Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus.ep. Spohr-Correspondenz 2,151
Druck: Ernst Rychnovsky, „Ludwig Spohr und Friedrich Rochlitz. Ihre Beziehungen nach ungedruckten Briefen”, in: Sammelbände der Internationalen Musikgesellschaft 5 (1903/04), S. 253-313, hier S. 272ff.

Leipzig, d. 3ten Apr. 26.

Sie haben mir, theurer Freund, durch Ihren Brief vom 29sten März eine große Freude gemacht. Wie hätte es anders seyn können? Sie haben den schönsten Beweiß empfangen, daß Ihnen ein großes und zugleich ein solches Werk1, das auf die Bessern von denen, die es gehört haben und hören werden, auch noch ganz anders, als blos zum Vergnügen wirken wird, trefflich, ja über Ihre eigene Erwartung gelungen ist: sollte mich das nicht freuen? und dann nicht auch das, daß ich dazu Sie aufgefordert und Ihnen2 Gelegenheit gegeben habe? Nehmen Sie meinen Glückwunsch zur Vollendung dieser Ihrer schönen, in jeder Hinsicht rühmlichen, und gewiß sehr anstrengenden Arbeit; und mögen Sie auch künftig, bey noch mancher Aufführung, dieselbe Wirkung, als bei weitem den schönsten Lohn des wahren Künstlers, an sich und andern erfahren! Wer weiß, ob nicht auch wir Leipziger, wenn auch spät, einmal die Freude haben werden, es von Ihnen aufgeführt zu hören? Bis dahin richte ich mein Augenmerk auf Nordhausen.
Die Veranstaltung in der Kirche war vortrefflich. Die Dauer ist für ein Werk, das so sehr ernst und wo jedes Stück hochgestellt ist, gerade die rechte. Eine längere würde ihm, wenigstens bey der gemischten Menge, schaden; und verlängert man die Pausen, und nicht in's Ungebührliche, so kommen zwey Stunden heraus. – Eine Kleinigkeit! Im Texte, Seite 5 unten, u. S. 6 oben bey der Wiederholung, steht: „und Ehre, und Preiß und Ehre”. So selten es mir begegnet, muß ich mich doch verschrieben haben. Es soll heißen: „und Hoheit, und Preiß und Ehre”. Beydemale. Wenn es zu viele Mühe macht, dies in den Stimmen abzuändern, so ändern Sie es, bitte ich, wenigstens in Ihrem gedruckten Texte, für den Fall, daß er später von neuem abgedruckt würde.
Sollte denn wirklich unter den, an Ihnen und diesem Werk Theilnehmenden Niemand in Cassel seyn, der einen verständigen und gutgeschriebenen Bericht für die hiesige3, und vielleicht auch für die Berliner musikal. Zeitung lieferte? Wie würde ich mir dies zur Pflicht machen, wenn ich auch weder Dichter noch Componisten kennete, ja wenn sie meine Gegner wären! Ich traue daher es auch Andern zu. Sollte indessen es nach einigen Wochen (was die hiesige Z. betrifft: mit der Berl. habe ich gar keine Verbindung) dennoch nicht geschehen seyn: so will ich, nach Ihrem letzten Briefe und nach der Structur des Werks im Allgemeinen, so weit ich sie bestimmt mir denken kann, wenigstens einen kurzen, gleichsam vorläufigen Bericht davon aufsetzen, aber freylich, um Mißdeutungen Übelwollender vorzubeugen, ohne Unterzeichnung meines Namens; und hoffentlich wird Hr. Härtel4 kein Bedenken haben, ihn aufzunehmen. Besser wäre es aber allerdings, es käme mir Jemand aus Cassel zuvor.
