Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. 55 Nachl. 76,92
Druck 1: Louis Spohr, Louis Spohr's Selbstbiographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 171,  (teilweise)
Druck 2: Edward Speyer, Wilhelm Speyer der Liederkomponist 1790-1878. Sein Leben und Verkehr mit seinen Zeitgenossen dargestellt von seinem jüngsten Sohne, München 1925, S. 94f. (teilweise)
Druck 3: Louis Spohr, Lebenserinnerungen, hrsg. v. Folker Göthel, Bd. 2, Tutzing 1968, S. 142, Text mit fehlerhafter Paginierung auch online (teilweise)

Cassel am 26sten
März 26.

Geliebter Freund,

Der vorgestrige Tag war für die hiesigen Musikfreunde ein sehr festlicher, denn eine so solenne Musikaufführung wie die meines Oratoriums hat in Cassel noch nicht stattgehabt!1 Auf allgemeinen Wunsch war sie Abends bei beleuchteter Kirche. Wolff, mein Schwiegersohn, der lange in Rom war, machte den Vorschlag, die Kirche wie am Charfreitage in Rom durch Kreuzbeleuchtung zu erhellen und führte die Sache auch aus. Ein 14 Fuß langes, mit Silberfolie überklebtes Kreutz mit 600 Glaslampen behängt schwebte in der Mitte der Kirche und verbreitete ein so helles Licht, daß man allenthalben die Textbücher lesen konnte. Das Orchester- und Sängerpersonal, beynahe 200 Personen stark, war auf der oberen Emporkirche terrassenförmig aufgestellt und für die Zuhörer größtentheils unsichtbar. Das über 2000 Personen starke Auditorium beobachtete während der Musik eine feyerliche Stille. Meine beiden Töchter, Wild, Albert, Föppel und ein Dilettant2, sangen die Solis. Die Aufführung war bis auf ein paar kl. Versehen dieses letzteren völlig fehlerlos. Die Wirkung war, ich muß es selbst sagen, außerordentlich! Nie habe ich bei einer früheren Aufführung eines meiner größeren Werke diese Genugtuung gehabt! Immer hatte ich nachher entweder Mangelhaftes der Ausführung oder auch verfehlten Effekt oder anderes zu beklagen. Dießmal ist das ganz anders. Das Werk ist auch einfach und leicht und doch nicht weniger reichhaltig als die andern. Mit 2-3 Proben wird es jede Diletantten-Gesellschaft so geben können, daß es seines Effekts nicht verfehlt.
Ich freue mich nun sehr auf die Aufführung auf dem Musikfest in Düsseldorf, wo bey einer doppelt so starken Besetzung die Wirkung noch gesteigert seyn muß. Ich rechne fest darauf, Sie dort zu treffen und freue mich unendlich auf unser Zusammenseyn!
Haben Sie doch die Güte den einliegenden Brief3 dem Herrn v. Willemer so zu übergeben, daß es seine Frau nicht sieht. Er hat mir ohne ihr Vorwissen, mir, die Heinefetter betreffende Nachricht gegeben und verlangt sein Briefchen wieder zurück, welches ich ihm hier beyliegend zurücksende. Er fürchtet nämlich, Guhr gehe damit um, uns die Heinefetter noch abspenstig zu machen und sie zum Contractbruch zu verleiten, weil er in der Stadt erzählt, „Die Heinefetter gehe nicht nach Cassel”. Wir sind aber ganz ruhig dabey, da der Contract in aller Form von Mutter und Tochter unterzeichnet und weil zu bündig4 ist um gebrochen werden zu können.
Lassen Sie doch aber Willemer nicht merken, daß ich Ihnen dieß geschrieben habe.
Herzliche Grüße von uns allen. Mit inniger Liebe stets Ihr Freund

Louis Spohr.

Erwähnte Personen: Albert (Tenor)
Föppel, Heinrich
Guhr, Carl
Heinefetter, Sabine
Wild, Franz
Willemer, Johann Jakob von
Wolff, Ida
Wolff, Johann Heinrich
Zahn, Emilie
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Die letzten Dinge
Erwähnte Orte: Düsseldorf
Kassel
Rom
Erwähnte Institutionen: Cäcilienverein <Kassel>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1826032602

http://bit.ly/1TFjoj7

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Speyer, 16.03.1826. Speyer beantwortete diesen Brief am 01.04.1826.

