Autograf: ehemals Sammlung Fritz Donebauer
Druck: Ernst Rychnovsky, „Ludwig Spohr und Friedrich Rochlitz. Ihre Beziehungen nach ungedruckten Briefen”, in: Sammelbände der Internationalen Musikgesellschaft 5 (1903/04), S. 253-313, hier S. 282f.

Leipzig d. 23sten Jul. 1828.

Mein geehrter, theurer Freund!

Ich hatte lange nichts von Ihnen und über Sie erfahren; denn was ich etwa in den wenigen öffentlichen Blättern, die ich lese, fand, das war im Grund so viel als nichts. Nun kömmt ein Bekannter, ein verständiger und wohlgesinnter Mann, der dem Musikfeste an der Elbe beygewohnt, zu mir, erzählt mir von demselben Mancherley, was mich freut, und Einiges, was mir Leid thut; unter Letzterem besonders, daß es ihm geschienen, es müßten Verhältnisse, welcherley Art sie seyn möchten, schwer auf Ihnen liegen und Sie um die Heiterkeit und Lebenslust bringen, die Alle, welche Sie in Ihren Werken zu erkennen, zu ehren, zu lieben vermöchten, Ihenn wünschen müßten und die auch dem Künstler, besonderss dem dichtenden, so nothwendig sey. Das betrübte mich, und ich kann seitdem den Gedanken hieran nicht los werden; denn wahrlich, ich gehöre nicht nur zu jenen Ihren Freunden, sondern auch zu denen, welche Ihnen zugleich persönlich, Mann zu Mann, von Herzen ergeben sind. Da erlaube ich mir nun, was sonst zudringlich und unstatthaft seyn würde, mich darüber geradezu an Sie zu wenden, für den Fall, daß Sie sich vielleicht gern einem Freunde eröffnen möchten, einen solchen (etwa um örtlicher Umstände willen) nicht um sich hätten, und mich für fähig hielten, Ihnen auf irgend eine Weise, womit es sey, zur Hand zu seyn, oder wenigstens Ihnen Gelegenheit zu geben, sich schon durch die Eröffnung gegen einen Theilnehmenden selbst das Herz einigermaßen zu erleichtern. Ich selbst bin ehedem eine Reihe von Jahren in solchem Falle gewesen, habe damals keinen solchen Freund besessen, eben darum mir desto mehr am Herzen genagt und den Einfluß auch auf meine Arbeiten sehr schwer empfunden: da ist nun nichts natürlicher, als daß ich Jeden, den ich hochachte und liebe, davon befreyet, ja zu seiner Befreyung – vermag ichs nämlich – beyzutragen wünschen muß. Deshalb, einzig deshalb, schreibe ich, denn sonst habe ich durchaus kein Anliegen und nicht einmal eine Neuigkeit u. dgl. Vielleicht hat aber mein Mann sich geirrt? Desto besser! Sie aber werden mein Blatt darum nicht mißfällig aufnehmen –
„Der Wille, nicht die Gabe macht den Geber.”
Eben fällt mir doch noch Etwas ein! In einer gutgeschriebenen Nachricht von jenem Feste in der hiesigen musikal. Zeitung wird gesagt: Sie werden künftiges Jahr mit einer neuen Symphonie auftreten.1 Das ist schön! Das ist sehr schön! und, irre ich nicht, auch jetzt ganz an der Zeit. Wer soll sonst Symphonien jetzt schreiben? Gleichwohl fängt man fast überall an, sich für diese Gattung wieder mehr zu interessiren, und nun nicht mehr blos zur Unterhaltung, sondern auf eine edlere, würdigere Weise. Wollten Sie, für den Fall, daß Ihr Werk nicht schon fertig oder doch bestimmt entworfen ist, dem alten Freunde und Zunftgenossen einige zutrauliche Worte darüber erlauben? Es liegt ja in Ihrer Hand, sie auch als nicht gesagt, anzunehmen! Schwingen Sie sich eben hier zu dem Großartigen und Heroischen im Charakter auf, wie z.B. in der Introduction Ihrer „Jessonda”, und suchen Sie bey allem Ernst und aller Energie doch möglichst heiter zu erscheinen! lassen Sie es eben hier nicht an einfachen, schlagenden Massen (ich meyne: wie Beethoven im Finale seiner C-moll-Symphonie u. dgl.) und an starken Contrasten zwischen diesen und dem Zartesten, Innigsten fehlen! rechnen Sie ben hier nicht zu viel auf, wenn auch noch so vortreffliche Details der Ausarbeitung, und machen Sie, wenn auch nur der Deutlichkeit und der weiten Verbreitung wegen, die Ausführung nicht allzuschwer! Das sind einfache, wohl auch einfältige Worte: aber darum doch nicht zu verachten. Wie Sie auch die Symphonie schreiben mögen: sie wird überall mit Freunde und Dank aufgenommen werden; aber unter jenen Bedingungen ganz gewiß mit doppelt so viel Freude und Dank. Es ließen sich sogar, dünkt mich, ganz neue oder doch nur selten und sehr unvollkommen benutzte Formen für Symphonien überhaupt ersinnen, was das doppelte Gute hätte, daß es dem Componisten leichter würde, auch in der Ausführung neu zu bleiben, und daß dem leidigen Vergleichen vorgebeugt würde, wovon die Halbkenner und Dilettanten nicht lassen, wie oft man ihnen auch sage, daß sie damit fast immer einem von beyden Theilen Unrecht thun, und sich selbst in ihrem Genusse stören! – Doch genug hiervon! Sie wissen ohnehin, was ich gesagt habe und hier noch sagen könnte, und wissen es besser als ich: da mögen Sie es nur als Beweis meines herzlichen Antheils an Ihnen und Ihren, mir so überaus theuren Werken aufnehmen. Lebten wir an Einem Orte und könnten uns nach Neigung über dergleichen Gegenstände besprechen: dann wäre es ein Anderes und Besseres.
Ich wahrer Hochachtung und treuer Ergebenheit

Ihr
Rochlitz

Erwähnte Personen:
Erwähnte Kompositionen: Beethoven, Ludwig van : Sinfonien, op. 67
Spohr, Louis : Sinfonien, op. 78
Erwähnte Orte: Halberstadt
Erwähnte Institutionen: Elbe-Musikfeste <wechselnde Orte>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1828072336

http://bit.ly/2cKlgVZ

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Rochlitz an Spohr, 09.04.1827. Spohr beantwortete diesen Brief am 28.07.1828.
Das Autograf dieses Briefs wäre von seiner Stellung in der Korrespondenz her zu erwarten in: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus.ep. Spohr-Correspondenz 2,157; in dem betreffenden Band ist diese Faszikel-Signatur jedoch nicht besetzt. Vermutlich wurde dieser Brief bereits entnommen, bevor der Band von der Bibliothek erworben wurde.

[1] „Ueber das dritte Musikfest an der Elbe, gefeyert zu Halberstadt am 3ten, 4ten u. 5ten Juny 1828”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 30 (1828), Sp. 423-426, hier Sp. 426.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (13.09.2016).