Nach Wien hatte ich gleich, als ich Ihnen meldete, ich wolle es thun, geschrieben, und habe auch schon Antwort, doch allerdings nur vorläufige.5 Sie lautet nicht günstig. Der Kaiser wendet alle Dedicationen und Zusendungen möglichst ab – im Grunde aus Ökonomie, weil man glaubt, sie auch wahrhaft kaiserlich belohnen zu mussen, wozu es in den Kassen fehlt; und weil man die Inländer durch Aufnahme fremder Werke nicht anreizen und, würden die ihrigen abgelehnt, nicht kränken will. Der Erzherzog und Cardinal Rudolph aber ist durch Rückkehr seines alten Übels seit letzten Herbst ganz zurückgezogen, untheilnehmend und unzugänglich. Sollte sich indessen, wider Vermuthen, etwas thun lassen, so werde ich es sogleich erfahren und Ihnen melden. Rechnen Sie aber und hoffen Sie lieber auch nicht darauf; ich thue es auch nicht. Was den König von Preußen beträfe, so müßte ich alles Ihnen allein überlassen; weil ich in Berlin gar keine Verbindungen habe. Ihrem Kurfürsten können Sie für so etwas wohl auch nicht beykommen? Ich möchte nur gern Sie, auch in solcher Hinsicht, zufrieden wissen; zufrieden und belohnt! Ich – das wissen Sie ein für allemal – mache gar keine Ansprüche jener Art. Käme etwas: wohl gut! kömmt nichts – auch gut. Es ist ein schönes Kunstwerk zu Stande gekommen; es wird Viele erfreuen; in manchen auch gute Gedanken und Gefühle erwecken: meine Wünsche sind damit erfullt. Fast schäme ich mich so oft davon zu schreiben.
Seit Anfang März hat der Hr. Küstner ihre Zemire und Azor wieder auf unsre Bühne gebracht. Jetzt konnte sie sehr gut besetzt werden: Zemire, Canzi; die Schwestern, Devrient und Erhardt; Azor, Vetter; Vater, Genast etc. Sie wurde mit eben so viel Lust und Liebe ausgeführt, als aufgenommen.6 Ich habe sie in diesen Wochen dreymal, und mit großem Vergnügen gehört. In Hinsicht auf ausdrucksvoll-melodische Erfindungen und auf feste, gleiche, fast elegische Haltung des Ganzen, ist diese Oper unter den Ihrigen, ja unter den neuen überhaupt, sogar mein Liebling geworden; und wie oft sie auch wiederholt werden möge – es muß mir geradezu unmöglich seyn, sonst werde ich sie jederzeit hören. Auch der Berggeist, je näher ich nun mit ihm vertraut geworden bin und je weniger ich durchs Auge abgezogen werde, desto trefflicher finde ich ihn; und zwar nicht blos – wie gleich Anfangs – in den Hauptstücken, sondern nun durchgehends, ohngeachtet, wie Ihnen bekannt, die Ausführung im Gesang und Spiel hier sehr unvollkommen ist. Wenn ich so überschlage, was Sie, und in den verschiedensten Gattungen, der Tonkunst und ihren Freunden dargebracht haben, so steigt meine Hochachtung und Dankbarkeit immer höher, und es thut mir recht eigentlich wohl, daß dieser würdige, hochverdiente Künstler nun auch als Mensch mir näher gerückt und mein Freund geworden ist.
Nun: bey jenem erhalte Sie der Himmel zur Freude der Welt, und bey diesem, zu meiner Freude!

Ihr
Rochlitz.



Dieser Brief ist die Antwort auf den derzeit verschollenen Brief Spohr an Rochlitz, 29.03.1826. Der nächste erschlossene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Rochlitz, 01.05.1826.

[1] Die letzten Dinge.

[2] „Ihnen” über der Zeile eingefügt.

[3] Vgl. „Cassel”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 28 (1826), Sp. 505-508, hier Sp. 507f.

[4] Gottfried Christoph Härtel war der Verleger der von Rochlitz herausgegebenen Allgemeinen musikalischen Zeitung.

[5] Hier zwei unleserlich gestrichene Wörter.

[6] Deutlich kritischer: Amadeus Wendt, „Ueber die Oper in Leipzig”, in: Berliner allgemeine musikalische Zeitung 3 (1826), S. 91ff., hier S. 92f.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (01.08.2016).