Autograf: Biblioteka Jagiellońska Kraków (PL-Kj), Sign. Ms. Berol. Varnhagen-Sammlung 237, Spohr

Sr. Wohlgeb
Herrn Ludwig Robert
in
Carlsruhe.


franco.
Cassel den 21sten Octob
26.

Wohlgeborener Herr,

Die Idee, eine Operndichtung von Ihnen zu komponiren, ist mir zu lieb geworden, als daß ich ihr zu entsagen vermögte. Ich wiederhole daher meine Bitte, Ihre nächste Muße mir und dieser Arbeit zu widmen und mache mich anheischig, das verlangte Honorar von fünfhundert Gulden Rheinisch zu bezahlen. Jener übersteigt diese Summe um mehr als das doppelte, was ich bisher an Honorar für die früheren Opern gegeben habe; da ich es aber nicht an sich zu hoch, sondern nur im Vergleich mit dem, was ein Komponist in Deutschland mit einer Oper gewinnen kann, viel finde; da ich ferner bey der Wahl dieser Kompositions-Gattung von vorn herein auf einen der Arbeit angemessenen Gewinn verzichten muß, so will ich gern ein Opfer bringen, um nur mit einem ausgezeichneten Dichter zu thun zu haben.
Zunächst bringe ich allso meine, schon im vorigen Briefe gethane Bitte wieder in Anregung, daß Sie die Güte haben wollten, mir bis Neujahr wenigsstens den Anfang der Oper zukommenzulassen, damit ich meine Arbeit alsdann beginnen kann, weil ich sonst bis zum Geburtstage des Kurfürsten nicht fertig werden könnte. Daß wir aber vorher über den Entwurf und die Scenenfolge im Klaren seyn müssten, versteht sich von selbst. Ich erlaube mir daher, hier einige Wünsche und Bemerkungen, hinsichtlich des Sujets niederzuschreiben:
Es ist wohl keinem Zweifel unterworfen, daß unsere gewöhnlich deutsche Oper, mit abwechselnder Rede und Gesang, aller Einheit mangele und sich daher nie zu einem abgerundeten Kunstwerke erheben werde; leider ist es aber auch wahr, daß unser Publikum für die große Oper in Rezitativen noch nicht reif ist und zu wenig Musikbildung besitzt, um 2 ½ Stunde fortwährende Musik mit gleicher Aufmerksamkeit und Theilnahme bis an’s Ende anzuhören. Ferner ist nicht zu leugnen, daß die Oper mit Dialogen auch wirklich Vorzüge vor der großen Oper besitze, die mir in folgendem zu bestehen scheinen: 1) kann das Sujet wegen leichterer Verständlichkeit und weil die Reden nicht so viel Zeit einnehmen wie Rezitative, reichhaltiger [und dadurch interessanter]1 seyn, 2tens ist der Eintritt der Musikstücke nach der Rede von viel größerer Wirkung als nach dem Rezitative und 3tens kann der Komponist die Quintessenz seiner Gedanken mehr auf einen Punkt concentriren als bey fortlaufender Musik. Auch ist Ihre Bemerkung sehr wahr, daß die wenigsten unserer deutschen Sänger Rezitativ zu singen verstehen, obgleich zufällig unser hiesiges Personal viel besser Rezitative singt wie redet. Noch alle diesem wünschte ich allso wenigstens für diesesmal, wieder eine Oper mit Dialoguen zu erhalten, um so mehr, da Sie zu dieser Gattung rathen. Was mich und andere nun bey diesem immer am meisten beleidigt, das ist das Beginnen der Rede, derselben Personen, die eben gesungen haben, weshalb ich hier die Frage aufwerfe, ob sich die Scenenfolge nicht so endern lasse, daß die Personen die gesungen haben, jedesmal abtreten und andere mit Rede auftreten?
Nun noch ein Vorschlag zu einem Sujet, dem ich aber nur in der Voraussetzung mache, daß Ihnen kein besseres vorschwebe. Im ersten Theil von Washington Irving’s Bainbridge-Hall steht eine Erzählung „der Student von Salamanca”, die sich, meiner Meinung nach mit wenig Verenderungen zu einer2 romantischen Oper eignen würde.3 Die Personen wären 1. der alte Alchymist. (Baß)4 2. seine Tochter (1ster Sopran) 3) der Student (1ster Tenor) 4) Don Ambrosio (Hoher Baß.) 5.) die Zigeunerin, (verlassene Geliebte des letzteren (leidenschaftlicher Sopran) Nebenpersonen: der Großinquisitor und der Vater des Studenten. Vielleicht könnten auch diese beyden letzten Personen verschmolzen werden. Erster Akt: Scene,5 vor dem alten Schlosse, Finale der Raub von Inez. 2ter Akt: Landhaus von Don Ambrosio. Erst mit Zigeunersängern. Flucht der Inez durch Hülfe der Zigeunerin. Finale. Sitzung des Inquisitionsgerichts. 3ter Akt. Vielleicht das Autodafe mit der Entwickelung. – Ich meyne, der Stoff böte einige Scenen dar, die noch nicht in der Oper da waren. Wie sehr das Publikum sich durch neues angezogen fühlt, habe ich vor ein paar Tagen gesehen, wo wir die weiße Frau von Bojeldieu6 zum ersten mal gaben. Die Auktion, die das 2te Finale bildet,
hat unser Publikum, das sonst sehr kalt ist, zu wahrem Enthusiasmus hingeriss[en] so wie überhaupt die Oper durch ihr Sujet [un]gewöhnliches Glück bey uns gemacht hat.
Doch nun genug. Entschuldigen Sie gütigst das hier gesagte mit dem Eifer, der mich für die Sache beseelt. Ich sehe nun ferneren Mittheilungen von Ihnen mir wahrer Sehnsucht entgegen.
Mit vorzüglicher Hochachtung ganz

der Ihrige
Louis Spohr.

Autor(en): Spohr, Louis
Adressat(en): Robert, Ludwig
Erwähnte Personen:
Erwähnte Kompositionen: Boïeldieu, François-Adrien : La dame blanche
Lindpaitntner, Peter von : Amazone
Spohr, Louis : Der Alchymist
Spohr, Louis : Pietro von Abano
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1826102119

http://bit.ly/2Y8syLT

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Robert an Spohr, 16.10.1826. Robert beantwortete diesen Brief zwischen 23. und 28.10.1826.

[1] Einfügung am Rand.

[2] Hier gestrichen: „O.”.

[3] Ein Libretto für Der Alchymist erhielt Spohr erst 1829 von Carl Pfeiffer (vgl. Louis Spohr, Lebenserinnerungen, Bd. 2, Tutzing 1968, S. 146, Text mit fehlerhafter Paginierung auch online; ders., Louis Spohr’s Selbstbiographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 179), der nach dem Scheitern des gemeinsamen Opernprojekts mit Robert zunächst sein Libretto Pietro von Abano zur Verfügung stellte. Das von Robert zunächst für Spohr geschriebene Libretto Die Amazone vertonte schließlich Peter von Lindpaintner.

[4] „(Baß)” über der Zeile eingefügt.

[5] Hier gestrichen: „das”.

[6] La dame blanche.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (08.06.2020).