Autograf: nicht ermittelt
Druck: Gottfried Weber, „Weitere Nachrichten über die Echtheit des Mozarschen Requiem. Mozarts wahren Verehrern gewidmet”, in: Cäcilia 4 (1826), S. 257-352, hier S. 285f.

Verzeihen Sie, hochgeehrtester ..., wenn ich mich Ihnen mit einer Bitte nähere, welche ich mir vielleicht darum um so eher erlauben darf, weil sie das unendlich theure Andenken unseres unsterblichen Mozart betrifft.
Ich versuche, in dem 11. Heft der Zeitschrift Cäcilia, über die mir sehr zweifelhafte Frage: ob das Requiem, so wie wir es jetzt in gedruckter Partitur besitzen, wirklich ein Werk des grossen Verstorbenen heissen könne, und wie gross oder klein der Antheil des Herausgebers Süssmayer an dem Werke sein möge? theils einiges Licht zu verbreiten, theils aber auch hauptsächlich, Anregungen zu weiteren Forschungen über diese, der Kunst- und Kunstgeschichte so wichtige Frage, zu geben, Mir scheint es nun einmal, als trage in dem befraglichen Werke gar Manches keineswegs den Stempel des Mozartschen Genius; und manche nicht unverständige Personen, mit denen ich seitdem gesprochen, gehen, nachdem sie meine Andeutung hierüber gelesen, nun noch weiter als meine Behauptungen gegangen waren, oder besser zu sagen meine Muthmassungen, welche nämlich nur dahin gingen, dass Süssmayer wohl und sehr unvollständige, vielleicht nicht einmal zusammenhängende Entwürfe und Bruchstücke von Entwürfen vorgefunden, und diese Brouillons, vielleicht nur halb verstanden, nach seiner Art und Weise, und seinen beschränkten Ansichten und Kräften gemäss, zu einem Requiem verarbeitet haben möge. Freilich wäre die ganze Frage mit Einemmal geklärt, wenn das Original-Manuscript, aus welchem Süssmayer die bei Br. et Härtel erschienene Partitur gebildet hat, vorläge: allein, Niemand will von der Existenz desselben etwas wissen, und die bis jetzt eingezogenen Erkundigungen stimmen darin überein, dass Süssmayer selbst kein Original-Manuscript in Händen gehabt habe. In Ansehung der Original-Manuscriptblätter weiset man mich häufig an Hrn. André in Offenbach, allein entweder er besitzt nichts Beweisendes oder will die Beweise nicht vorzeigen. Wollten Sie die Gewogenheit haben, mir über die besagte Frage einigen nähern Aufschluss zu geben und mich dadurch in Stand zu setzen, den in Anregung gebrachten Gegenstand bald noch näher und möglichst befriedigend zu beleuchten, so würde nicht blos ich, sondern der Kunst selbst, und alle diejenigen, denen der Name Mozart heilig ist, Ihnen für solche Mittheilung im höchsten Grade dankbar sein müssen.

Ich habe die Ehre u.s.w.
Gfr. Weber

Erwähnte Personen: André, Johann Anton
Süßmayr, Franz Xaver
Erwähnte Kompositionen: Mozart, Wolfgang Amadeus : Requiems
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen: Breitkopf & Härtel <Leipzig>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1825072643

http://bit.ly/20bJHNG

Spohr



Der letzte Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Weber, 17.07.1824. Spohr beantwortete diesen Rundbrief am 23.09.1825.
Dass Weber dieses an mehrere Musiker gerichteten Rundschreiben auch an Spohr richtete, ergibt sich aus Webers eigener Angabe in: Weber, S. 285, Anm. *. Das Datum des Briefes ergibt sich aus Johann Andrés Antwort: „Ihr gestern eingetroffenes Schreiben vom 26. zu erwidern” (Johann André an Gottfried Weber, 29.07.1825, in: Weber, S. 286f.). Auch wenn Weber vermutlich nicht alle Rundschreiben am gleichen Tag losschickte, dürfte das an Spohr gerichtete Exemplar um den 26.07.1825 entstanden sein.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (19.05.2016).