Autograf: Bis etwa 1943 im Besitz von Werner Wittch, danach Kriegsverlust (vgl. Druck, S. 14)
Druck: Louis Spohr, Briefwechsel mit seiner Frau Dorette, hrsg. v. Folker Göthel, Kassel und Basel 1957, S. 65f.

Kassel, den 15. Junius 1824

Geliebter Louis!

Erst nach Empfang Deines Briefes und der Nachricht Deiner glücklichen Ankunft in Offenbach wird es mir möglich, wieder einige Ruhe in mein Gemüt zu bringen. Ich atme freier, seitdem ich mit der Sehnsucht nach Dir wenigstens nicht mehr die Sorge um Dich verbinden muß. Der Gedanke, daß Du bei Speyers so gut aufgehoben bist wie in Deinem eigenen Hause, tut mir wohl und weh zugleich; denn Du wirst meine Pflege und die Sorgfalt für Dich, in deren Ausübung ich mein größtes Glück fand, gewiß gar nicht vermissen. Trotz dem Besuche Deiner Mutter1 ist keine rechte Heiterkeit in uns zu bringen. Emilie2 äußerte gestern sehr naiv: Ich weiß nicht, Mutterchen, wie Du mir vorkömmst; eine jede andere Frau an Deiner Stelle würde ihre Freiheit genießen! und dergl. mehr. Ich mußte herzlich darüber lachen; konnte ihr auch gar nicht begreiflich machen, daß ich dieselbe früher nie gewünscht und nie vermißt hätte, weshalb ich ihr auch jetzt durchaus keinen Geschmack abzugewinnen wüßte. Ich freue mich wie ein Kind auf Deinen nächsten Brief. Besonders gespannt bin ich auf die Nachricht, wie Du die Aufführung von Jessonda gefunden hast. –
Nur von Dem. Wohlbrück, die um Engagement beim hiesigen Theater bittet, ist bis jetzt ein Brief an Dich eingegangen3, der Nähe wegen kannst Du sie mal gleich von Offenbach aus absolvieren, im Fall Du sie nicht selbst schon in Darmstadt darüber gesprochen haben solltest. –
Wir sind alle gesund und grüßen Dich und Speyers herzlichst. Neues ist nichts vorgefallen, weshalb ich für heute schließe. Leb wohl, guter Junge.

Ewig Deine Dorette.

Erwähnte Personen: Speyer, Charlotte
Speyer, Wilhelm
Spohr, Ernestine
Wohlbrück, Marianne
Zahn, Emilie
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Jessonda
Erwähnte Orte: Frankfurt am Main
Kassel
Offenbach
Erwähnte Institutionen: Hoftheater <Kassel>
Stadttheater <Frankfurt am Main>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1824061530

http://bit.ly/29b7Q6G

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Louis Spohr an Dorette Spohr, 12.06.1824. Der Postweg dieses Briefs überschnitt sich mit Louis Spohr an Dorette Spohr, 14.06.1824. Spohr beantwortete diesen Brief am 18.06.1824.

[1] Ernestine Spohr.

[2] Emilie, später verh. Zahn.

[3] Dieser Brief ist derzeit verschollen.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (29.06.2016).