Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus.ep. Spohr-Correspondenz 2,156
Druck 1: Des Heilands letzte Stunden. Oratorium von L. Spohr, gedichtet von Friedrich Rochlitz. Briefe von Mendelssohn, Rochlitz und Spohr, hrsg. v. H[ans] M[ichael] Schletterer, Zürich 1885 [Separatdruck aus der Schweizerischen Musikzeitung (1885)], S. 14f. [Permalink] [Direkt zum Digitalisat]
Druck 2: Ernst Rychnovsky, „Ludwig Spohr und Friedrich Rochlitz. Ihre Beziehungen nach ungedruckten Briefen”, in: Sammelbände der Internationalen Musikgesellschaft 5 (1903/04), S. 253-313, hier S. 281f.

Leipzig, d. 9ten April 27.

Mein theurer, geehrter Freund!

Mit einem wunderbaren Gemisch von Empfindungen nehme ich die Feder, Ihnen über die gestrige Aufführung des Oratoriums Einiges zu sagen. Wollte ich nur einigermaßen aus einander setzen, was dabey und auf dessen Veranlassung in mir umgegangen, und nun noch nachklingt: so würde ich sehr weitläufig werden müssen; das kann ich aber nicht seyn, da das Blatt heute abgehen soll, und mein Haus überdies, außer mir, jetzt lauter Kranke enthält, wodurch ich immerfort gestört werde. Ich sage daher, kurz, nur das Allereinfachste, ja Einfältigste; was auch der geringste Zuhörer sagen könnte.
Das Werk war mit Liebe und großem Fleiß studirt; die Besetzung im Gesange stark; (26 weibliche Soprane etc.) im Solo, besonders in den köstlichen 4stimmigen Solo-Sätzen, wahrhaft vortrefflich; ja, die Sopranpartie ist wohl gar nicht möglich, schöner, und dem ganzen Sinne und Zwecke des Werks entsprechender auszuführen, als von unsrer lieben, jungfräulichen Grabau, die durch Natur und Bildung ganz eben für solche Musik gemacht ist, geschahe. Die Saiteninstrumente in den Chören waren, gegen den Gesang und die vielbeschäftigten Posaunen, etwas zu schwach; was sich aber nicht ändern ließ. Die Blasinstrumente bewießen die möglichste Delicatesse, und thaten daher, wie Sie sie benutzt haben, herrliche Wirkung. Die Versammlung war, ohngeachtet des lockenden Frühlingswetters, zahlreich. Mit Einem Worte: Es geschahe Alles, was wir vermögen.
Die Wirkung des Ganzen auf das gesammte Auditorium war (ich schreibe Ihnen durchgehends die treueste Wahrheit) nicht ganz so, wie ich mir’s vorher gedacht hatte: aber vielleicht besser. Es imponirte im hohen Grade; es erhielt bis zu letzten Note in feyerlicher Stimmung und innerster Bewegung – daher eine Todtenstille durch das ganze Werk; aber es schien, die Menge wußte nicht, wie ihr geschehe; sie fühlte sich in fremder, ganz ungewohnter Welt; daher durchaus kein Zeichen lauten Beyfalls gegen Einzelner: man ging ernst und still auseinander. Diesen Morgen erst kamen einige unsrer geistvollsten Männer zu mir, voll Ihres Lobes. Noch einmal: Vielleicht war eben diese Wirkung die rechte, und besser, weit besser als die1 ich mir vorher gedacht hatte.
Was soll ich nun von der Wirkung auf mich sagen? Auch ich lebte in fremder Welt; in einer bessern, als die uns umgiebt: aber ich wußte, wie mir geschah. Um Ihnen über das, was mir am allergelungensten erschien, Etwas schreiben zu können, hatte ich die Bleyfeder zur Hand, mir dies im Textbuch anzustreichen: ich kann aber nicht dafür, daß fast alle Stücke ohne Ausnahme angestrichen sind. Soll ich dennoch das anführen, was am allermeisten mir in das Innerste drang: so nenne ich folgendes: Erster Teil: Heilig etc. (Soli u. dann Chor;) Siehe, ein Lamm etc. Weine nicht etc. Das Lamm das erwürget ist etc. Schluß des ersten Theils. Zweyter: Baß-Recitativ, besonders von vorn, bis: geheimstes Inn’re. So ihr mich von ganzen Herzen etc. (Ich würde aber hier die Posaunen weglassen, um die Macht des Gesangs allein wirken zu lassen). Es ist geschehn. – Seelig [sind die]2 Todten etc. und Alles was folg[t. Einzu]wenden habe ich ein3 Einziges: Das A[ndante grave] der ersten Ouvertü[re] hält si[ch, wie mir] scheint, nicht ü[Textverlust]4.
Hiermit [ende ich meine Bemerkungen, mein theurer] Freund; und nochmals meinen herzlichen Glückwunsch, dass Ihnen Gott Kraft und Beharrlichkeit gegeben, dies Werk und ebenso zu vollenden. Belohnt wird es ihnen nicht; ausser in wiefern erhöhte Hochachtung eine Belohnung ist; aber ich kenne Sie genug, um überzeugt zu sein, dass jenes Sie nicht stört, viel weniger Sie bereuen lässt, so viele Zeit, Anstrengung, und hernach selbst unangenehme Bemühung aufgewendet zu haben.
Öffentlich werde ich darüber nicht schreiben, weil die Gemeinheit sonst gleich dahinter her seyn und es mir als Mitgevatterschaft auslegen, mithin Ihnen schaden würde. Hr. HR.5 Wendt hat jenes für einige geschätzte Zeitschriften übernommen6; und wiewohl er (unter uns!) für alles Geistliche nicht sonderlich geeignet ist, so wird er Ihnen doch gewiß Gerechtigkeit, so weit er kann, wiederfahren lassen. Dasselbe wird ohne Zweifel auch in der hiesigen musikal. Zeitung geschehen, wem auch [Herr Här]tel dies Geschäft auftragen mag.7
[Mein Freund,] lassen Sie das Band [inniger Zu]neigung, das dies Werk zwischen uns knüpfte, fortdauern, so [wünscht von Her]zen

Ihr
Rochlitz

Erwähnte Personen: Grabau, Henriette
Härtel, Gottfried Christoph
Wendt, Amadeus
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Die letzten Dinge
Erwähnte Orte: Leipzig
Erwähnte Institutionen: Gewandhausorchester <Leipzig>
Musikverein <Leipzig>
Singakademie <Leipzig>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1827040936

http://bit.ly/2cK5nPg

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Rochlitz, 02.03.1827.  Der nächste überlieferte Brief dieser Korrespondenz ist Rochlitz an Spohr, 23.07.1828.

[1] „die” über der Zeile eingefügt.

[2] Diese und die folgenden durch Abriss eines Teils des Autografs notwendigen Textrekonstruktionen im Folgenden nach Schletterer im Druck 1.

[3] „ein” über der Zeile eingefügt.

[4] Schletterer ergänzt hier „i[mmer auf gleicher Höhe]”, der auf dem Autograf noch vorhandene erste Buchstabe der Phrase scheint jedoch ein „ü” zu sein.

[5] Abkürzung für „Hofrat”.

[6] Vgl. [Amadeus] W[endt], „Ueber die Musik in Leipzig”, in: Berliner allgemeine musikalische Zeitung 4 (1827), S. 407f. und 414f., hier S. 415; ders.(?), „Leipzig, 21. April”, in: Morgenblatt für gebildete Stände 21 (1827), S. 428, 432 und 436.

[7] Vgl. „Leipzig, den 12. April”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 29 (1827), Sp. 301-307.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (13.09.2016).