Autograf: Biblioteka Jagiellońska Kraków (PL-Kj), Sign. Ms. Berol. Varnhagen-Sammlung 237, Spohr

Cassel den 5ten Dec.
26.

Wohlgeborner Herr,

Ihrer Erlaubniß gemäß habe ich das mir gütigst übersendete Opernbuch1 zweien meiner Freunde2 zur Durchsicht mitgetheilt, mich mit ihnen dann wiederholt darüber besprochen und will Ihnen nun, da Sie es gestatten, ja fordern unsere Ansicht freimüthig mittehilen. Zuerst fiel uns allen darin die Ähnlichkeit mit Donna Diana3 auf; doch sind wir der Meinung daß diese dem Interesse der Oper nicht wesentlich schaden werde. Der eine meiner Freunde, der von Musik nichts versteht und das Gedicht daher weniger als Oper, wie überhaupt als dramatisches Gedicht las, war entzückt über die Gewandheit der Sprache in Versen und Dialog und über die treffende Charakteristik der Personen die schon der erste fertige Akt enthält. Er hatte aber auszustellen, daß es dem Gedicht an lokalem Ton fehle und daß daher die Scene eben sogut ein Mittelpunkt von Deutschland wie in Antiochien seyn könne. Ferner fand er, daß die verstellte Eifersucht der Flora, so wie die fingirte Entführung der Aurora, bey dem Zuschauer keine Theilnahme erwecken könne, da er sie als Absicht im Voraus kenne. Mein anderer, musikalischer Freund und ich, fügen dieser Bemerkung noch hinzu, daß es uns scheine, als lasse sich eine verstellte Leidenschaft musikalisch nicht ausdrücken; als Beweiß eines solchen4 verfehlten Bestrebens ist uns das erste Duett zwischen Euryanthe und Eglatine in Webers Euryanthe eingefallen. – Doch gehe ich lieber gleich zu dem Haupt-Bedenken über5 welches ich gegen die vorliegende Bearbeitung des mir übrigens sehr zusagenden Sujets habe. Ich weiß nämlich nicht, wie weder hier, noch bey irgend einem der andern mir bekannten deutschen Theater die 3 Soprane besetzt werden können. Es giebt nirgends mehr als 2 erste Sängerinnen und die Sobrette die aber selten im Gesange exelirt. Wenn das aber auch (wie hier bey Dem. Roland) der Fall ist, so kann man doch einer Sängerin, die das Publikum6 immer als Kammermädchen, Hexe(?) oder Bäuerin zu sehen, gewohnt ist, ohnmöglich die Rolle einer Dame die die Fürstin vorstellen soll, anvertrauen, [Es kommt bey Dem. Roland noch der Umstand hinzu, daß sie auffallend klein ist, daher ohnmöglich eine Rolle übernehmen kann, die eine vornehme Representation verlangt7 es sey denn, daß die Parthi ins Komische gehe, wie z.B.8 in Aschenbrödel9 wo der linkische Stallmeister Dandini die Person des Prinzen vorstellen muß; dieß ist aber doch hier bey der Gräfin Flora nicht der Fall. Ich wüßte daher, damit man die Soubrette bey der Besetzung entbehren könne, keinen andern Ausweg, als daß die Parthie der Lilia im Gesange so unbedeutend gehalten würde, daß sie von einer 3ten Sängerin gesungen werden könnte. Da dieß aber nicht gut angehen wird, so schlage ich vor die Person der Lilia ganz zu streichen und den Herzog als Onkel oder Väterlichen Freund der Aurora, die Intrige leiten zu lassen. Ich weiß im Voraus, was Sie mir als Dichter10 dagegen einwenden werden; der Gewinn für den Komponisten, der aus dieser Änderung entspringen würde, ist aber zu bedeutend, als daß ich sie nicht hätte vorschlagen sollen. Wir hätten dann 5 Personen, die bey jedem Theater gut besetzt werden können, (woran der Erfolg so sehr abhängt,) nämlich Aurora, Flora, erster Sopran, Hyppolit erster Tenor, Lothar Bariton oder hohe Baß, und der Herzog tiefer Bass. Die Parthie des Herzogs würde dann eine bedeutende, im Spiel und Gesange werden, während sie jetzt fast überflüssig ist. Die Monotonie der 3 Soprane würde ebenfalls vermieden, was für den Komponisten ein wesentlicher Punkt ist.
