Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms.hist.litt.15[161
Beleg: Goetheautographen, Goethe in den Briefen seiner Zeitgenossen, Briefe aus dem Weimarer Kreis, Briefe deutscher Dichter und Schriftsteller, Musikerautographen aus dem Nachlaß Friedrich Schneiders in Dessau († 1853) und anderem Besitz. Versteigerung 19. Mai 1913 (= Katalog Henrici 15), Berlin 1913, S. 61

Cassel, den 28sten
Februar 29.

Geehrtester Freund,

Entschuldigen Sie gütigst wenn ich Sie mit einer Bitte behellige.
Unser Orchester giebt jedes Jahr am Ostertage mit Unterstützung der beyden Gesangvereine1 ein geistliches Concert zum Besten der Hinterlassenen armen hiesiger Musiker und hat nebst andern Sachen auch Christus am Oelberge von Beethoven für die dießjährige Aufführung gewählt. Nun fehlen uns Partitur und Orchesterstimmen von diesem Werk und wir haben uns deshalb wie wohl vergeblich, schon nach Halberstadt und an Bischoff in Hildesheim gewendet. Letzterer meldet mir, die in Halberstadt2 gebrauchten Stimmen seyen von Dessau und Magdeburg gewesen. Ich bin daher so frei, mich mit der ergebensten Bitte an Sie zu wenden: „uns doch zu der bevorstehenden Aufführung Partitur und sämtliche Orchesterstimmen von Christus am Oelberg gütigst leihen zu wollen“ und verspreche, fals Sie meine Bitte gewähren, alles unbeschädigt gleich nach Ostern dankbarlichst zurückzusenden. Könnten Sie uns auch die Chorstimmen (6 bis 8 fach) beylegen, so würden wir um so dankbarer seyn, da der eine unserer Vereine, diese nicht besizt und wir jezt beym Einstudieren die Stimmen immer hin und her haben schicken müssen. – Die Geigen und Baß-Stimmen hätten wir gern 4 fach; sollten Sie nicht so vielfach haben, könnten Sie uns dann nicht aus Ihrer Nähe die fehlenden verschaffen? Ich fühle wie unbescheiden ich bitte; der wohlthätige Zweck möge mich entschuldigen und der Umstand, daß das, was wir an Schreibgebühren ersparen höchst armen Volke zu gute kommt.
Daß ich Ihnen für Ihr Oratorium3 zwei tüchtige Solosänger, Wild und Fräulein Schweitzer geworben habe, wird Ihnen der Hofrath Seifart wohl schon gemeldet haben. Seit einigen Posttagen sehe ich4 nun der Übersendung der Solostimmen für diese beyden entgegen.
Indem ich nochmals wegen meiner Zudringlichkeit um Verzeihung bitte, unterzeichne ich mit wahrer Hochachtung und Freundschaft ganz

der Ihrige
Louis Spohr.



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Schneider, 26.11.1828. Der nächste überlieferte Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Schneider, 23.04.1829.

[1] Der von Spohr gegründete Cäcilienverein und die von Johann Wiegand als „Gesangverein” gegründete Singakademie wirkten oft bei größeren Konzerten der Hofkapelle mit.

[2] Georg Friedrich Bischoff hatte Beethovens Oratorium im Juni 1828 beim dritten Musikfest an der Elbe in Halberstadt aufgeführt (vgl. A. Kretschmer, „Drittes Musikfest an der Elbe, gefeiert in Halberstadt”, in: Berliner allgemeine musikalische Zeitung 5 (1828), S. 232ff. und 238-242; „Musikfest in Halberstadt”, in: Zeitung für die elegante Welt 28 (1828), Sp. 995ff. und 1001-1005; [Georg Friedrich] Bischoff, „Bericht über das dritte Musikfest an der Elbe, gefeiert zu Halberstadt den 3., 4. und 5. Junius”, in: ebd., Sp. 1151, 1160, 1176, 1184, 1207f., 1216, 1223f. und 1232; „Das dritte Musikfest der Tonkunstfreunde in den Elbgegenden zu Halberstadt”, in: Blätter für die literarische Unterhaltung (1828), S. 621ff.; „Das 3te Musikfest an der Elbe, gefeiert zu Halberstadt am 3., 4. u. 5. Juni 1828“, in: Eutonia 1 (1828), S. 186-191).

[3] Für den Pfingsttag 07.06.1829 war eine Aufführung von Schneiders Oratorium Christus der Meister in Kassel geplant (vgl. Spohr an Schneider, 26.11.1828. „Cassel, den 8ten July“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 31 (1829), Sp. 464f.).

[4] Hier gestrichen: „schon“.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Wolfram Boder (24.07.2017).