Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Herrn Kapellmeister Spohr,
Wohlgeb.
in
Cassel.

fr.
Hierbey eine Rolle Musikalien,
gezeichnet L.S.


Hamburg, am 30ten Juny 1824.

Schon seit langer Zeit hätte ich Ihnen, bester Herr Kapellmeister, gern geschrieben, und besonders über eine Aufführung Ihres herrlichen Doppel-Quartetts Ihnen Nachricht gegeben, allein grade eine solche Aufführung habe ich, ungeachtet aller angewandten Mühe, nicht zu Stande bringen können. Das wird Ihnen unglaublich scheinen, ist aber dennoch, leider! nur zu wahr! – Gleich nach dem Empfang des schönen Stücks schrieb ich selbst alle Stimmen1 aus, (was gewiß nie eine angenehme Arbeit ist,) allein – dem Einen war seine Parthie zu schwer, dem Andren nicht brillant genug, (Herr Petersen,) dem Dritten zu gelehrt, dem Vierten zu unverständlich pp. und dergleichen Unsinn mehr! Hr. Methfessel, welcher mir zwar ungebeten sein Zimmer zur Aufführung anbot, und auch alle dazu nöthigen Personen einladen wollte, hat mich aber ebenfalls ungeachtet aller meiner Erinnerungen immer vergebens2 hingehalten. Doch ist das nicht die einzige Windbeuteley, welche sich dieser gute Mann hier hat3 zu Schulden kommen lassen.
Auch Eduard Grund, welcher bey H. Parish eine Aufführung veranstalten wollte, hat nicht Wort gehalten. Ich war zwar selbst nachdem 3mal bey dem Herrn Parish, fand ihn aber immer nicht zu Hause. Die Herren W. Grund und Prell, welchen ich das Stück anbot, haben keinen Gebrauch davon gemacht! – Da endlich, arrangirte ich das Stück für 2 Pianoforte und 8 Hände, und so haben wir (H. Clasing, Guntrum, Kölln und ich) es bereits 5mal gemacht. Selbst in diesem Auszuge hat die herrliche Komposition überaus großen Beyfall gefunden; wie viel mehr würde das aber bey dem Original der Fall gewesen seyn! Allein – die lieben Leute sind hier jetzt zu faul, zu egoistisch. Mozart, Haydn, Beethoven pp. sind zu – „altväterlich“!? Spohr, Romberg, Kulau pp. aber zu „gelehrt“!? – Rossini, Weber, Spontini4 pp. das sind – wahre Götter!? Und – ach! „freygeschossen5 wird so entsetzlich viel, daß man sich wundern muß, wenn6 noch Gesunde und Lebendige nachbleiben! – Selbst unser H.W. Grund hat zu der Fahne der Rossini- und Webrianer geschworen! – Nach diesen Umständen können Sie sich gewiß schon, lieber Herr Kapellmeister, eine Vorstellung des traurigen Zustandes der Musik hier machen. Sogar ein wöchentliches Quartett, welches ich (besonders zur eigenen Uebung) im Hause zu haben wünschte, läßt sich hier nicht zusammen bringen. Ach! ich wünsche daher so sehnlich,7 in irgend einem anderen Orte Beschäftigung zu finden, entweder durch Unterricht, wenn auch für die8 ersten9 Anfänger im Fortepiano-, Violoncell- oder Orgel-Spiel, oder im Generalbaß, und würde mir auch10 jede anständige Beschäftigung – selbst Klavierstimmen pp. – willkommen seyn, wenn ich nur – gute Musik hören kann. (Für die erste Zeit würde wohl ein kleines, bereits zurückgelegtes Kapital hinreichend seyn.) Frankfurt a/M, Dresden, Wien, pp. vor allem aber Cassel, würden mir die liebsten Städte seyn. Darf ich Sie wohl, lieber Herr Kapellmeister, deshalb um Ihren gütigen Rath bitten? Ueberaus würden Sie mich dadurch verpflichten. – –
Den Auszug des Doppel-Quartetts hat H. Clasing neulich mit nach Wismar genommen und daselbst mehreremale ebenfalls mit vielem Beyfall aufgeführt. – – In dem Katalog des Nachlasses der Musikalien meines Vaters steht auch eine Oper (Der Zweikampf) von Ihnen, die Räuberburg von Kuhlau u. a. m. woran das eigenmächtige Verfahren des Herrn Hartmann Schuld ist; ich werde aber dafür sorgen, daß diese Sachen nicht in fremde Hände kommen. – Einen Septett-Auszug Ihrer vortrefflichen Sinfonie in d moll und einer Sinfonie von Mehul in g moll gab ich im vorigen Jahre unter der Bedingung an H. Prell: mich von einer etwaigen Aufführung dieser beiden Stücke zu benachrichtigen, damit ich auch meine Arbeit einmal hören könne; H. Prell hat nun bereits schon im vorigen Winter diese Stücke mehreremale aufgeführt, und mich – nicht dazu eingeladen! – Demoiselle Pohlmann, Sängerin am hiesigen Stadt-Theater hat mich schon öfters sehr angelegentlich gebeten, bey Ihnen anzufragen, ob sie im September-Monat Gastrollen in Cassel geben könne? – Wegen meines Plans: Hamburg zu verlassen, erlauben Sie mir nur noch die Bitte, Niemand davon etwas zu sagen, da ich nur Ihnen allein denselben mittheilte. – Nun, bester Herr Kapellmeister, werden Sie nicht böse über mein langes Geschwirr, sondern erfreuen Sie mich recht bald durch angenehme Nachrichten aus Cassel, grüßen Sie Ihre hochverehrte liebe Familie, auch die lieben Gandersheimer, recht herzlich, und erlauben mir nur noch, Sie an Ihr gütiges Versprechen wegen der Oper Jessonda11 zu erinnern.
Meine gute Frau grüßt Sie und Ihre liebe Familie ebenfalls herzlich. – Am 15ten Dec. des vorigen Jahres gab uns der liebe Gott einen kleinen, lieben und muntern Jungen12. Das war uns zwar eine recht große Freude, um so mehr, da auch meine liebe Frau sich beständig so sehr wohl befand, allein in mancher Hinsicht hat das nun auch wieder viel Unangenehmes, denn unsere ganze häusliche Einrichtung hat dadurch, besonders für mich, manche beschwerliche Veränderung erlitten. – Doch – kann ich nur bald einmal schöne Musik hören, so werde ich auch alles Verdrießliche dieser Welt bald wieder vergessen.
Bitte, bitte, bester Herr Kapellmeister, erfreuen Sie recht bald durch Nachrichten von Cassel

