Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. 55 Nachl. 76,74

Cassel den 24sten
Januar 25.

Geliebter Freund,

Wie Ihnen ist es mir ergangen! Ich habe von Posttag zu Posttag auf Neuigkeiten von Ihnen gehofft, um so mehr, da Sie mir den Empfang des Wechsels, den ich Ihrer Frau am 5ten December übersandte1, noch nicht angezeigt haben. Da nun im letzten heute eingelaufenen Briefe wieder seiner nicht erwähnt war, so wurde ich besorgt und ließ mich gleich erkundigen, ob der Aussteller des Wechsels, Herr Büding nichts von dessen Auszahlung wisse; erfuhr aber zu meiner Beruhigung, daß er den 13ten December ausgezahlt worden sey.
Ich war 14 Tage verreist, sonst hätte ich Ihnen auch schon geschrieben. Der G.D.2 Feige und ich waren auf Werbung. In Bremen haben wir an Hausers Stelle, der Ostern abgeht, den Bassisten Föppel engagirt3, einen jungen, talentvollen Sänger mit schöner Stimme, mit dem die Frankfurter Direction auch bereits in Unterhandlung stand. In Braunschweig haben wir für die Zeit der hiesigen Festivitäten, den Tenoristen Cornet und die erste Sängerin Dem. Kiel engagirt4 und nun darf ich hoffen meine neue Oper auf eine würdige Art dargestellt zu sehen. Wild, der sich für dieselbe Zeit bei uns für Gastrollen angetragen hat, wäre mir freilich noch lieber wie Cornet gewesen; mit diesem hatten wir aber bereits abgeschlossen, ehe wir von Wilds Abgang von Darmstadt hörten. Ich freue mich schon auf die erste Aufführung der Oper, die nun definitiv auf den 24sten März bestimmt ist und werde mich noch mehr darauf freuen, wenn Sie Wort halten und uns alsdann besuchen, worum ich in meiner und meiner Frau Nahmen dringend bitte: Sie müssen aber ja einige Tage vor der Aufführung hier eintreffen um den letzten Proben beizuwohnen und die übrigen Festlichkeiten (die Vermählung wird den 23sten seyn)5 mit ansehen zu können.
Die Unterhandlungen mit der Devrient haben sich wieder zerschlagen, weil er zu viele Pretensionen für seine Person machte.6 – Die Jessonda hat in Dresden sehr gefallen und ist nicht allein reich ausgestattet sondern auch gut einstudirt gewesen. Doch stimmen alle Berichte darin überein, daß die Devrient der Parthie der Jessonda nicht ganz gewachsen gewesen sey.7 Sie ist aber wieder guter Hoffnung und war seither immer kränklich, so daß auch die Oper nach den beyden ersten Vorstellungen wieder liegen bleiben mußte, obgleich sämtliche Plätze bereits auf 6 Vorstellungen bestellt und notirt waren.
Ob Sie nun wieder im Gange sey, weiß ich noch nicht. – In Leipzig wird jetzt Faust einstudirt und nach Braunschweig haben sie die neue Oper verlangt, um sie sogleich nach der Rückkehr ihrer beyden Sänger von hier geben zu können.
Von Berlin habe ich noch immer keine Bestimmung ob die Oper gegeben werden soll oder nicht. Da Spontini seine neue Oper bereits probirt, so läßt er sicher wieder alles Fremde liegen und so werden seine alten Opern abermals Carnevals- und Frühlings-Opern abgeben müssen. – Vor Monath Aprill könnte ich indessen doch nicht abkommen und so ist es mir lieb, daß jetzt nichts daraus geworden ist.
Erfreuen Sie mich nun bald mit der bestimmten Zusage Ihres Besuchs. Herzliche Grüße von uns allen an Ihre liebe Frau.
Stets der Ihrige L. Spohr.



Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief von Speyer an Spohr. Speyer beantwortete diesen Brief am 04.02.1825.

[1] Vgl. Spohr an Charlotte Speyer, 05.12.1824

[2] Generaldirektor.

[3] Vgl. „Bremen”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 27 (1825), Sp. 212-215, hier Sp. 213

[4] Vgl. Louis Spohr, Lebenserinnerungen, hrsg. v. Folker Göthel, Tutzing 1968, Bd. 2, S. 137f., Text mit fehlerhafter Paginierung auch online; ders., Louis Spohr’s Selbstbiographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 166

[5] Der Berggeist war eine Auftragskomposition für die Heirat der kurhessischen Prinzessin Marie mit dem Herzog von Sachsen-Meiningen (vgl. Spohr, Lebenserinnerungen, S. 136; ders., Selbstbiographie, S. 165

[6] Vgl.Reinhard Lebe, Ein deutsches Hoftheater in Romantik und Biedermeier. Die Kasseler Bühne zur Zeit Feiges und Spohrs (= Kasseler Quellen und Studien 2), Kassel 1964, S. 69f.

[7] Halbwegs eindeutig ist in den bislang erschlossenen Aufführungskritiken in diesem Punkt nur: „Die in der Euryanthe so treffliche Devrient ist aber auch für diese Jessonda nicht geeignet” (Guido, „Dresden, 9. Dezember 1824”, in: Morgenblatt für gebildete Stände (1825), S. 55f., hier S. 56). Dagegen schließt ein anderer Kritker an eine ausführliche Analyse der Oper die Feststellung an, Devrient sei als Darstellerin und Sängerin gleich zu achten („Eine Stimme aus Dresden über Jessonda, Oper in drei Akten von Spohr und Gehe”, in: Zeitung für die elegante Welt 25 (1825), Sp. 113-116 und 123-126, hier Sp. 126. Ein Verriss der Jessonda schiebt die schwache Darstellung von Schröder-Devrient auf ihre Schwangerschaft („Dresden, Ende Dezember 1824”, in: Berliner allgemeine musikalische Zeitung 2 (1825), S. 39 und 47f., hier S. 47). Kritik an der Darstellerin der Amazili, nicht jedoch an Schröder-Devrient gibt: „Dresden. Uebersicht der Monate September bis Ende December 1824”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 27 (1825), Sp. 64-68, hier Sp. 65. Lob für die darstellerischen Leistungen, aber pauschale Kritik am Gesang übt: „Dresden. Ende November 1824”, in: Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode (1825), S. 131f. und 142f., hier S. 132

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (22.02.2016).