Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Wohlgebohrner Herr!
Hochzuverehrender Herr Kapellmeister!

Die bekannte Menschenfreundlichkeit und seltene Uneigennützigkeit, mit der Ew. Wohlgebohren angehenden Künstlern in ihren Bestrebungen förderlich sind, giebt Unterzeichnetem den Muth, vor Ihnen mit der Bitte zu erscheinen, auch ihm Ihre huldreiche Hand nicht zu versagen, vor Allem aber, der durch die Umstände unerlaßlich gewordenen Ausführlichkeit seines Gesuchs Nachsicht und geneigtes Gehör zu schenken. –
Ich glaube von der Natur Talent zur Musik erhalten zu haben – wenigstens läßt meine unbesiegbare Neigung dazu mich es glauben. Diese trat jedoch, weil es mir in frühern Jahren an Gelgenheit fehlte, gute Musik zu hören, ziemlich spät hervor, aber auch um so stärker, als ich mich bis dahin, wie es wohl Vielen zu gehen pflegt, in einer sonderbaren Ungewißheit über meine eigenthümliche Bestimmung befiunden hatte. Ich studirte in Breslau nach zurückgelegten Gymnasial-Jahren Philologie, war aber zufällig durch das Zusammenwohnen mit einem Musiker und braven Violinspieler schon früher dazu angeregt worden, mein weniges Violinspiel nicht zu vernachläßigen, so wie auch, die Conzerte und Opern fleißig zu besuchen. Dieß hatte zur Folge, daß ich nach und nach, ohne daß ich es selbst bemerkte, die Musik mehr im Auge hatte, als die Philologie; besonders wurde ich dadurch ungemein aufgemuntert, daß ich jetzt in den Conzerten des Herrn Capellmeister Schnabel1 öfters als Solospieler aufzutreten Gelegenheit fand. Noch hatte ich meinem wahrhaften Virtuosen auf der Violin gehört. Da kam Polledro nach Breslau2, und zu derselben Zeit lernte ich auch Herrn Nass kennen. Nun ging mir ein neues Leben auf; ich übte mit wahrem Feuereifer, und mein ganzes neues Treiben wurde musikalisch, denn ich fing nun auch an, den Geist der Compositionen besser zu fassen. In dieser Zeit war es, daß mir meine Bestimmung ganz klar wurde, und zwar gaben Sie, verehrter Meister, auf folgende Weise den Ausschlag:
Schon lange hatte der Geist Ihrer Compositionen mich über alle Beschreibung tief ergriffen, und mich mächtig zu Ihnen hingezogen. Es schmerzte mich, wenn ich schon wußte, wie wenig das frivole Publicum Ihre herrlichsten und großartigsten Ideen auffaßte, wie enthusiastisch es dagegen an schaalem Zeuge klebt! Einst, als Ihre unvergleichliche Symphonie aus Es mich über mich selbst hinausgerückt hatte, da stieg der Gedanke in mir auf: „Wäre es nicht schon ein würdiger und belohnender Beruf, nur darum Musiker zu seyn, um solche Compositionen vortragen zu können, und zur allgemeinen Verbreitung derselben nach Kräften beizutragen?“ Ich verberge Ihnen nicht, daß ich mich damals ganz besonders dazu berufen fühlte, denn ich war fast überzeugt, daß kein Mensch von Ihnrem Geiste so druchdrungen seyn könnte als ich! Ich sagte der Philologie Lebewohl, und beschloß zu Ihnen zu reisen. Allein diesem Beschluß setzten sich leider meine dürftigen Vermögensumstände entgegen. Mein Unternehmen, mir durch Conertgeben die Mittel zu dieser Reise zu verschaffen, mußglückte. Doch die musikalische Laufbahn durfte nicht verlassen werden! Ich begab mich also nach Berlin, wo durch mehrere Empfehlungen meine körperliche Existenz gesichert war, und ich manches Gute zu hören Gelegenheit zu finden hoffte. Als es mir hier aber nicht nach Wunsche ging, kehrte ich nach Breslau zurück, wo ich wieder ein Jahr blieb, und oft mit Herrn Nass zusammen war. Zuletzt fand ich im Hause des Herrn Amtsrath Lucas in Borkau neue Freistatt und Muße, mich weiter auszubilden, die ich auch nach Kräften benutzt habe. – Doch scheint mir nun, als wenn es nicht gut wäre, daß ich länger als Jahresfrist mir selbst überlassen bleibe, indem dann wohl allmählich ein Stillstehen, oder vielmehr, Rückschreiten in der Kunst eintreten dürfte. Überdieß fühle ich mich