Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Dem
Kurfl. Hess. Hof-Capellmeister
Louis Spohr
Wohlgeboren
in
Cassel

franco1


Wohlgeborner
Hochverehrter Herr Capellmeister!

Mühlheim a/d Ruhr d 5ten März
1828

Wenn zwar Pflicht und Schuldigkeit mich schon lange an die Dankbarkeit gegen meinen größesten Wohlthäter mahnten, so muß ich frei gestehen, daß aus Schicksahl sowohl, als der Grund Ihnen etwas Ausführliches meiner Existenz sagen zu können, mich2 bis auf jetzigen Augenblick abhielt. Nicht genug, daß die theure Mutter ein ganzes Jahr darnieder lag, sondern der Tod muß mir auch eine vielgeliebte Schwester rauben, die schon die Freude der Lehrer und Eltern war. Fest vertraut, daß ein liebevoller Mann noch immer einigen Antheil an meinem Schicksahle nimmt, bin ich denn so frei, und erzähle kurz, wie mirs seit meinem Hiersein ergangenen hat.
Im Vorgeigen eines Orchesterstückes, als auch im Sologeigen, routinirte ich mich ziemlich; und schon deßhalb ist die Zeit nicht ganz verloren, die ich beabsichtige hier zu verleben. Wenngleich ich mich nun der Achtung einiger gebildeter Häuser zu erfreuen habe, und auch das Verdienst noch einigermaßen ist, so kann mir doch dieses nicht Ersatz sein, für alle das Viele, welches ich als junger angehender Künstler entbehren muß. Im vergangenen Monathe feierte ich meinen zwanzigsten Geburtstag, und die Lust und Liebe zu einem noch immer fortwährenden Fortgedeihen in der Kunst, machten mich mal reiflich über mein Schicksahl nachzudenken. Deshalb Herr Capellmeister entziehen Sie, einem Ihrer Schüler, der Sie innig liebt, Ihren gütigen Rath nicht. Mein einziger Wunsch ziehlt nach Cassel. Ich unterstützte zwei meiner Brüder während meines Hierseins nach Kräften, wenn der Aeltere als Decorations-Maler rangirt(?), und der Jüngere sich den schönen Wissenschaften ergeben will. An Ersparen konnte ich unter solchen Umständen bis jetzt nicht denken, und nur die Möglichkeit bei einer vorkommenden Vacanz(???) in Ihrem dortigen Hof-Orchester angestellt zu werden; könnte meines Wunsches Befriedieger werden.
Im November endet mein zweites Jahr und da ich mich bald erklären muß, ob ich ein drittes bleiben will, so wollte ich Sie geneigter Bitte gemäß fragen; was ich thun sollte.
Kürzlich gab ich in Düsseldorf Conzert, und ich habe Ihnen der Grüße zwei zu bringen; den der Familie des Herrn Regierungsrath Sybel und des Herrn Troost3 aus dem Luisenthal bei Mühlheim a/d Ruhr.
Ihrer liebenswürdigen Familie den schönsten Gruß darbringend, bin ich der gewesenen Wohlthaten stets eingedenk, und mein einziger Wunsch für Sie ist der, daß Sie der Himmel recht lange erhalten möge. Mit vollkommener Hochachtung mich es fernern Wohlwollens meines verehrten Lehrers empfehlen zu dürfen, erwarte ich wo möglich wenn auch nur wenige Zeilen von Ihrer theuren Hand als

Ihr Sie liebender Schüler
Friedrich Schmidt.

Erwähnte Personen: Schmidt (Mutter von Friedrich Schmidt)
Schmidt (Schwester von Friedrich Schmidt)
Sybel, Amalie von
Sybel, Heinrich Philipp Ferdinand von
Troost, Johann Caspar
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Düsseldorf
Mülheim an der Ruhr
Erwähnte Institutionen: Hofkapelle <Kassel>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1828030540

http://bit.ly/2kSbL00

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Schmidt an Spohr, 18.05.1826. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Schmidt an Spohr, 04.08.1833.

[1] Über dem Adressfeld Poststempel: „MÜHLHEIM A.D. RUHR / 5: MART.“.

[2] „mich“ über der Zeile eingefügt.

[3] Vermutlich Johann Caspar Troost, vielleicht auch einer seiner Söhne oder sogar Enkel.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (24.09.2019).