Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus.ep. Spohr-Correspondenz 2,154
Druck: Ernst Rychnovsky, „Ludwig Spohr und Friedrich Rochlitz. Ihre Beziehungen nach ungedruckten Briefen”, in: Sammelbände der Internationalen Musikgesellschaft 5 (1903/04), S. 253-313, hier S. 278f.

Leipzig, d. 27sten Octbr. 26.

Ihre beyden, mir anvertrauten Briefe, geehrter Freund, habe ich sogleich mit Adressen versehen – den einen an Hrn. Rath Brümmer0 in Altenburg, den andern1 an Hrn. Prof. Wendt2 hier in Leipzig, als an die beyden Männer, welchen sie zukamen – und längst sind sie in ihren Händen. Daß sie unter Umständen den Entschluß fasseten, Ihr Werk im Klavierauszuge auf eigene Kosten herauszugeben und sich deshalb an die Vorsteher von Singinstituten zu wenden: das macht Ihnen Ehre und erreicht zuverlässig, daß das Werk so weit mehr verbreitet und benutzt wird; zumal da sie den Subscribenten auch für so billige Entschädigung die Partitur zukommen lassen wollen. Möge dieses ganze offene, gerade, würdige Verfahren nur auch Ihnen einigen Vortheil gewähren; woran ich aber nicht zweifle. Über das, was Sie Ihre Verpflichtung gegen mich nennen, machen Sie sich keine Sorge. Ich verbleibe bey dem, was ich Ihnen gleich anfangs geschrieben: Meine Absicht war, durch Sie, als den hiezu Fähigsten unter den Zeitgenossen, ein großes, edles Werk dieser Gattung, zur Freude der Kunstsinnigen und zur Erhauung religiöser Gemüther, hervor zu bringen. Diese Absicht ist durch Sie aufs Schönste erfüllt worden; und ich werde nie ein Wort dagegen sagen, wenn es, was mich betrifft, einzig und allein hierbey verbleibt.
So weit schreibe ich Ihnen als Freund aus meinem Herzen. Nun habe ich aber auch noch Etwas als Beauftragter von der hiesigen Concertdirection zu melden, woran ich nur einen gewissermaßen amtlichen Antheil, als einer der Vorsteher jenes Instituts, nehme; und was ich demnach in dieser Hinsicht von jenem zu unterscheiden bitte.
Sie wissen, wie man hier Sie ehrt und liebt. Mit aller Achtung und Zuneigung gegen Friedrich Schneider, bedauern doch alle, durch ein früheres Wort (wie ich neulich schon gemeldet) für den einzigen Tag des Winters, wo alle Singende zusammentreten, dies Jahr gebunden zu seyn, und so noch ein Jahr warten zu sollen, bis sie Ihr Werk vollständig zu hören bekommen können. Jenes Concert ist, wie Sie wissen, zur Unterstützung hiesiger verarmter Musiker oder Ihrer Wittwen und Waisen.3 Nun wird aber jährlich den Sonntag vor Ostern (Palmarum) auch ein Concert zur Unterstützung der hiesigen allgemeinen Armenanstalt gegeben; wo contractmäßig alle Mitwirkende auf Entschädigung verzichten. Dies Concert wird gleichfalls möglichst feyerlich angeordnet und die Versammlung ist stets sehr zahlreich und die ansehnlichste. Zwar nehmen die Sänger der Akademie und des Musikvereins nicht Theil am Vortrag des Gesanges; aber für die Chöre kann man, außer den Concertsängern, dabey die ganze Thomasschule benutzen; manche Liebhaber treten, wird etwas Beliebtes gegeben, wohl auch freywillig dazu; und die Solisten des Concerts übernehmen die Solopartien; diese4 sind aber dies Jahr, was Sopran, Alt und Tenor betrifft, wahrhaft ausgezeichnet in jeder Hinsicht, und der Baß wenigstens sicher und nicht übel. Nun brauche ich kaum zu erwähnen, daß die hiesigen Institute auf Ihren Klavierauszug subscribiren werden; und sie melden sich jetzt nur darum noch nicht, weil sie hoffen, zuvor noch Mehrere zu werben, damit sie nicht meinem paar Exemplaren angezogen kommen. Unter diesen Umständen soll ich nun die Frage an Sie bringen: Wollen Sie die Güte haben, zu jener Aufführung zum Besten der Armen, die Partitur und Stimmen Ihres Werks zu leihen? (Auch eines gedruckten Text würden Sie, zur Erleichterung des hiesigen Drucks, gefällig beylegen, da mir der meinige verloren gegangen.)5 Man kann sie hierzu nicht wohl kaufen, weil man den Armen alle Kosten ersparen soll; es versteht sich aber, daß wenn das Werk beyfall findet, was gar nicht zu bezweifeln, die Concertdrirection dann für sich Sie um eine Abschrift der Partitur gegen die Gebühr ersuchen wird, um es dann zu einer andern Zeit benutzen zu können. Auch würde man zuverläßig nicht verfehlen, alles Mögliche zu thun, daß das Werk zu einer würdigen Darstellung komme. Um dieses zu erleichtern, würde es nöthig seyn, daß Sie mi[r] jetzt bald Ihre Entscheidung für Ja oder Nein; und dann, im ersten Falle,6 das Erbetene ohngefähr vier Wochen vor Palmarum unter Adresse an den Herrn Baumeister Limburger (allerdings, nicht postfrey) hieher sendeten.
So weit mein Auftrag! Ich bitte Sie, die Entscheidung ohne Rücksicht auf mich persönlich, zu geben; denn, so sehr ich auch wünsche, Ihr Werk zu hören, so thut es mir doch leid, daß es hier zur ersten Aufführung kommen soll, ohne daß Sie davon irgend einigen Vortheil haben würden.

Von Herzen
Ihr
Rochlitz.

Erwähnte Personen: Brümmer, Carl Heinrich
Limburger, Jacob Bernhard
Wendt, Amadeus
Erwähnte Kompositionen: Schneider, Friedrich : Das verlorene Paradies
Erwähnte Orte: Leipzig
Erwähnte Institutionen: Musikverein <Leipzig>
Singakademie <Leipzig>
Thomanerchor <Leipzig>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1826102736

http://bit.ly/2csK86Z

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Rochlitz, 14.10.1826. Spohr beantwortete diesen Brief am 01.11.1826

[0] [Ergänzung 05.09.2018:] Dieses Exemplar der Subskriptionseinladung ist derzeit verschollen.

[1] Hier ein Wort unleserlich gestrichen.

[2] [Ergänzung 05.09.2018:] Dieses Exemplar der Subskriptionseinladung ist erhalten.

[3] Vgl. Rochlitz an Spohr, 21.07.1826.

[4] „diese” über einem unleserlich gestrichenen Wort eingefügt.

[5] „(Auch eines gedruckten Text würden Sie, zur Erleichterung des hiesigen Drucks, gefällig beylegen, da mir der meinige verloren gegangen.)” am Rand eingefügt.

[6] „, im ersten Falle,” über der Zeile eingefügt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (13.09.2016).