Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. 55 Nachl. 76,230
Druck: Edward Speyer, Wilhelm Speyer der Liederkomponist 1790-1878. Sein Leben und Verkehr mit seinen Zeitgenossen dargestellt von seinem jüngsten Sohne, München 1925, S. 87 (teilweise)

Herrn
Kapellmeister Louis Spohr
Wohlgeb
Cassel
in Hessen.


Amsterdam 12 Mai 1825.

Theurer Freund!

Bei meiner Ankunft in Cöln finde ich eine Beurtheilung über Jessonda in dem Unterhaltungsblatt1, sehr vernünftig und gut geschrieben. Ich nehme sie zu mir u werde sie Ihnen in Offenbach mittheilen. Zu meier großen Freude hörte ich, daß die 2te Aufführung den folgenden Tag stattfinden werde. Dieses bewog mich, meine Abreise bis nach Beendigung der Oper aufzuschieben. Um 5 Uhr war das Haus gedrückt voll. Ich hatte einen Platz in einer Loge. Das Orchester wird von Maria Webers Bruder dirigirt und besteht fast gänzlich aus Greisen, lauter 60 bis 70 jährige Menschen. Es besteht aus 10 Geigen, Bratsche, 1 Violoncell & Baß, keine Posaunen, 2 Horn, 1 Fagott u.s.w. – Das Tempo der Einleitung und Introduction war Allegro moderato, dasjenige der Ouverture hingegen Allegro ma non troppo. Die 3 Accorde in der Introduction ohne Posaunen waren scheußlich anzuhören besonders [Nbs] Das Pizzicato im Bass hörte man durchaus nicht. – Das nun folgende Solo von Dandau, Grave. In diesem Verhältnis waren fast alle Tempi vergriffen. – Höchst possierlich war der Waffentanz der Portugiesen. Es marschierten nämlich 10 Soldaten mit Ober- und Untergewehr auf und exercirten. Sie machten alle Handgriffe der neuesten Soldatenschule durch, praesentirten das Gewehr, schulterten, fällten das Bajonett, chargirten in 12 Tempo, gaben blind Feuer u.s.f. Es war zum Zerbersten. Im 3ten Akt blieb die Vision weg, auch ließ sich nichts vom Donnerwetter spüren, plötzlich fiel das Götterbild zusammen, ich weiß noch nicht warum. – Die Besetzung war nicht ganz schlecht, besonders die Amazili (Dme. Nathan2) beinahe ausgezeichnet. Dieses Mädchen spielte und sang mit Feuer u. hob die Parthie ganz außerordentlich. Auch Jessonda (Mad. Jost) gab sich viele Mühe, verdarb nichts, u. war sogar in manchen Scenen (bei der Erkennungsscene) sehr brav(?). Allein unglücklicher weise ist sie vielleicht eine Altistin3 u. kämpfte entsetzlich mit dem hohen Part(?). – Bei der Stelle in der letzten Arie: „nur Lotos will ich pflanzen” war sie recht in ihrem Element. Bei alle dem war der Beifall stürmisch u. jedes Stück wurde beklatscht. – Ich behalte mir vor, Ihnen mündlich mehr darüber zu sagen. – Ich denke doch daß ich Sie Anfangs Juni mit den Ihrigen bei mir sehe. Uebermorgen denke ich auf 10 Tage mit dem Dampfschiff von Rotterdam nach London zu gehen. Da ich so nahe bin, u. die Jahreszeit so günstig ist, so kann ich der Versuchung nicht widerstehen. – Ich freue mich unendlich Sie heuer(?) so bald zu sehen und umarme Sie von Herzen.

WmSpeyer.

Schreiben Sie mir Ende dieses nach Offenbach, wann ich Sie erwarten soll.

Haben Sie keine Antwort von Wild?

Erwähnte Personen: Jost, Theophile
Ubrich, Adelheid
Weber, Carl Maria von
Weber, Edmund von
Wild, Franz
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Jessonda
Erwähnte Orte: Köln
London
Offenbach
Rotterdam
Erwähnte Institutionen: Theater <Köln>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1825051232

http://bit.ly/1XKakJc

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Speyer, 07.05.1825. Der nächste Brief dieser Korrespondenz ist Speyer an Spohr, 04.06.1825.

[1] „Freitag den 6. Mai. Jessonda, große Oper in 3 Abtheilungen von Gehe, Musik von Spohr”, in: Kölnisches Unterhaltungsblatt 06.05.1825, S. [5f.]. 

[2] Adelheid Nathan, später verh. Ubrich.

[3] Dem gegenüber hält der Rezensent des Kölnischen Unterhaltungsblatts fest, Jost habe „eine schöne runde Stimme in der Höhe, - eine minder angenehme in der Tiefe” (ebd., S. 6; vgl. Martina Grempler, „Köln hat ein Schauspielhaus, aber kein Theater (1813-1829)”, in: Oper in Köln. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, hrsg. v. Christoph Schwandt, Berlin 2007, S. 47-77, hier S. 70f.). 

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (23.02.2016).

Amsterdam, 12. Mai 1825.

Bei meiner Ankunft in Köln hörte ich zu meienr großen Freude, daß die zweite Aufführung der ,Jessonda’ den folgenden Tag stattfinden werde. Dieses bewog mich, meine Abreise bis nach Beendigung der Oper aufzuschieben. Um 5 Uhr war das Haus gedrückt voll. Ich hate einen Plöatz in einer Loge. Das Orchester wird von einem Bruder C.M. von Webers dirigiert und besteht fast gänzlich aus Greisen, alles sechzig bi siebzigjährige Menschen. Es besteht aus 10 Geigen, 1 Bratsche, 1 Violoncell, 1 Konterbaß, keinen Posaunen, 2 Hörnern, 1 Fagott usw. ... IN diesem Verhältnis waren fast alle Tempi vergriffen. – Höchst possierlich war der Waffentanz der Portugiesen. Es marschierten nämlich 10 Soldaten mit Ober- und Untergewehr auf und exerzierten. Sie machten alle Handgriffe der neuesten Soldatenschule durch, präsentierten das Gewehr, schulterten, fällten das Bajonett, chargierten in 1 2 Tempo, gaben blind Feuer usw. Es war zum Zerbersten. Im dritten Akt blieb die Vision weg, auch ließ sich nichts vom Donnerwetter spüren. Plötzlich fiel das Götterbild zusammen, man wußte nicht warum ... Bei alledem war der Beifall stürmisch und beinahe jedes Stück wurde beklatscht ... Übermorgen denke ich auf zehn Tage mit dem Dampfschiff von Rotterdam nach London zu fahren. Da ich so nahe bin und die Jahreszeit so günstig ist, so kann ich der Versuchung nicht widerstehen ...