Autograf 1: Universitätsbibliothek Kassel (D-K), Sign. 2° Ms. mus. 1500[Sp. 75,17 (Briefanfang)
Autograf 2: Sammlung Gerhard Voss (Briefschluss und Adresse)
Druck: Herfried Homburg, Kassel. Das geistige Profil einer tausendjährigen Stadt. Bilder und Dokumente, Kassel 1969, S. 94 (teilweise, nach Autograf 1)

Sr. Wohlgeb
Dem Herrn Hofrath
Rochlitz
in
Leipzig

franco.


Cassel den 28sten Juli
1828.

Innigst verehrter Freund,

Mit wahrer Rührung habe ich Ihren, mir ewig theuren Brief gelesen. Wie wohlthuend, wie ermunternd ist es, sich von edlen, geistreichen Leuten geliebt und geachtet zu sehen! Nie hat mir ein Beweiß der Theilnahme an mir und meinem Wirken solche Freude gewährt als Ihre Zuschrift und ich danke daher dem Irrthum, der sie mir verschafft hat. Doch dem Himmel sey Dank, ich bin als Familienvater und Künstler in einer sehr glücklichen Lage und habe dauernden Kummer, solchen der am Herzen nagt, noch nie kennen gelernt. Mein Wirken in meinem Amte ist so meinen Wünschen angemessen, wie ich es in keiner andern deutschen Stadt finden könnte. Dies kömmt daher, daß1 unser Theater keine Hofintendanz hat, die sich allenthalben mehr oder weniger störend in die artistische Leitung einmischt. Hier ist mir aber die der Oper ganz übertragen und der Generaldirektor unsers Theaters, der von Musik nichts versteht, zeigt mir dabey das größeste Zutraun. Auch ist es mir gelungen, unsere Oper wennicht zu ersten, doch zu einer der vorzüglichsten Deutschlands zu erheben, was freylich weniger mein Verdienst als das des Zufalls ist, der mich begünstigte, so viele ausgezeichnete Sänger zu vereinigen. Mit Sängerinnen, wie die Damen Heinefetter, Schweitzer, Roland und Sängern wie Wild, Eichberger, Föppel und Sieber läßt sich schon etwas vorzügliches leisten. Mit jeder neuen Ausflucht komme ich auch mehr zu der Überzeugung, daß nirgends die Opern mit mehr auf der Bühne und im Orchester gegeben werden als hier2. Dies wird vom Fürsten und vom Publico anerkannt und ersterer hat mir schon vielfältige Beweise seiner Zufriedenheit mit meinem Streben gegeben. In dieser Hinsicht bleibt mir also nichts zu wünschen übrig als etwa, daß Cassel eine große Stadt und unser Publikum 10 mal so groß als es ist, seyn mögte. – Als Gatte und Vater lebe ich ebenfalls in einer sehr glücklichen Lage. Meine Frau befindet sich, seit ich zwei mal das Bad mit ihr besucht habe, viel besser wie früher und ich darf nun hoffen, sie dauernd gesund zu sehen. Meine beyden ältesten Töchter sind hier an brave Männer3 verheirathet und beyde heiter und glücklich. Die eine4 hat uns schon mit 2 Enkeln beschenkt, die andere5 erwartet ihre Niederkunft binnen wenig Wochen. Unsere 3te Tochter6 von 10 Jahren giebt uns durch gute Anlagen und Fleiß die fröhlichsten Hoffnungen für die Zukunft. So kann ich also in und außer dem Hause heiter seyn und bin es auch in hohem Grade, so daß ich nicht begreife, wie man es anders von mir hat glauben können. Meine Frau erklärt es freilich dadurch, daß ich, wie sie behauptet, beim Dirigiren und selbst beim Solospielen immer sehr finster aussehe, was auch, mir unbewußt, in Halberstadt der Fall gewesen seyn soll, wo ich freilich nicht die mindeste Ursache hatte, da die Musik sehr gut executirt wurde. Dem sey nun, wie ihm wolle, ich bin dem Irrthum Ihres Referenten Dank , da er mir Ihren lieber Brief gebracht hat. Empfangen Sie meinen innigsten Dank für Ihre freundschaftliche Theilnahme.
