Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Druck: Johann Nepomuk von Poißl, Briefe (1807-1855). Ein Blick auf die Münchener Musik- und Theatergeschichte, hrsg. v. Volkmar von Pechstaedt (= Hainholz Musikwissenschaft 10), Göttingen 2006, S. 127f.


München den 17ten May 1825.

Wohlgebohrner,
hochverehrter Herr Kapellmeister!

Mit grossem Vergnügen sah ich aus Ihrem Briefe vom iiten dieß, den ich heute erhielt, daß Sie sich meiner noch erinnern, und säume nicht, Ihnen umgehend zu antworten. Ihr hiesiger Korrespondent ist schlecht unterrichtet, wenn er Ihnen schreibt, daß Ihre Oper Faust schon so bald hier gegeben werden soll; denn es konnte vor der Hand an dessen Darstellung aus dem einfachen Grunde nicht gedacht werden, weil wir die Partitur und das Buch gar nicht besitzen, und ich vor der Hand nur erst meinen Entschluß geäußert habe, Sie darum zu bitten, weil ich die bessern und für unsre Verhältnisse passenden Werke aller grossen Meister nach und nach auf unser Repertoir zu bringen entschlossen bin, und durch diese Maßregel nicht nur der Kunst wesentlich zu nützen und den Geschmak zu berichtigen hoffe, sondern auch keine bessere Art wüßte, wie ich jene Herrn Kapellmeister und Direktoren, die seit Jahren meine Werke auf ihren Bühnen zu importiren beliebt haben, überzeugen könnte, daß sie Unrecht thaten, und daß man, wenn man selbst Komponist ist und an der Spitze einer Anstalt steht oder doch wesentlich darauf influiren1 kann, sein Ich und ein paar protegirte Lieblingswerke anderer Meister nicht für die absolute Summe alles Darstellungswerthen halten müsse!
Ich bitte Ew. Wohlgeboren daher nicht nur um Mittheilung des Buches und der Partitur Ihres Faust, den ich auf alle Fälle zu geben entschlossen bin,2 sondern auch um gefällige Mittheilung des Buches Ihres neuesten Werkes (Der Berggeist), damit ich durch Einsicht desselben die hiesige Darstellungs-Möglichkeit beurtheilen kann,3 und füge dazu noch den Wunsch, daß Sie auch gleich das Honorar für das eine wie das andere Werk bestimmen möchten. Zur Partitur des Faust werden Sie dann auch so gefällig seyn alle Ihre Veränderungen, Abkürzungen und Andeutungen für szenische Anordnung hinzuzufügen.
Mit ausgezeichneter Hochachtung habe ich die Ehre zu seyn

Euer Wohlgebohren
gehorsamer Diener
Freyh. von Poißl Intendant der
K. Hofmusik, und beyder K. Hoftheater.

Autor(en): Poißl, Johann Nepomuk von
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen:
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Der Berggeist
Spohr, Louis : Faust
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen: Hoftheater <München>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1825051744

http://bit.ly/39TatH5

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf den derzeit verschollenen Brief Spohr an Poißl, 11.05.1825. Spohrs Antwortbrief ist derzeit ebenfalls verschollen.

[1] „influir en, einfließen, einwirken“ (Friedrich Erdmann Petri, Gedrängtes Deutschungs-Wörterbuch der unsre Schrift- und Umgangs-Sprache, selten oder öfter entstellenden fremden Ausdrücke, zu deren Verstehn und Vermeiden, 3. Aufl., Dresden 1817, S. 244).

[2] „den ich auf alle Fälle zu geben entschlossen bin,“ auf der Seite unten links eingefügt. – Die Münchener Erstaufführung fand am 21.07.1826 statt (vgl. „München“, in: Flora (1826), S. 487).

[3] Eine Aufführung des Berggeist kam nicht zustande, vermutlich weil mit dem Poißl an Spohr, 07.10.1825 die Korrespondenz abbrach (vgl. Kommentar dort).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (31.07.2020).