Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. 55 Nachl. 76,100

Sr. Wohlgeb
Herrn Wilhelm Speyer
in
Offenbach a/m


Cassel am 8ten October
26.

Geliebter Freund,

Nachdem, was Sie mir vor 14 Tagen schrieben glaubte ich Guhr jeden Tag erwarten zu dürfen und hatte auch bereits wegen Aufführung des Berggeistes das Nöthige mit Feige besprochen. Statt seiner kommt jetzt einliegender Brief von ihm.1 Ich will, da Sie es wünschen, ihm mein Oratorium mit allen Gesang und Orchesterstimmen zur Aufführung borgen und nehme meine Bedingung wegen des Cäcilien-Vereins zurück in der Erwartung, daß seine Versicherung, daß er den Chor mit 100 Personen besetzen kann, wahr sey.
Auf Bezahlung eines Honorars, etwa 5 oder 6 Louisd’or, die ich als Beitrag von mir dem dortigen Griechenverein bestimme, muß ich aber bestehen und da er diese Bedingung in seinem Briefe nicht erwähnt, so vermuthe ich fast, daß Sie sie ihm noch nicht mitgetheilt haben. Ich bitte Sie daher, nochmals mit ihm zu sprechen, sich von ihm die Zusage obiger Bedingung zu machen zu lassen und überhaupt zu hören, wie er das Oratorium auf würdige Art zu besetzen gedenkt. Auch mögte ich wissen, wie viel Orchesterstimmen er gebrauchen wird, damit ich keine unnöthigen mit einpacke. Die 2te Harmonie wird z.B. dort wohl nicht nöthig seyn, da die Blasinstrumente nur einfach besetzt werden. Die Partitur bitte ich, nochmals seiner besondern Obhut zu empfehlen, auch darin, daß sie mir nicht so sehr beschmutzt werde. Auch ersuche ich Sie, nach der Aufführung dafür mit Sorge zu tragen, daß sämtliche Stimmen wieder eingesammelt und sogleich zurückgeschickt werden, da wir nach Neujahr das Werk ebenfalls noch einmal aufführen werden.
Tieck hat mir flegelhafter Weise gar nicht geantwortet2; es soll so seine Art seyn! – Schon vor 4 Wochen schrieb ich deshalb an L. Robert3, erhielt auch gleich Antwort worin er seine Bereitwilligkeit, mir [eine] Oper zu dichten für die Folge vers[ichert,] für den Augenblick aber „überhäufter Geschäfte wegen”, ablehnte.4 Ich habe ihm nun wieder geschrieben und noch einen Versuch gemacht, ihn sogleich zur Arbeit zu bewegen.5 Auf diesen Br. erwarte ich nun die Antwort. – Unterdessen habe ich 6 Lieder und ein Violinquartett geschrieben. Letzteres werde ich für Sie den Stimmen beypacken. – Meine Frau läßt für gefällige Besorgung der Hauben6 danken und wünscht den Preis zu wissen, um gelegentlich das Geld überweisen zu können.
Herzliche Grüße von uns allen. Meine Frau ist jetzt schon unruhig, da Ida jeden Tag ihre Niederkunft erwartet. Adieu. Ihr Spohr.



Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief von Speyer an Spohr. Spohr schrieb seinen nächsten Brief an Speyer am 15.10.1826.

[1] Vgl. Carl Guhr an Spohr, 06.10.1826.

[2] Vgl. Spohr an Ludwig Tieck, 24.07.1826 und Spohr an Speyer, 02.08.1826. [Ergänzung Karl Traugott Goldbach (20.06.2016): Tieck reagierte auf diesen Brief im Mai 1829 in der Vorrede zu einem Band seiner Werke (vgl. Kommentar zum Brief an Tieck).]

[3] Vgl. Spohr an Ludwig Robert, 05.09.1826.

[4] Vgl. Ludwig Robert an Spohr, [Datum]

[5] Vgl. Spohr an Ludwig Robert, 20.09.1826.

[6] Vgl. Spohr an Speyer, 24.05.1826 und 14.08.1826

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (25.02.2016).