Autograf: Stiftelsen Musikkulturens Främjande Stockholm (S-Smf), Sign. LTR 6077
Druck: Music. Books, Manuscripts, Autographs and Engravings (= Katalog Maggs Bros. 476), London 1926, S. 78 (teilweise englische Übersetzung)

Cassel am 24sten
Juli 26.

Wohlgeborner,
Hochgeehrter Herr Hofrath,

Ew. Wohlgeb wollen gütigst verzeihen, daß ich, ohne die Ehre Ihrer Bekanntschaft zu genießen und ohne mich erst von einem Ihrer hiesigen Bekannten in dieselbe einführen zu lassen, mit einer ergebensten Anfrage direkt an Sie wende.1
Seit ich mich der dramatischen Komposition gewidmet habe, ist meine stets Streben gewesen gute Operbücher zur Komposition zu erhalten und ich habe deshalb mehrere Opfer gebracht. Ob nun gleich die, seit jener Zeit erschienenen Opern von mir (Faust, Zemire und Azor, Jessonda, Berggeist,) sich hinsichtlich ihres Textes wohl mit(?) über das Unsinnige, Läppische und Fade der meisten frühern deutschen Opernbücher erheben, so fühle ich doch recht wohl, daß Sie den Anforderungen, die man zu meiner Freude, in neuester Zeit an diese Gattung dramatischer Dichtkunst macht, noch nicht entsprechen können und ich habe daher schon längst den Wunsch gehegt, einmal einen ächten Dichter, der bey reicher Empfindung und gebildetem Geschmack auch Kenntniß der dramatischen so wie musikalischen Formen besitzt, für mein Unternehmen gewinnen zu können. Die Überzeugung nun, daß Sie der einzige der jetzt lebenden Dichter sind2, der obengenannte Eigenschaften in sich vereinigt, müssen Sie es zuschreiben und verzeihn, daß ich mir die Freiheit nehme freymüthig bey Ihnen anzufragen:
ob Sie wohl geneigt wären, mir ein Opernbuch zu schreiben?
Sollten Sie die Sache, wie ich sehndlichst wünsche, nicht ganz von der Hand weisen, so würde ich bitten, mich in Ihren gefälliger Antwort zugleich wissen zu lassen,
unter welchen Bedingungen Sie die Güte haben würden mir eine solche, (Oper in 2 oder 3 Akten und wenn der Stoff es nur einigermaßen erlaubt in Rezitation, ohne Dialoge) zu schreiben, die ein Jahr lang ungedruckt und für diese Zeit mein Eigenthum bliebe; ferner wie bald Sie wohl Muße zu einer solchen Arbeit finden könnten. Schließlich muß ich nochmals bitten, es meinem Enthusiasmus für Kunst und der eben ausgesprochenen Überzeugung gütigst zu verzeihen, daß ich mich mit meinem Anliegen so gerade zu an Sie wende.
Mit innigster Hochachtung und Verehrung habe ich die Ehre zu seyn
Ew. Wohlgeb

gehorsamer Diener
Louis Spohr.
Kurfürstl Hessischer Hof-
kapellmeister.

Erwähnte Personen:
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Der Berggeist
Spohr, Louis : Faust
Spohr, Louis : Jessonda
Spohr, Louis : Zemire und Azor
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1826072419

http://bit.ly/1s9xj6w

Spohr



Aus Spohr an Wilhelm Speyer, 08.10.1826 geht hervor, dass Tieck diesen Brief nicht beantwortete.
[Ergänzung Karl Traugott Goldbach (20.06.2016): Ludwig Tieck reagierte verspätet auf den Brief im „Dresden, im Mai 1829” datierten Vorbericht zu seinem ursprünglich 1798 für Johann Friedrich Reichardt verfassten Libretto Das Ungeheuer und der verzauberte Wald. Dort erklärt er, warum er später nicht wieder ein Libretto verfasste und ergänzt: „Dies mag zugleich als Antwort auf einige mich ehrende Anfragen und Forderungen mancher berühmten Musiker dienen, denen ich bis jetzt Briefe schuldig geblieben bin, weil ich nur weitläufig, und unmöglich mit einem bloßen Nein oder Ja erwiedern konnte. Der berühmte Meister Spohr mag auch diese Aeußerungen hier als Beantwortung seines freundlichen Briefs fürs Erste wohlwollend annehmen. Mündliche Gespräche könnten uns näher bringen und einem gemeinschaftlichen Ziel entgegen führen.” (Ludwig Tieck's Schriften, Bd. 11, Berlin 1829, S. LII).]
Außerdem erwähnt Spohr diesen Brief in seinen Briefen an Speyer vom 02.08.1826 und 14.08.1826.

[1] Demnach machte Spohr 1821 während seines Dresden-Aufenthalts von einem Empfehlungsbrief von Amadeus Wendt keinen Gebrauch (erwähnt in: Amadeus Wendt an Ludwig Tieck, 30.10.1821, in: Briefe an Ludwig Tieck, hrsg. v. Karl von Holtei, Bd. 4, Breslau 1864, S. 281-284, hier S. 284).

[2] Zur Tieckbegeisterung in Kassel Mitte der 1820er Jahre vgl. Fr[iedrich] Müller, Kassel seit siebzig Jahren, zugleich auch Hessen unter vier Regierungen, die westphälische mit inbegriffen, Bd. 1, Kassel 1893, S. 197.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (10.05.2016).