Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Ms. ep. Spohr-Correspondenz. 2,115
Druck: [Ernst Rychnovsky], Beschreibendes Verzeichnis der Autographen-Sammlung Fritz Donebauer in Prag, 2. Aufl., Prag 1900, S. 182 (teilweise)

Herrn Capellmeister L. Spohr
Wohlgeb.
in
Cassel

dch. freundl.
Besorgung


Hamburg,
am 27. Jan.
1825.

Mit Vergnügen, mein theurer Freund, benutze ich die sich mir darbietende Gelegenheit, um durch das kleine Davidchen1, das wieder zu seinem Geläute eilt (ein alter Spaß!), Ihnen einige Zeilen zu senden, und Ihnen zu sagen, daß mir’s wohlgeht. Alle Berichte über Sie lauten auch vortrefflich, und so ist’s gut. Ich habe mir in der neusten Zeit viel von Ihnen erzählen laßen können, u. noch jetzt wimmelt Hamburg von Caßelschen Künstlern. Der intereßanteste darunter ist eben der kleine Mann, der Ihnen diese Zeilen bringt (ich rechne ihn mehr Ihnen als uns zu) und behaupte, daß unter allen Ihren Schülern gerade dieses kleine Kerlchen Ihnen die meiste Ehre und Freude machen wird. Er hat mir vor einigen Tagen Ihr Frankenhäuser Konzert2 fast meisterlich vorgespielt. Ein herrlicher Junge. Auch hat er viel Anlage zur Composition. Ein Quartett, daß er mir hören ließ, hat noch eine sehr mangelhafte Form, verräth aber unläugbares Talent. An dem Abende, der mir diese beiden Sachen brachte, hörte ich endlich auch Ihr Doppelquartett. Obgleich die Ausführung noch gar manches zu wünschen übrig ließ, so hat es mich doch in einem Grade entzückt, wie3 lange kein musikalisches Werk. Nächstens werde ich es mir ganz privatim und wo möglich mit der Partitur in der Hand und also unter meiner Leitung vortragen laßen. Nochmals – es ist ein herrliches Werk! –
Vielleicht laße ich Ihnen bald auch etwas von mir hören. Ich muß nur leider so viel dem Brodstudium (d.h. dem Stundengeben) opfern. Ich könnte sonst viel mehr schaffen. Nun – mit der Zeit! Höre nur nichts von Jessonda und dem Berggeist? – ´S ist eine mühselige Sache um eine unmusikalische Direction. Gott beßer’s!
A propos! Hätten Sie wohl Lust, sich in einiger Zeit eines jungen Mannes4 mit einer wunderhübschen Tenorstimme anzunehmen? Er hat große Neigung zum Theater, sehr hübsche Figur, u. sonstige anständige Bildung. Er ist seit einem Jahre mein Schüler, u. da er vorher gar keinen Unterricht genoß, so ist er begreiflichermaßen musikalisch noch nicht ganz fest; ich denke aber diesen Sommer u. Herbst ihn noch ziemlich vorwärts zu bringen. Können Sie ihn dann brauchen? u. wie ohngefähr? Bitte, schreiben Sie mir ein Zeilchen darüber. Der junge David hat ihn gehört u. kann u. kann Ihnen also ein ausführliches Urtheil sagen. Addio, mein threuer Freund! Herzliche Grüße den Ihren

von Ihrem unwandelbaren
A. Methfeßel

Wie beklage ich meinen guten Gerstäcker5!

Erwähnte Personen: David, Ferdinand
Gerstäcker, Friedrich (Vater)
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Der Berggeist
Spohr, Louis : Doppelquartette, op. 65
Spohr, Louis : Jessonda
Erwähnte Orte: Frankenhausen
Hamburg
Kassel
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1825012743

http://bit.ly/2uHnouI

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Methfessel an Spohr, 23.04.1824. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Methfessel an Spohr, 22.05.1833, aus dem sich noch jeweils ein derzeit verschollener Brief von Methfessel an Spohr und von Spohr an Methfessel erschließen lassen.

[1] Der Hamburger Ferdinand David studierte zu dieser Zeit bei Spohr in Kassel.

[2] Noch nicht ermittelt.

[3] „wie“ über einem gestrichenen Wort eingefügt.

[4] Noch nicht ermittelt.

[5] Der Tenor Friedrich Gerstäcker war schwer erkrankt und starb ein halbes Jahr später.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Götz Methfessel (03.04.2017).