Ist Ihre Geduld nun nicht schon bereits erschöpft, so erlauben Sie mir wohl noch folgende Bemerkungen über Form und Inhalt der Musikstücke des ersten Akts. Der erste Chor, meine ich, sey viel zu lang11; auch ist das Schmücken der Scene mit Blumenkränzen schon gar zu oft, selbst in zweien meiner Opern, in Zemire und Azor und im Berggeist dagewesen. Auch12 ist der Chor bey fast allen deutschen Bühnen so schlecht, daß man ihn so wenig wie möglich allein vorführen, sondern nur zur Verstärkung der Masse bey Finalen und Ensemble-Stücken gebrauchen sollte. Ich schlage daher vor die Oper gleich mit der Landung der Aurora13 (auf der 2ten Seite bey A) zu beginnen.14 - Nun komme ich aber zu einer Hauptsache. Nach meiner und meines musikalischen Freundes Meinung kann ich einer Oper mit Dialogen, wo die Musikstücke nicht zusammenhängen und daher ein jedes für sich eine abschlossene Form haben muß, ohnmöglich ein Rezitativ alleine bestehen, ohne sich an ein Musikstück im Takt anzuschließen, noch viel weniger aber ein Musikstück mit Rezitativ endigen. Es würde ein solches im höchsten Grade unbefriedigt lassen. Auch bildet das Rezitativ sicher keinen bessseren Übergang zur Rede als ein Musikstück im Takt, da die Kluft zwischen Gesang und Rede doch immer dieselbe bleibt. Nach dieser Ansicht, die durch alle bis jetzt existirende Opern mit Dialogen begründet ist, würde das Rezitativ bey B, wenigsten zum Schluß eine andere Gestalt bekommen müsen. Die 3te Nummer hingegen bey C eignet sich sehr zur Komposition15 und ich freue mich schon im Voraus darauf; doch würde es nöthig seyn, um eine gute Musikalische Form hinein zu bringen, den von mir eingeklammerten Text einmal zu wiederholen. Halten Sie dieß dem Inhalte nach für schicklich? - Von Nummer 4, bey D sollte, meine ich, der Anfang, den ich eingeklammert habe, dem Inhalte nach Rezitativ seyn. Auch ist die Zeile „Sey gescheidt” mir als zu prosaisch aufgefallen.16
Nro 5. bey E. die Scene Hippolyts scheint mir wieder sehr dankbar für Komposition.17 Doch müßte ebenfals, um Form hineinzubringen das Eingeklammerte einmal18 wiederholt werden. Der Schluß: „ich bin gestimmt” scheint mir nicht recht zur Arie zu gehören und könnte wohl besser in Dialog verwandelt werden.
Im Finale hätte ich gern den gewöhnlichen Opern-Aparat, den Festmarsch und den Tanz, als etwas wobey sich unser Publikum, nachdem sie es so oft gehabt haben, zu ennuyiren anfangen, weggehabt; wenn es aber, des Ganzen wegen, bleiben muß, so wünchte ich wenigstens, daß die Hauptpersonen gegen das Ende des Finale mehr beschäfftigt wären, daß Aurora z.B. ihr Geühl äußerte beim ersten19 Anblick des Geliebten, daß Lothar seine aufkeimende Neigung zur vermeinten Prinzessin kund gäbe; daß Hippolit durch Aurorens Gestalt sich angezogen zeigte oder dergl. wobey dann der Chor mitwürken müßte. Den Jägerchor hätte ich aber gern zum Anfang des 2ten Akts; auch, meine ich, müßte er im Walde besseren Effekt machen, als in einem Prachtsaale zwischen gepuzten Hofherren. Dann wünschte ich, daß er etwas fremeartiges(?)20 asiatisches haben mögte, welches ich ihm auch in der Musik zu geben versuchen würde, damit er nicht an Webers Jagdchöre erinnere.
Sollten Sie nun meinem Vorschlage, die Person der Lidia ganz zu kassiren, Ihre Zustimmung schenken, und der Herzog statt21 ihrer die Oper beginnen, so könnte jawohl in der Unterredung des Herzogs mit Hippolyt, Lothar die Stelle des Herzogs einnehmen, wodurch diese Person dem Zuschauer auch gleich als richtiger vorgeführt würde.
Ihr Vorschlag, die Personen mit einigen charakterischen Accorden auftreten zu lassen ist neu und die Ausführung, wenn sie gelingt, kann vielleicht von vieler Wirkung seyn. Ähnliches habe ich in meiner Musik zu Macbeth versucht wo die Hexen bey jedem Auftritt durch solche charakteristische Musik angekündigt werden. Ich weiß aber nicht, da ich die Musik noch nicht im Scene gehört habe22, ob die beabsichtigte Wirkung erreicht seyn wird.
Schlüßlich bitte ich, daß Sie mir wegen meiner freymüthigen Bemerkungen nicht zürnen wollen. Sie haben mich durch Ihre gütige Aufforderng selbst dazu veranlaßt. Ich würde mich nun sehr freuen, wenn Sie mir den ersten Akt bald zurücksenden könnten, damit ich mit dem neuen Jahr die Arbeit beginnen könnte. Sollten im Plan des Ganzen wesentliche Veränderungen vorgenomen werden, so würden Sie mich auch sehr verbinden, wenn Sie mir die Skizze zu den 2 folgenden Akten nochmals mitschicken wollten.

