Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. 55 Nachl. 76,101
Druck: Edward Speyer, Wilhelm Speyer der Liederkomponist 1790-1878. Sein Leben und Verkehr mit seinen Zeitgenossen dargestellt von seinem jüngsten Sohne, München 1925, S. 95 (teilweise)

Cassel den 15ten
October 26.

Geliebter Freund,

Aus beyliegenden Abdrücken eines Schreibens1 welches ich an alle, mir dem Namen nach, bekannten Direktoren von Gesangvereinen sende, werden Sie ersehen, daß ich mich habe zur Selbstherausgabe des Oratoriums entschließen müssen. Ich habe dieserhalb mit Peters2 und Probst3 unangenehme Correspondenzen gehabt und würde das Werk lieber ins Feuer werfen, als es ihnen unter den, mir vorgeschlagenen Bedingungen geben. Nun könnte ich mich gerne nach an andere Verlage wenden, die mich oft mit Bitten bestürmen, ihnen etwas zu geben; ich bin aber solches Ausbietens meines Werks müde geworden und will mein Heil in der Selbstherausgabe des Werks versuchen. Meine Idee war, es hier bey Arnold lithographiren zu lassen. Ich finde aber, daß dieser mir einen zu hohen Kostenanschlag macht. Ich bin daher auf den Gedanken gekommen, es bey André auf meine Kosten drucken zu lassen und bitte Sie recht sehr deshalb mit ihm zu reden. Ich mögte nämlich wissen:
1. ob er es überhaupt machen will.
2. was das Schreiben und Abdrucken von 500 Exemplaren kosten würde
3. wie hoch sich der Betrag für Papier für jedes einzelne Exemplar belaufen würde und
4. wie viel Zeit zur Vollendung des Werks nöthig ist.
Der Clavierauszug wird nämlich der Berechnung nach 112 Seiten im gewöhnlichen Format haben, ohne den Titel.
Ich setze Ihnen nun noch her, was Arnold fordert, damit Sie einen Maßstab für André’s Forderung haben.
Arnold verlangt für Schreiben und Drucken von 500 Exemplaren --- 250 Rth
Jeder Abdruck an Papier 12 Rth mithin 500 Exempl. --- 250 Rth
500 Rth
In 6-8 Wochen will er es fertig schaffen. Ich müßte allso, um für die Kosten gedeckt zu seyn 167 Subskribenten haben; das scheint mir viel und ich meyne, die Kosten müßten verringert werden können.

den 16ten

Ich hatte diesen Br. liegen lassen, um erst noch Antwort auf meinen vorigen von Ihnen zu erhalten. Da ich aber bereits die meisten Circular-Briefe versandt habe, so muß ich ernstliche Anstalten machen, die Arbeit beginnen zu lassen. Haben Sie doch allso die Güte mir auf obige Anfragen recht bald Antwort von André zu verschaffen.
Die beyden Einlagen bitte ich mit Adressen zu versenden eine dem Direktor Ihres Offenbacher Gesangvereins, die andere aber nach Mainz an den Direktor des dortigen Vereins, dessen Name ich nicht habe erfahren können, zu senden.
Von Robert habe ich immer noch keine Antwort auf den 2ten Brief.4 – Gestern haben wir die weiße Frau zum erstenmal gegeben und obgleich diese Arbeit den frühern Boieldieu’s nachsteht, so hat sie doch, des interessanten Sujets wegen, ganz außerordentlich gefallen. Schimpflich ist es aber für einen Komponisten von Boieldieu’s Rang sich zum Nachahmer Rossini’s zu erniedrigen.
Einer recht baldigen Antwort entgegensehend, wie immer mit inniger Freundschaft

der Ihrige
Louis Spohr.

Erwähnte Personen: André, Johann Anton
Arnold, Carl Heinrich
Peters, Carl Friedrich
Probst, Heinrich Albert
Robert, Ludwig
Rossini, Gioachino
Erwähnte Kompositionen: Boïeldieu, François-Adrien : La dame blanche
Spohr, Louis : Die letzten Dinge
Erwähnte Orte: Kassel
Erwähnte Institutionen: André <Offenbach>
Hoftheater <Kassel>
Peters <Leipzig>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1826101502

http://bit.ly/1oE5GA7

Spohr



Dieser Brief folgt auf Spohr an Speyer, 08.10.1826. Spohr richtete am 24.10.1826 seinen nächsten Brief an Speyer.

[1] Vgl. z.B. Spohr an Peter Joseph Simrock, 15.10.1826 und Nikolaus Simrock, 23.10.1826

[2] Briefe noch nicht ermittelt.

[3] Brief nocht nicht ermittelt.

[4] Vgl. Spohr an Ludwig Robert, 20.09.1826.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (26.02.2016).

Cassel, 15. Oktober 1826.

... Gestern haben wir ,Die weiße Dame’ zum erstenmal gegeben und obgleich diese Arbeit den früheren Boieldieus nachsteht, so hat sie doch des interessanten Süjets wegen ganz außerordentlich gefallen. Schimpflich ist es aber für einen Komponisten von Bouldieus Rang sich zum Nachahmer Rossinis zu erniedrigen ...