Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. 55 Nachl. 76,82
Druck: Eduard Speyer, Wilhelm Speyer der Liederkomponist 1790-1878. Sein Leben und Verkehr dargestellt von seinem jüngsten Sohne, München 1925, S. 91 (teilweise)

Cassel den 3ten
August 25.

Geliebter Freund,

Wild hat bey uns mit dem allgemeinsten Beyfall gesungen und besonders als Othello alles hingerissen. In Rollen wie Johann v. Paris steht er in Spiel und Figur Gerstäcker nach, weshalb er in diesen nicht solchen Enthusiasmus erregt hat. In wenigen Tagen muß er sich nun entscheiden, ob er der Unsrige wird. Er hat 5000 Rth bey einem 5 jährigen Contract verlangt; 4000 Rth sind ihm geboten, darüber geht aber der Kurfürst nicht hinaus. – Mit Wild zugleich ist Dem. Schweizer von München aufgetreten; eine Sängerin von guter Schule, mit schöner Stimme und gefühlvollem Vortrag und dabey mit einem Talent zur Darstellung begabt, wie es nie bey einer Sängerin mir vorgekommen ist. Sie hat hier das Theater zum ersten mal betreten und nachdem wir ihr einen Lehrer gegeben hatten, die Prinzessin von Navarra1 mit einer Vollendung gespielt, wie wir sie hier früher nicht gesehen haben. Leider ist das arme Mädchen mit einem Bein lahm und der Kurfürst hat eine solche Aversion gegen lahme Leute, daß er bis jetzt noch nicht in ihr Engagement hat einwilligen wollen. Da sie aber mit jeder neuen Rolle größern Beyfall nimmt und stets mit Wild heraus gerufen wird, so hoffe ich, wird er sich doch noch bereden lassen. Dann wäre uns geholfen und ich hätte endlich eine Sängerin für meine Opern!
Aus beyliegenden Briefen von Rochlitz (die ich mir zurückzuschicken bitte,) werden Sie ersehen was ich für eine große Arbeit für nächsten Winter vorhabe.2 Die Gründe, warum ich mich darauf eingelassen habe, sind folgende: 1.) Um meinen Opern Zeit zu lassen zu weiterer Verbreitung, darf ich nicht sogleich wieder eine neue schreiben; auch würde ich mich erschöpfen und wiederholen, wollte ich immer bey demselben Genre von Komposition verweilen. 2tens Das Rochlitzsche, sehr vorzügliche Gedicht würde ich, wenn ich mir nicht gleich bereit, es zu komponieren, erklärt hätte, wahrscheinlich verloren haben und 3tens habe ich Neigung, und wie ich glaube auch Talent, in dem in den Briefen näher bezeichneten Style zu schreiben und endlich ist jetzt, wo so viele Gesangvereine und Musikfeste existiren, auch die rechte Zeit, mit einem solchen Werke hervorzutreten.
Nun noch eine Bitte. Vauchel besitzt, wie er schreibt ein Violoncell von Guarnieri und will es Hasemann zur Ansicht schicken wenn dieser eine Summe, dem Werth des Instruments angemessen, deponiren will. Nun fehlen aber Hasemann, wie bekannt die Summen; doch wird er das Geld zum Ankauf vorgeschossen erhalten. Um es nun hieher zu bekommen, erbiete ich mich zu d[er] Bürgschaft: daß Hasemann unterdem, die, für das Instrument behandelte Summe richtig versende, oder das Instrument, so bald er es probirt, unversehrt und auf seine Kosten an Vauchel zurücksende. Nun wünsche und bitte ich, daß Sie diese Bürgschaft von mir annehmen und würden an Vauchel leisten. Kann dieß geschehen, so schreiben Sie doch, bitte ich bald ein paar Zeilen an Vauchel. – Doch nun genug. Herzliche Grüße
L. Spohr.

Erwähnte Personen: Gerstäcker, Friedrich (Vater)
Hasemann, Nikolaus
Rochlitz, Friedrich
Schweizer-Roller, Louise
Vauchel, Jean
Wild, Franz
Erwähnte Kompositionen: Boïeldieu, François-Adrien : Jean de Paris
Rossini, Gioachino : Otello
Spohr, Louis : Die letzten Dinge
Erwähnte Orte: Kassel
Erwähnte Institutionen: Hoftheater <Kassel>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1825080302

http://bit.ly/1PVrgt2

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Speyer an Spohr, 06.07.1825. Speyer beantwortete diesen Brief am 22.08.1825.

[1] Rolle in Boïeldieus Jean de Paris.

[2] Rochlitz hatte Spohr das Libretto zu Die letzten Dinge angeboten (vgl. Rochlitz an Spohr, 02.07.1825 und 18.07.1825).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (23.02.2016).

Cassel, 3. August 1825.

Aus den beiliegenden Briefen von Rochlitz werden Sie ersehen, was ich für eine große Arbeit für nächsten Winter vorhabe. Die Gründe, warum ich mich darauf eingelassen habe, sind folgende:
1. Um meinen Opern Zeit zu lassen zu weiterer Verbreitung, darf ich nicht sogleich wieder eine neue schreiben; auch würde ich mich erschöpfen und wiederholen, wollte ich immer bei demselben Genre von Komposition verweilen.
2. Das Rochlitzsche sehr vorzügliche Gedicht würde ich, wenn ich mir nicht gleich bereit, es zu komponieren, erklärt hätte, wahrscheinlich verloren haben und
3. habe ich Neigung, und wie ich glaube auch Talent, in dem in den Briefen näher bezeichneten Stile zu schreiben und endlich ist jetzt, wo so viele Gesangvereine und Musikfeste existieren, auch die rechte Zeit, mit einem solchen Werke hervorzutreten ...