Autor(en): Spohr, Louis
Adressat(en): Robert, Ludwig
Erwähnte Personen: Roland, Sophie
Erwähnte Kompositionen: Lindpaitntner, Peter von : Amazone
Rossini, Gioachino : La Cenerentola
Spohr, Louis : Der Berggeist
Spohr, Louis : Macbeth
Spohr, Louis : Zemire und Azor
Weber, Carl Maria von : Euryanthe
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=182612059

http://bit.ly/30k3yEi

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Robert an Spohr, November 1826. Robert beantwortete diesen Brief am 14.12.1826.

[1] Vgl. den späteren Libretto-Druck Die Amazone oder der Frauen und der Liebe Sieg. Oper in drei Aufzügen von Ludwig Robert. Im Musik gesetzt von Lindpaintner, Stuttgart [1832].

[2] Noch nicht ermittelt. Eigenen Angaben zufolge erhielt Spohr Roberts Entwurf am 03.12.1826 (vgl. Spohr an Wilhelm Speyer, 04.12.1826); offensichtlich handelt es sich also um Kasseler Freunde.

[3] Vermutlich das damals viel gespielte Lustspiel von Augustin Moreto (vgl. Donna Diana. Lustspiel in drey Akten. Nach dem Spanischen des Don Augustin Moreto von Carl August Weiß, 2. Aufl., Wien 1823.

[4] Hier ein Wort gestrichen.

[5] „über” über der Zeile eingefügt.

[6] Hier gestrichen: „als”.

[7] Am linken Seitenrand eingefügt.

[8] Hier ein Wort gestrichen.

[9] La Cenerentola von Gioachino Rossini.

[10] „als Dichter” über der Zeile eingefügt.

[11] Vgl. Amazone, S. 3ff.

[12] Hier gestrichen: „sind”.

[13] Hier gestrichen: „zu”.

[14] Vgl. ebd., S. 4.

[15] Vgl. ebd., S. 8f.

[16] Vgl. ebd., S. 10f.

[17] Vgl. ebd., S. 12-15.

[18] „einmal” über der Zeile eingefügt.

[19] „ersten” über der Zeile eingefügt.

[20] Wohl verschrieben für „fremdartiges”.

[21] „statt” über gestrichenem „an” eingefügt.

[22] „habe” über der Zeile eingefügt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (08.06.2020).