Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. 55 Nachl. 76,88
Druck: Eduard Speyer, Wilhelm Speyer der Liederkomponist 1790-1878. Sein Leben und Verkehr dargestellt von seinem jüngsten Sohne, München 1925, S. 93f. (teilweise)

Cassel den 30sten
November 25.

Geliebter Freund,

Herr Schmidt hat mir Ihren Brief gebracht und ich habe ihn bei meinen Hamburger Bekannten eingeführt. Wir kannten ihn übrigens schon längst, denn er hat in Frankfurt meine Kinder unterrichtet.
Das Concert am Hofe haben wir erhalten und ich ersuche Sie, falls nicht schon geschehen, Mad. Elmenreich 30 fl dafür gefälligst auszuzahlen. Die Ergänzung von Joconda erwarten wir aber immer noch; sollte Herr Schmidt sich die Partitur nicht zu verschaffen wissen, so bitte ich Sie, mir die Lagen unserer Partitur, die ich Ihnen übersendete, zurück zu schicken; wir wollen es dann in Braunschweig oder Hannover ergänzen lassen. Verzeihen Sie, daß ich Ihnen soviel Mühe damit mache.
Vauchel verlangt für das Violoncell 550 fl und schreibt gestern an Hasemann „er erwarte mit nächster Post das Geld, oder das Instrument zurück” Nun sind 50 Carolin wirklich zuviel für Hasemann. Doch mögte er es gern behalten und bittet mich, bey Ihnen anzufragen ob Sie oder sonst ein Offenbacher Bekannter von Vauchel, vermittelnd eintreten mögte um jenen zu bewegen 150 oder wenigstens 100 fl vom Preise abzulassen? Ich versprach ihm, es Ihnen zu schreiben, kann mich aber für ein solches Gesuch natürlicher Weise nicht weiter verwenden.
Haben Sie Thibaut’s „Über Reinheit der Tonkunst”1 gelesen? so versäumen Sie ja nicht Nägelis Zurechtweisung im Literatur-Blatt des Morgenblatts auch zu lesen, sie ist höchst merkwürdig!2 Fände sich doch auch ein ähnlicher Kritiker, der das Publikum über den Wert und Unwert der jetzt angebeteten Opernkomponisten aufklärte, von Weber an bis auf Auber herab! Was soll man zu alle dem Geschmier in öffentlichen Blättern sagen, da selbst Leute wie G. Weber3 und Marx4 sich nicht scheuen Spontinis Machwerke als Meisterwerke (hoffentlich gegen ihre eigene Überzeugung) anzupreisen!
Von meinem Oratorium5 ist der erste Theil (die Hälfte des Ganzen) nun fertig. Vor einigen Tagen führte ich ihn gröstentheils mit unsern beiden Gesangvereinen in einem, zum besten der Abgebrannten in Seesen gegebenen Conerte, freilich nur mit Clavierbegleitung auf und hatte die Freude zu merken, daß er einen tiefen Eindruck sowohl auf die Mitwirkende, als auch auf die Zuhörer machte. Diese Wahrnehmung war für micht von größter Wichtigkeit, indem sie mir die Überzeugung gab, den rechten Styl für dieses Werk gefunden zu haben. Ich habe mich nämlich bemüht recht einfach, fromm und wahr im Ausdruck zu seyn und habe alle Künsteleien, alles Schwülstige und Schwierige sorgfältig vermeiden. Der Gewinn ist: leichte Ausführbarkeit von Dilettanten-Vereinen, für die das Werk doch zunächst bestimmt ist und dadurch ein leichteres Eingehen in meine Ideen beym großen Publiko. – Ich werde bey(?) Mühe geben den 2ten Theil eben so einfach zu halten, denn zuweilen kostet es mich große Selbstüberwindung das künstliche zu verwerfen und das einfache vorzuziehen. Einige tüchtige Fugen kommen aber doch hinein. Leben Sie wohl!

Herzliche Grüße an die lieben Ihrigen. Erfreuen Sie uns bald mit einem Briefe. Stets Ihr Freund
L. Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf einen verschollenen Brief von Speyer an Spohr. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Speyer, 09.01.1826.

[1] [Anton Friedrich Justus Thibaut], Ueber Reinheit der Tonkunst, Heidelberg 1825. 

[2] Hans Georg Nägeli, „Zeichen der Zeit im Gebiet der Musik”, in: Morgenblatt für gebildete Stände 19 (1825), Literaturblatt S. 341-359 und 361ff. 

[3] Vgl. z.B. G[ottfried] Weber, „Ueber Spontini's Oper Olympia”, in: Cäcilia 2 (1825), S. 1-27. 

[4] Exemplarisch ist vielleicht ein Aufsatz, der auch noch mit einem Vergleich mit Der Berggeist einsetzt: A[dolph] B[ernhard] Marx, „Alcidor, Zauberoper von Théaulou, komponirt von Spontini”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 2 (1825), S. 187f., 194ff., 198-201, 207-211 und 214ff. 

[5] Die letzten Dinge.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (23.02.2016).

Cassel, 30. November 1825.

... Haben Sie Thibauts ,Über Reinheit der Tonkunst’ gelesen? Wenn nicht, so versäumen Sie es ja nicht. Nägelis Zurechtweisung im Literaturblatt des ,Morgenblattes’ auch zu lesen, sie ist höchst merkwürdig! Fände sich doch auch ein ähnlicher Kritiker, der das Publikum über den Wert und Unwert der jetzt angebeteten Opernkomponisten aufklärte, von Weber an bis auf Auber herab! Was soll man zu alle dem Geschmier in öffentlichen Blättern sagen, da selbst Leute wie Gottfried Weber und Marx sich nicht scheuen Spontinis Machwerke als Meisterwerke (hoffentlich gegen ihre eigene Überzeugung) anzupreisen ...
Von meinem Oratorium, , Die letzten Dinge,’ ist der erste Teil nun fertig. Vor einigen Tagen führte ich ihn mit unsern beiden Gesangvereinen in einem Konzert, freilich nur mit Klavierbegleitung, auf und hatte die Freude zu merken, daß er einen tiefen Eindruck, sowohl auf die Mitwirkenden, als auch auf die Zuhörer machte. Diese Wahrnehmung war für micht von größter Wichtigkeit, indem sie mir die Überzeugung gab, den rechten Stil für dieses Werk gefunden zu haben. Ich habe mich nämlich bemüht, recht einfach, fromm und wahr im Ausdruck zu sein und habe alle Künsteleien, alles Schwülstige und Schwierige sorgfältig vermeiden. Der Gewinn ist: leichte Ausführbarkeit von Dilettantenvereinen, für die das Werk doch zunächst bestimmt ist, und dadurch ein leichteres Eingehen in meine Ideen beim großen Publikum ...