tauglich, einen Platz in einer Kapelle auszufüllen, und ich sehne mich an einen Ort, wo das Ideal, das ich zu erreichen strebe, wieder mit frischen Farben belebt würde; – Dies kann aber nirgens in größerem Maße geschehen, als wo Sie sind, denn nur zu Ihnen habe ich unbegrenztes Vertrauen! Möchten Sie nicht argwöhnen, daß ich die Absicht haben könnte, durch Schmeicheley die Erfüllung meiner vorzutragenden Bitte von Ihnen zu erlangen! – daß ich ausspreche, worüber die gebildete musikalische Welt längst einig ist, dieß ist nur der Drang meines Herzens, das unter allen Umständen, auch nach einer abschläglichen Antwort, an Ihnen hängen wird! Meine Bitte ist aber diese:
„mir, wenn es irgend möglich ist, zu einem Unterkommen in Cassel gütigst zu verhelfen.“
Sollte in Ihrer Kapelle vor der Hand kein Platz vakant seyn, so würde ich mich recht gern bequemen, mir als Exspectant unterdessen durch Stundengeben meinen Unterhalt zu verschaffen.
Um Ihnen meine Brauchbarkeit zu erweisen, sollte ich billig Zeugnisse von Herrn Kapellmeister Schnabel, oder von Herrn Nass beilegen. Doch da dieß wegen der Ortsentfernung zu umständlich ist, so erlaube ich mir nur, einige Thatsachen anzuführen, aus denen Sie leicht den Zustand meiner musikalischen Bildung erkennen werden.
Ich vergesse dabei nicht, daß ich durch eine unwahre Darstellung mich nur einer beschämenden Zurückweisung aussetzen würde.
Die Festigkeit im Accompagnement anbelangend, so kann ich mit gutem Gewissen sagen, daß ich diese in dem Orchester des H. Kapellmeister Schnabel durch die Reihe von Jahren erlangt zu haben glaube, auch habe ich verflossenen Winter noch Gelegenheit gefunden, mich darin zu üben, dadurch, daß ich die Winterconzerte in Glogau dirigirt habe. Was mein Solospiel betrifft, so sind die Caprices von Fiorillo, besonders aber die von Kreutzer und Rode mein ersten Studium gewesen, das ich Jahre lang fortgesetzt. Die letzten 2 Jahre, seit jenem für mich so einflußreichen Zeitpunkte, studire ich nichts als Ihre Compositionen, von denen ich mehrere öffentlich spiele. Die Sachen andrer Componisten, von denen mich wenige ansprechen, spiele ich auch wohl, finde aber, daß sie lange nicht das Studium verlangen, wie die Ihrigen, weil sie den innern Werth nicht haben, und daß die meisten auch lange nicht so schwierig auszufrühren sind.
Theoretische Kenntnisse besitze ich weiter keine, als die ich mir selbst gesammelt habe; ich pflege mich auch wohl manchmal mit Componiren abzugeben. Auf den Fall, daß ich, wenn sich die Möglichkeit zeigte, in Cassel ein Unterkommen zu finden, mich mit Unterricht beschäftigen müßte, so wäre ich auch im Stande, denselben im Clavierspielen zu ertheilen.
Nochmals bitte ich, verehrtester Meister, mein ergebenstes Gesuch, wenn es möglich ist, zu berücksichtigen, und dem Schüler, der gern was Rechts werden möchte, um einst nachhaltig für ächte deutsche Kunst wirken zu können, Ihre helfende Hand zu reichen. Sie machen dadurch das Glück meines Lebens, und mein Dank wird ohne Grenzen seyn!
Herr Schnabel jun.3 bittet mich, Ihnen seine Ergebenheit zu versichern. Ich habe die Ehre, mit der tiefsten Hochachtung zu verharren als
Ew. Wohlgebohren

ergebenster Diener
Joseph Toepler,
im Hause des H. Amtsrath Lucas.

Borkau bei Gr. Glogau in Schlesien
den 7ten März 1824.

Autor(en): Toepler, Joseph
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Lucas, Ernst
Nass, Franz
Schnabel, Joseph
Schnabel, Joseph Ignaz
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Sinfonien, op. 20
Erwähnte Orte: Borkau bei Groß-Glogau
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=18240307144

http://bit.ly/33wD3iF

Spohr



[1] Joseph Ignaz Schnabel.

[2] Vgl. Friedrich Barth, „Breslau, 24. Febr. 1821“, in: Hesperus (1821), S. 195.

[3] Joseph Schnabel.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (12.01.2022).