[1] Deutlich zurückhaltender: „Cassel”, in: allgemeine musikalische Zeitung 28 (1826), Sp. 505-508, hier Sp. 507f. 

[2] Noch nicht ermittelt.

[3] Dieser Brief ist derzeit verschollen.

[4] Bündig = „häufig abstract, von sich bindenden, fügenden bestimmungen und schlüssen, treffend, bindend, verbindlich” (Deutsches Wörterbuch, Bd. 2, Sp. 521f., online). 

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (24.02.2016).

Der gestrige Tag war für die hiesigen Musikfreunde ein sehr festlicher; denn eine so solenne Musik-Aufführung wie die meines Oratoriums, hat in Cassel noch nicht stattgehabt! Auf allgemeinen Wunsch war sie Abends bei beleuchteter Kirche. Mein Schwiegersohn Wolff, der lange in Rom war, machte den Vorschlag, die Kirche wie in Rom am Charfreitage, durch Kreuzbeleuchtung zu erhellen und führte auch diese Idee aus. Ein vierzehn Fuß langes, mit Silberfolie überklebtes und mit 600 Glaslampen behängtes Kreuz, schwebte in der Mitte der Kirche und verbreitete ein so helles Licht, daß man allenthalben die Textbücher lesen konnte. Das Orchester- und Sängerpersonal, beinahe 200 Personen stark, war auf der oberen Emporkirche terrassenförmig aufgestellt und für die Zuhörer größtentheils unsichtbar. Das aus etwa 2000 Personen bestehende Auditorium beobachtete eine feierliche Stille. Meine beiden Töchter, die Sänger Wild, Albert und Föppel und noch ein Dilettant, sangen die Soli, und die Aufführung war fehlerlos. Die Wirkung war, wie ich mir selbst sagen mußte, außerordentlich. Nie hatte ich früher bei Aufführung eines meiner größeren Werke diese Genugthuung gehabt! Immer mußte ich nachher entweder Mangelhaftes der Ausführung, oder verfehlten Effekt, oder etwas Anderes beklagen. Diesmal war das ganz anders. Das Werk ist auch einfach und leicht und doch nicht weniger reichhaltig als die anderen.

Cassel, 26. März 1826.
Der vorgestrige Tag war für die hiesigen Musikfreunde ein sehr festlicher, denn eine so solenne Musikaufführung wie die meines Oratoriums, ,Die letzten Dinge’, hat in Cassel noch nicht stattgehabt! Auf allgemeinen Wunsch war sie Abends bei beleuchteter Kirche. Wolff, der Architekt, mein Schwiegersohn, der lange in Rom war, machte den Vorschlag, die Kirche wie am Karfreitag in Rom, durch Kreuzbeleuchtung zu erhellen und führte die Sache auch aus. Ein vierzehn Fuß langes Kreuz mit sechshundert Glaslampen behängt, schwebte in der Mitte der Kirche und verbreitete ein so helles Licht, daß man allenthalben die Textbücher lesen konnte. Das Orchester und das Sängerpersonal, beinahe zweihundert Personen stark, war auf der Emporkirche aufgestellt und den Zuhörern unsichtbar. Das über zweitausend Personen starke Auditorium beobachtete während der Musik eine feierliche Stille ... Die Wirkung war, ich muß es selbst sagen, außerordentlich! Nie habe ich bei einer früheren Aufführung eines meiner größeren Werke diese Genugtuung gehabt ... Das Werk ist einfach und leicht und doch nicht weniger reichhaltig als die andern ... Ich freue mich nun sehr auf die Aufführung auf dem Musikfest in Düsseldorf, wo bei einer doppelt so starken Besetzung die Wirkung noch gesteigert werden muß. Ich rechne fest darauf, Sie dort zu treffen und freue mich unendlich auf unser Zusammensein! ...