden, im Falle dieß möglich wäre; Ich bitte sie zugleich ebenso ergebenst als ehrerbietigst, mir in meinem Anfragen, Antwortschreiben auf das mich persönlich betreffende Anliegen gütgie Auskunft ertheilen zu wollen und verhare in dieser angenehmen Erwardung

Ew. Wohlgeborn
gehorstamst-ergebene
Dienerin
Mo Köhl ge. Valesi.

Adresse: in der Schlesinger Gasse No. 32.
bey Frau Lochner.


Verehrter Freund!

Ich kann den Wunsch der Md Köhl nicht abschlagen, sie Ihnen bestens zu empfehlen, worüber wir auch schon sprachen – ist es möglich, für diese gute Frau, die sich für ihre Familie wirklich aufopfert, etwas zu thun, so bitte ich Sie darum. Als Sängerin kennen sie selb, als Lehrerin wäre sie gewiß noch1 sehr gut und könnte Ihnen nützlich werden. Hier macht man ihr auch große Schwierigkeiten wegen der Caution für ihren Aufenthalt. Ich fürchte, daß Md. Fischer zu Ihnen kommt, indem ihr Mann Regisseur geworden ist, leben Sie wohl, immer

Ihr Ferd. Ries


Darf ich, geehrtester Herr Kapellmeister! dem Bittgesuch der Frau Köhl, die ich persönlich kenne und schätze, meinerseits eine [Empfehlu]ng2 beifügen, so geschieht dieses mit dem ganzen Interesse, [welche]3 ich an den Schicksalen derselben nehme. Die Stimme Frau Köhl ist noch so vortrefflich, daß sie auch in Privatzirkeln tausendmal mehr angesprochen hat, als es zwei jüngere Stimmen auf dem Theater bisweilen vermögen, an denen man nichts als den wilden Schlag eines ungeübten Musikinstruments vernimmt(?). Als Lehrerin wird sie von allen Seiten sehr gerühmt. Für ihre sittlichen Intentionen rücksichtlich übernommene Verpflichtungen verbürge ich mich. Können Sie in irgend einer Art für diese Frau etwas thun, so üben Sie gewiß ein schönes Werk. Ich benutze diese Gelegenheit, um mich mit aller Hochachtg zu nennen

Ihr(?) ergebenster Diener
Dr. J.C. Kristens(???)4

Erwähnte Personen: Köhl (Sohn, Tenor)
Köhl, Magdalena
Köhl, P.H.
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Frankfurt am Main
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1829050943

http://bit.ly/2XWtP6z

Spohr



Von Köhl und Kristens ist derzeit keine weitere Korrespondenz mit Spohr bekannt. Innerhalb Spohrs Korrespondenz mit Ries ist der letzte erhaltene Brief Ries an Spohr, 19.01.1829, der nächste erhaltene Brief Ries an Spohr, 02.04.1831.

[1] „noch“ über der Zeile eingefügt.

[2] „Empfehlu“ beim Öffnen des Briefs herausgerissen, am rechten Seitenrand aber noch lesbar.

[3] „welche“ beim Öffnen des Briefs herausgerissen, am rechten Seitenrand aber noch lesbar.

[4] Die Transkription dieses Namens folgt hier Hill, ist aber höchst unsicher.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (18.07.2019).