Autograf: Wienbibliothek im Rathaus Wien (A-Wst), Sign. H.I.N.-82896

An Sr Wohlgeborn
dem Kurfürstl. Heß. Hof-Kapellmeister
Herr L. Spohr.
zu
Cassel.

frey.


Hochgeehrtester Herr!
verehrter Freund!

Ich kann nicht umhin, als Ihnen durch ein paar Zeilen die Nachricht zu geben, daß ich als gestern Dienstag den 14. d.M. den Nadori in Ihrer Jessonda als 5te Gast-Rolle mit dem ernstinnigsten(???) und rauschendsten Beyfall sang.1 Das Opernhaus war bey dieser schmäh]lichen Hitze sehr besezt. Das erste Duetto mit dem Priester Dandau wurde sowohl nach dem Andante, als auch zu dem Ende des Allegro rauschend applaudirt; So auch das erste Finale. Das Terzett im ersten Finale ziehen die beyden Weiber Schulz und Seidler zu sehr in die Länge und Breite, ist das Ihr Wille?? Im zweyten Akt gieng erst für mich die Oper an. Meine Polonaise wurde gleich nach der ersten Hälfte stürmisch applaudirt, und am Ende so heftig, daß ich glaubte repitiren zu müßen, wenn nicht das Erscheinen der Amazily dem Lärm ein Ende machte; Das Duett von jeher ein Lieblingsstück, konnte sich, wenn es möglich wäre, nur2 im Beyfalle steigern, da es dreymahl mit Aplaus belohnt wurde; Sogar im dritten Akt wußte ich mir den Beyfall zu erringen; nämlich mit der Stelle: aus Barbaren Händen, im allgemeinen bravo durch das ganz große Haus erscholl, so wie das drauffolgende Terzett: Auf laßt die Fahne. Die Oper ist in jeder Hinsicht sehr gut in die Scene gesezt, und ich habe die Tempo alle so gefunden, wie Sie selbe in Cassel nehmen, nur schlezzen die Weiber einige Tempos, denoch sind beyde vortrefflich. Auch der Krieger Chor im IIt Ackt mußte wiederholt werden, Mit einem Wort es ist eine schöne Vorstellung. Das Publicum war so vergnügt, daß es sogar Blumes Aria mit Beyfall belohnt, der übrigens nicht singen kann, aber die Rolle vortrefflich spielt und vortrefflich costumirt ist. Die M. Seidler ist allerliebst. Sie werden sich wundern, daß ich beynahe 4 Wochen hier bin, und erst 5 mahl sang3; Alcidor, der bereits schon 3 mahl gegeben wurde, nahm die Seidler und Schulz so in Anspruch, daß sie [???] Tage brauchen, um sich zu erhohlen. Endlich tritt die Milder kommenden Freytag in Nurmahal wieder auf. Eigentlich sollte man nicht auftreten sagen, sondern aufsitzen(?), da sie wegen ihres immer noch branden(?) Beins meistens sitzender singen wird. -
Laut meines Urlaubs muß ich 2t July schon bey der Probe zu Cassel erscheinen; ich ersuche Sie bey der General-Direction in meinem Nahmen zu bitten, mir4 ein paar Tage noch zu schenken, und sie können versichert seyn, und bestimmt darauf rechnen, daß ich den 8t July auf der Probe erscheine; da das Publicum wünscht mich mit der Milder in der Iphigenia in Tauris noch zu sehen.5 Da die Prinzeßin v Provence eine sehr leichte Musik ist, so ist es vom 8t bis zum 28t July sehr gut zu lernen, da das Theater erst 15t July eröffnet wird, so glaube ich wird mir die General-Direction diese paar Tage noch zugeben. Ich bitte mir es umgehend mit einigen Zeilen anzuzeigen, wenn aber mit 1t July meine Gegenwart unumgänglich nothwendig seyn sollte, so werde ich bestimmt da seyn; Nochmals [bitte ich] um [b]aldige Antwort, und bin mit der vorzüglichs[ten] Hoch[achtung]

Ihr
ganz gehorsamer
Fr. Wild

Berlin den 15t Juny 826.

Ich bin verschieden gefragt worden, ob nicht Ihr Werk: die letzten Dinge in Düßeldorf aufgeführt: nicht zu haben sey. Ich bitte um Antwort! Empfehlen Sie mich Ihrer Familie schönstens, und sollten Sie gelegentlich meine Frau sehen, so grüßen Sie selbe recht schön.



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Wild an Spohr, 04.07.1825.

[1] Vgl. „Berlin, 14. Juni. Jessonda von Spohr“, in: Morgenblatt für gebildete Leser 20 (1826), S. 719f.

[2] „nur“ über der Zeile eingefügt.

[3] Zu Wild als Othello vgl. „Berlin, den 30. Mai. Othello, Oper in 3 Aufzügen von Rossini“, in: Berliner allgemeine musikalische Zeitung 3 (1826), S. 181f. Zu Wild als Telasco vgl. „Montag, am 7. Juni. Fernand Cortez, Oper in 3 Aufzügen von Spontini“, in: ebd., S. 189f., hier S. 190; „Berlin, Juni“, in: Morgenblatt für gebildete Leser 20 (1826), S. 619f. und 623f., hier S. 619f. . Zu Wild als Joseph und Armand vgl. „Berlin, 11. Juni. Königliches Opernhaus. Joseph von Egypten, von Mehul; der Wasserträger, von Cherubini“, in: Morgenblatt, S. 679f. Zu Wilds Berlin-Aufenthalt auch Franz Wild, „Autobiographie”, in: Recensionen und Mittheilungen über Theater und Musik 6 (1860), S. 19f., 53-56, 68-71, 83-86, 100-106 und 123f., hier S. 85f.

[4] „mir“ über der Zeile eingefügt.

[5] Zu Wild als Orest in Iphigénie en Tauride von Gluck vgl. F., „Königliches Opernhaus. Dienstag, den 27. Juni“, in: ebd., S. 210ff., hier v.a. S. 211.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (04.08.2017).