Autograf: Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Leipzig (D-LEsta), Sign. 21070 C.F. Peters, Leipzig, Nr. 850, Bl. 140f.
Druck: Horst Heussner, „Ludwig Spohr und W.A. Mozart. Ein Beitrag zur Musik des deutschen Biedermeier”, in: Mozart-Jahrbuch (1957), S. 199-206, hier S. 200, Anm. 10 (teilweise)

Cassel den 17ten
Juli 24.1

Geliebter Freund,

Als Berücksichtigung der Nachschrift Ihres Briefs schicke ich Ihnen beykommend den Potpourri für Violine und Violoncell und die Partitur des Doppelquartetts. Ich wiederhole, daß ich es ganz Ihrer Bestimmung überlasse, in welcher Folge die Sachen erscheinen sollen.
Die bezeichnete Rezension in der M.Z.2 habe ich gelesen und wohl beherzigt für meine folgenden Arbeiten, was der Rezensent mit Grund tadelt. Es ist übrigens ein Übelwollender und so konnte es nicht fehlen, daß er in dem Bestreben, Fehler und Schwächen aufzufinden, zuweilen auch gewaltig daneben geschossen hat. Hätte ich es mir nicht streng zum Gesetz gemach[t,] nie eine Antikritik zu schreiben, so könnte ich ihm auf vieles viele[r]ley erwiedern. Von Ihrer Ansich[t] findet sich übrigens nicht viel in der Rezension, denn so lobt z. B. der Rezensent die Rezitative der Oper sehr, die Sie und Ihre M[usik]freunde(?) nicht mögen. – Ich lege Ihnen in das Paquet ein Zeitungsblatt3, was ich mir des willen von Frankfurt mitgebracht habe, weil eine Beurtheilung von Jessonda darin ist, die mir beweiset, daß es doch noch, mir völlig fremde Menschen giebt, die meinem Streben Gerechtigkeit wiederfahren lassen und kunstgebildet genug sind, um meine Ansicht von der Kunst überhaupt zu theilen. Am wenigsten können das, was mir eigenthümlich ist, solche Leute würdigen, die nur den ästetischen Theil der Tonkunst studirt haben w. z. B. Rochlitz, Wendt und ähnliche und doch sind es diese jezt allein, die ein öffentliches Urtheil auss[p]rechen, da Künstler vom Metier nicht zu schreiben verstehen. Wo z. B. Rochlitz4 und Wendt5 sich durch zu reiche Harmoniefolgen in meinen Kompositionen gedrückt fühlen, da wird den Harmonisten z. B. Hummel, Feska u.s.w. erst recht wohl und da, wo jene genießen und sich in seichter Harmonie, die sie verstehen, so recht wohl seyn lassen, da wird diesen ganz elend zu Muth; so verschieden können die Ansichten bey ungleicher Bildung seyn. Doch genug davon. Ich gehe meinen ruhigen Gang fort und bin froh wenn ich nur in jeder Stadt einige Leute finde, die mich goutiren und verzichte gern darauf dem Haufen zu gefallen, da mir das Talent fehlt trivial und gemein zu seyn.
In Berlin ist meine Oper längst und wird auch eine der ersten seyn die einstudirt werden wird; so schreibt mir Spontini6; wie lange dieß nun aber noch dauern kann, weiß ich nich[t.]7 Auf jeden Fall werde ich aber zur Aufführung hinreisen. – In Manheim, Carlsruhe und Dr[es]den wird sie nun nächstens gegeben werden. In Prag8 und Riga will man sie im Herbst ebenfalls geben und so werden ja die übrigen Theater auch bald nachfolgen. Leben Sie wohl.

Ihr L. Spohr.

Erwähnte Personen: Fesca, Friedrich Ernst
Hummel, Johann Nepomuk
Rochlitz, Friedrich
Spontini, Gaspare
Wendt, Amadeus
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Jessonda
Erwähnte Orte: Berlin
Dresden
Frankfurt am Main
Karlsruhe
Mannheim
Prag
Riga
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1824071721

http://bit.ly/2jglo57

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Peters an Spohr, 05.07.1824. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Peters, 23.08.1824, aus dem sich noch ein derzeit verschollener Brief von Peters an Spohr erschließen lässt.

[1] Am linken Rand dieser Briefseite befinden sich von anderer Hand noch der Eingangsvermerk des Verlags, wobei die erste Zeile im durch die Bindung verursachten Falz des Briefkonvoluts nur unsicher lesbar ist: „[1824] / 17 Jul. / " / Cassel / Spohr“.

[2] „Ueber Jessonda. Leipzig den 19. May”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 26 (1824), Sp. 390-395.

[3] Vielleicht I., „Frankfurter Volksbühne“, in: Didaskalia 11.04.1824, nicht paginiert.

[4] Vielleicht die Rezension in der Allgemeinen musikalischen Zeitung: „Dieses in Hrn. Sp. vorwaltend Elegische und Sanfte, so wie das vorherrschend Verständige im Kräftigen (was kein Tadel, sondern nur Bestimmung der Eingethümlichkeit ist) ringt ein inniges Festhalten an einmal aufgefassten Melodieen und ein mannichfaltiges Durchführen derselben in allerley harmonischen Wendungen mit sich, die leicht zu ausgesponnen werden können“ („Ueber Jessonda“, Sp. 391).

[5] A[madeus] Wendt, „Ueber die Oper Jessonda von Spohr und Gehe“, in: Zeitung für die elegante Welt 24 (1824), S. 265-268, 275-278, 281-284, 291-294.

[6] Dieser Brief ist derzeit verschollen.

[7] Die Berliner Erstaufführung fand erst am 14.02.1825 statt.

[8] Die Prager Erstaufführung fand am 18.03.1834 statt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Wolfram Boder (23.01.2017).