Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. 55 Nachl. 76,78

Sr. Wohlgeb
Herrn Wilhelm Speyer
in
Offenbach a/m


Cassel den 31sten März
25.

Geliebter Freund,

Ihr lieber, langer Brief hat uns viel Freude gemacht, weil er uns glauben läßt, daß es Ihnen bey uns nicht ganz misfallen hat. Meine Frau ist besonders stolz darauf, daß Sie bey uns Ihre gewohnte Bequemlichkeit nicht vermißt haben wollen. Wir hoffen nun daß Sie Ihren Besuch in Gesellschaft Ihrer lieben Frau recht bald einmal wiederholen werden.
Leid tut es mir sehr, daß Sie der 2ten Aufführung der Oper nicht beiwohnen konnten indem bey dieser alles störende der ersten glücklich vermieden wurde und so das dramatische der Musik in helleres Licht trat.1 Besonders bewährte sich nun bey mir und einigen andern die Überzeugung daß der 3te Akt der beste sey. – Die Sänger sangen zwar nicht besser wie das erste mal, spielten aber viel mehr zusammen, wie durch die Musik auch an Wirklichkeit gewann. Der Berggeist war sehr gut bey Stimme und wurde auch lebhaft nach seiner zweyten Arie im 3ten Akt applaudirt.2 Das Publikum war überhaupt ungewöhnlich lebendig und gab lauter Beyfall wo es sich einigermaßen einschieben lassen wollte. Einige Modulationen und Übergänge wurden mir auf die Art verdorben. Nach allen Aktschlüssen, besonders nach dem letzten wurde ein vollchöriges Bravo gerufen. Das Theater war, obgleich im abonnement suspendu ganz gefüllt, was ich Wunder nahm, da die Leute durch alle die ungewöhnlichen Ausgaben ganz erschöpft sind. – Einige Urtheile bestätigen meine Erwartung, daß diese Oper durch ihre zahlrei[ch]en heitern und lieblichen Melodien sich beym unmusikalischen leichter Eingang verschaffen werde [wie] die frühern. – Dem Direktor des braunschw. Theaters Dr. Klingemann (sein Ahasver fiel gänzlich durch!) habe ich statt der neuen Oper die Jessonda mitgegeben, da ich nicht ganz will, daß sie dort zuerst gegeben werde. Er ließ sich leicht bereden, da die neue mehr in Scene zu setzen kostet. – Gestern hatten wir die erste gr. Orchesterprobe vom Messias, heute werden wir die 2te haben und morgen die Aufführung. Die Schwenkesche Instrumentirung ist vortrefflich und das Werk durch sie, selbst in den Arien, unserer Zeit viel näher gerückt. – Leben Sie wohl. Die herzlichsten Grüße. Stets

Ihr treuer Fr. L. Spohr.

Erwähnte Personen: Klingemann, Karl
Speyer, Charlotte
Spohr, Dorette
Erwähnte Kompositionen: Händel, Georg Friedrich : Der Messias
Spohr, Louis : Der Berggeist
Spohr, Louis : Jessonda
Erwähnte Orte: Kassel
Erwähnte Institutionen: Hoftheater <Kassel>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1825033102

http://bit.ly/1SNanEw

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Speyer an Spohr, 27.03.1825. Der nächste Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Speyer, 06.04.1825.

[1] Vgl. „Cassel”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 27 (1825), Sp. 359-363, hier Sp. 361; „Cassel, 27. März”, in: Bayreuther Zeitung (1825), S. 409.

[2] In der ersten Vorstellung, die zur Heirat der Kasseler Fürstentochter Marie mit dem Herzog von Sachsen-Meiningen stattfand, durfte der Etikette wegen gar nicht applaudiert werden (vgl. „Kassel”, in: Berliner allgemeine musikalische Zeitung 2 (1825), S. 154f., hier S. 155). 

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (22.02.2016).