Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. 55 Nachl. 76,66
Druck: Edward Speyer, Wilhelm Speyer der Liederkomponist 1790-1878. Sein Leben und Verkehr mit seinen Zeitgenossen dargestellt von seinem jüngsten Sohne, München 1925, S. 79f. (teilweise)

Cassel den 1sten August
24.

Geliebter Freund,

Noch immer habe ich nicht die geringste Nachricht von Herrn Vauchell, weiß daher nicht, ist meine Geige unversehrt angekommen, ists geglückt oder was ist sonst aus dem Instrument geworden? Seit 14 Tagen, dem Termin, wo er sie mir zurückzuschicken versprach, lebe ich in großer Unruhe und harre immer von einem Posttag zum anderen, aber immer vergebens. Dazu kümmt noch, daß ich nach meiner Rückkehr den 2ten und 3ten Akt vom Berggeist an Döring schickte und ihn bat, mir einige Abänderungen zu machen und dieser mir ebenso wenig antwortet; so daß ich auch nicht einmal meine Unruhe wegarbeiten kann. Die einzige Nummer des 2ten Akts, die ich mir, weil sie unverändert bleiben konnte, zurückbehielt, liegt schon seit 3 Wochen fertig und ich mögte verzweifeln, daß ich bey meinem jetzigen Mute weder componiren noch geigen kann. [???]mal war ich im Begriff, etwas neues anzufangen, etwa eine Sinfonie, aber immer hoffe ich, daß mit dem nächsten Posttag das Manuscript oder die Geige kommen wird und so unterbleibt es wieder. Vor der Aufführung der Euryanthe zerstreuten mich nocht die Proben, aber nun ist es kaum mehr auszuhalten. Hätten Sie nicht etwa die Güte den Herrn Vauchell anzutreiben da Sie etwas über ihn vermögen oder können Sie mir nicht wenigstens die Benachrichtigung verschaffen, daß die Geige richtig und unversehrt angekommen und in Arbeit genommen ist.
Die Aufführung der Euryanthe war mir sehr gelungen, so daß ein Dresdener, der gerade hier war, sie unbedingt der dortigen vorzog. Ich hatte in 7 Orchesterproben alles recht tüchtig eingehezt1 und namentlich die Chöre sind noch bey keiner Oper, selbst bei meinen eigenen nicht, so gut gegangen. Der Jägerchor wurde mit Begleitung von 8 Hörnern und 2 Posaunen auf der Bühne, der erste Vers noch hinter der Coulisse, der 2te auf den Felsenerhöhungen gesungen, und machte so viel mehr Effekt wie in Frankfurt. Die Männerparthien waren hier viel besser; Gerstäcker und Hauser zeichneten sich sehr aus; auch Eglantine war viel ausgezeichneter im Spiel und Gesang, nur die Euryanthe selbst erreichte die Devrient nicht im Spiel, obgleich sie ihre Partie wohl eben so gut sang.2 Bei aller guten Aufführung hat die Oper aber doch nicht gefallen und unsere Kenner zeichnen nur einzelnes als gelungen aus, z.B. das Duett der beyden Mädchen im 1sten Akt, Adolars Arie in As, das Duett von Eglantine und Lisiart und einiges andere. Dagegen gibt es viele Stellen, die durch ihre Geziertheit bei näherer Bekanntschaft einem völlig unerträglich werden, fast noch unausstehlicher wie vieles im Freyschütz. Ich bin daher froh, daß die Oper einige Zeit ruhen wird. Gerstäcker hat nämlich wieder Blut gespien und muß nun noch eine Badekur gebrauchen, nachdem er während seines Urlaubs leichtsinnigerweise auch gar nichts zur Wiederherstellung seiner Gesundheit gethan hat. Dadurch kommen nun freylich auch Faust und Jessonda wieder ins Stocken, die ich zur Messe wieder in Gang bringen wollte. Gleich nach Gerstäckers Wiederkehr, etwa Mitte September, sollen aber beyde Opern gegeben werden und wenn Sie uns noch besuchen wollen, wozu uns H. Gervinus einige Hoffnung gemacht hat, so kommen Sie nur nicht vor der 2ten Hälfte September, indem ich gar zu sehr wünsche, daß Sie Jessonda hier hören, von der Sie nach der Frankfurter Aufführung nur einen schlechten Begriff haben können. – doch ich muß schließen. Herzlichen Grüße von uns allen. Erfreuen Sie mich bald mit Nachrichten. Stets der Ihrige L. Spohr.



Dieser Brief ist die Antwort auf Speyer an Spohr, 28.06.1824. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Speyer an Spohr, 09.09.1824.

[1] Einhetzen = abrichten; hier wohl im Sinne gründlich eingeübt (vgl. Jacob und Wilhelm Grimm, Deutsches Wörterbuch, Bd. 3, Leipzig 1859, Sp. 203).

[2] Vgl. „Cassel”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 26 (1824), Sp. 731-734, hier Sp. 731f.; „Kassel den 10. November 1822[sic!]”, in: Berliner allgemeine musikalische Zeitung 1 (1824), S. 431f. und 440, hier S. 432 und S. 440; „Aus Kassel. Am 8. Novbr. vor. J.”, in: Zeitung für die elegante Welt (1824), Sp. 376, 383f. und 391f., hier Sp. 383f.; „Kassel am 1. Oct. 1824”, in: Abend-Zeitung (1824), S. 1060, 1064 und 1068, hier S. 1064

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (20.02.2016).

Cassel, 1. August 1824

... Die Aufführung der ,Euryanthe’ war hier sehr gelungen, so daß ein Dresdener, der gerade heri war, sie unbedingt der dortigen vorzog. Ich hatte in sieben Orchesterproben alles recht tüchtig einstudiert, und namentlich die Chöre sind noch bei keiner Oper, selbst bei meinen eigenen nicht, so gut gegangen. Der Jägerchor wurde mit Begleitung von acht Hörnern und zwei Posaunen auf der Bühne, der erste Vers noch hinter der Kulisse, der zweite auf den Felsenerhöhugen gesungen, und machte so viel mehr Effekt wie in Frankfurt. Die Männerpartien waren hier viel besser; auch Eglantine war viel ausgezeichneter im Spiel und Gesang, nur die Euryanthe selbst erreichte die Devrient nicht im Spiel, obgleich sie ihre Partie wohl ebenso gut sang. Bei aller guten Aufführung hat die Oper aber doch nicht gefallen und unsere Kenner zeichnen nur einzelnes als gelungen aus, z.B. das Duett der beiden Mädchen im ersten Akt, Adolars Arie in As, das Duett von Eglantine und Lysiart und einiges andere. Dagegen gibt es viele Stellen, die durch ihre Geziertheit bei näherer Bekanntschaft einem völlig unerträglich werden, fast noch unausstehlicher wie vieles im ,Freischütz’. Ich bin daher frohr, daß die Oper einige Zeit ruhen wird. Gerstäcker ist nämlich krank geworden und muß nun eine Badekur gebrauchen. Dadurch kommen nun freilich auch ,Faust’ und ,Jessonda’ wieder ins Stocken. Gleich nach seiner Wiederkehr, etwa Mitte September, sollen aber beide Opern gegeben werden, und wenn Sie uns noch besuchen wollen, so kommen Sie nur nicht vor der zweiten Hälfte September, indem ich gar zu sehr wünsche, daß Sie ,Jessonda’ hier hören, von der Sie nach der Frankfurter Aufführung nur einen schlechten Begriff haben können ...