Die Sinfonie, die nächstes Jahr in Nordhausen gegeben werden soll, war schon vor Ostern fertig und ist hier bereits 2 mal am Ostertage und im großen Concert am 1sten Pfingsttage aufgeführt worden. Ich glaube, Ihre Ratschläge bey der Komposition derselben befolgt zu haben. Sie ist leichter wie die frühern, mehr in großen Massen und mehr heiter als ernst. Sie hatte sich hier bey beyden Aufführungen eines ungewöhnlichen Beyfalls zu erfreuen.7
Herrn Schlesinger in Berlin hat sie, so wie die übrigen neuesten Kompositionen, worunter auch ein 2tes Doppelquartett ist, gekauft und wird alles nach diesem Jahr erscheinen lassen. Der Clavierauszug der neuen Oper: Pietro v. Abano ist in einer sehr eleganten und correkten Ausgabe bereits erschienen und versandt. Wäre etwas, was mich verdreißlich machen könnte, so müßte es der Wiederstand seyn, den das Buch dieser Oper bey den Direktionen, die sie bis jetzt verschrieben haben, finden, und8 der9 noch keine Aufführung außerhalb Cassel hat zu Stande kommen lassen. Wäre diese Oper in Sujet und Musik nicht die wirksamste von allen, so würde es mich weniger ärgern. So hindert z.B. die Bedenklichkeit des Grafen Brühl die Aufführung in Berlin10, wo doch Stücke auf dem Repertoire sind, die viel crassere Scenen enthalten, als meine Oper. Doch auch hierüber habe ich mich längst beruhigt und mich mit der Überzeugung getröstet, daß sie ihren Weg, wenn auch noch später wie die andern, doch wirklich machen wird. Hier waren anfangs auch einige Überzarte und die Katholiken (wegen des kirchlichen Aparats) dagegen; doch mit jeder neuen Aufführung gewann sie an Gunst und jetzt ist sie nächst Faust die Lieblings-Oper geworden. – Das nächste was ich zu schreiben gedenke, sind Lieder für eine Alt- oder Baß-Stimme und Violinquartetten.
Im nächsten Winter wird nun von unserm Oratorio in Wien eine große Aufführung veranstaltet werden. Die Musikgesellschaft des Östr. Kaiserstaates hat mich um Mittheilung der Partitur gebeten, die ich auch bereits abgesandt habe.
Herr Fink bat mich vor wenigen Monathen Berichterstatter über unsere Musikaufführungen für seine Zeitung11 zu sein.12 Ich mußte es ablehnen. Bey dieser Gelegenheit beklagte ich mich, daß die Musik. Zeitung seit einer Reihe von Jahren von meinem Kunsttreiben auch nicht die mindeste Notiz genommen und keins meiner Werke angezeigt oder berutheilt hat.13 Ich bin begierig zu sehen, ob dieß nun, wo ich einen andern Verleger habe, anders werden wird. Sollten Sie, verehrter Freund, darauf einwirken können, daß meine größeren Werke bey Ihrem Erscheinen besprochen werden, so bitte ich recht sehr darum. Und nun Verzeihung, daß ich mich so breit ausgesprochen habe. Ohne die Überzeugung bey Ihnen freundliche Theilnahme zu finden wäre es nicht geschehen.
Mit innigster Freundschaft und Hoch14
stets ganz

der Ihrige
L. Spohr.



Dieser Brief ist die Antwort auf Rochlitz an Spohr, 23.07.1828. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Rochlitz, 06.08.1833.

[1] Hier gestrichen: „mir”.

[2] „als hier” über der Zeile eingefügt.

[3] Johann Heinrich Wolff und Johann Wilhelm Zahn.

[4] Ida Wolff.

[5] Emilie Zahn.

[6] Therese Spohr.

[7] Hier bricht Autograf 1 ab; im Folgenden beginnt Autograf 2.

[8] „und” über der Zeile eingefügt.

[9] Hier gestrichen: „bisher”.

[10] Vgl. Karl Moritz Brühl an Spohr, 30.01.1828.

[11] Allgemeine musikalische Zeitung.

[12] Dieser Brief ist derzeit verschollen.

[13] Dieser Brief ist derzeit verschollen.

[14] Hier bricht das Wort in der Vorlage ab.

Kommentar und Verschlagwortung von Autograf 1, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (13.09.2016); von Autograf 2, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (15.11.2016).