Ihren
ergebensten Freund
J. F. Schwencke

NS. Die Partitur des Doppel-Quartetts folgt hierbey mit dem herzlichsten Dank zurück.



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Schwencke an Spohr, 02.12.1823. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Schwencke an Spohr, 14.05.1825, aus dem sich noch ein weiterer, derzeit verschollener Brief von Spohr an Schwencke erschließen lässt.

[1] Hier gestrichen: „sogleich“.

[2] „vergebens“ über der Zeile eingefügt.

[3] „hat“ über der Zeile eingefügt.

[4] „Spontini“ über der Zeile eingefügt.

[5] Wohl Anspielung auf den Erfolg von Der Freischütz von Carl Maria von Weber.

[6] Hier gestrichen: „es“.

[7] Hier gestrichen: „mich“.

[8] „die“ über der Zeile eingefügt.

[9] „ersten“ über der Zeile eingefügt.

[10] „auch“ über der Zeile eingefügt.

[11] In seinem Brief an Spohr vom 02.12.1823 hatte Schwencke den Komponisten gebeten, ihm die Partitur seiner Oper Jessonda einmal für einige Zeit auszuleihen. Offenbar gab Spohr Schwencke diesbezüglich eine Zusage, ein entsprechender Brief ist aber derzeit nicht ermittelbar.

[12] Schwenckes Sohn Friedrich Gottlieb korrespondierte ab 1852 auch selbst mit Spohr.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Wolfram Boder (22.06.2018).