Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. 55 Nachl. 76,218
Druck: Edward Speyer, Wilhelm Speyer der Liederkomponist 1790-1878. Sein Leben und Verkehr mit seinen Zeitgenossen dargestellt von seinem jüngsten Sohne, München 1925, S. 73f. (teilweise)

Offenbach am 27 Feb 1824.

Theurer Freund!

Vor allen Dingen meinen herzlichsten Dank für das übersandte Quartett. Die Partitur stelle ich Ihnen selbst zu. – Ihren Triumph in Leipzig habe ich mitgenoßen wie keiner. Da aber ein guter Partheigänger den Sieg verfolgen muß, so habe ich diese gewonnene Schlacht bei oder in Leipzig in allen hier und in der Gegend erscheinenden Blättern feiern laßen, um so das hiesige Publikum auf ein seiner Zeit anzustimmendes Hurrah vorzubereiten.1 Denn im Grunde kömmt es in unserer papierenen Zeit nur darauf an, die Gemüther durch Tagblättlerey zu stimmen, indem beim Publikum keine Ueberzeugung vorherrscht und die Herde sich bloß dem Impuls des vorausschreitenden Farren überläßt. Leider! Indessen ist es so. Und so wie Politik die Krankheit unserer gegenwärtigen Generation ist und alles auf ihr basiert wird, so auch die Partheienwuth in der Kunst. Nicht um die Kunst; nicht um die Wahrheit in ihr zerfleischen sie sich, um die Persönlichkeit der Künstler, so wie sie den einen abstößt den andern anzieht, um tausend Zufälligkeiten kämpfen sie; hat man jemand lieb, so soll man sich wohl hüten, ihn zu verteidigen, denn je besser man verteidigt, desto bitterer muß es der Klient bei der nächsten Gelegenheit büßen. Sie kennen wohl das Geschichtgen der beiden Postillione mit dem Refrain: Schlägst du mir meinen Juden so schlag’ ich dir deinen!2 – Guhr hat mir die feste Versicherung gegeben, daß Ihre Oper in der Messe gegeben [wird. D]emnach werden Sie der ersten Aufführung beiwohnen können. Von Berlin aus [lasse]n sich Stimmen zu Ihren Gunsten vernehmen; dieses ist wichtig. Nur Wien und München werden Ihnen entgegen sein. Wenn es Ihnen möglich ist, so lassen Sie der Jessonda bald eine neue Oper folgen, romantischen Inhalts. Es kömmt doch unendlich viel auf ein neues frappantes Süjet an. Originell und neu in Erfindung frappanter Gegenstände ist von der Melde, auch Weisflog. Lassen Sie sich von einem derselben eine Skizze machen und geben Sie solche Gehe oder Kind zur Bearbeitung. Es wird und kann alsdenn nicht fehlen. Ries hat uns vergnügte Tage bereitet. Er wohnte hier bei d’Orville neben meinem Hauße. Sein Spiel berechtigt zu großen Erwartungen, und besonders seine Intonation vortrefflich. Uebrigens hat er keine ganz schlechten Geschäfte gemacht. Da er in Ffurt nicht auftreten konnte, so arrangirten wir hier eine musik. Unterhaltung. Es wurden 96 Billets gelöst ein unerhörtes Beispiel in den Annalen Offenbachs; in Hanau blieben ihm f 16, und in Ffurt für sein Spiel im Museum einige Louisd’or. Morgen reißt er nach Bonn. – Grüßen Sie die lieben Ihrigen von uns Allen. Ihr treuer Freund WmSpeyer.

Es ist gegenwärtig ein Doppelgänger von Ihnen hier. Ein Mann der Ihnen täuschend ähnlich sieht. Ein Herr von Strauch aus Sachsen. Ich habe schon vielen Spaß damit gehabt.



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Speyer, 02.02.1824, 15.02.1824 und 21.02.1824. Dazwischen liegt noch Speyer an Spohr, 14.02.1824. Der nächste Brief dieser Korrespondenz ist Speyer an Spohr, 13.03.1824.

[1] Noch nicht ermittelt.

[2] Vgl. Deutsches Sprichwörter-Lexikon. Ein Hausschatz für das deutsche Volk, hrsg. v. Karl Friedrich Wilhelm Wander, Bd. 2, Leipzig 1870, Sp. 1037

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (19.02.2016).

Offenbach, 27. Februar 1824.

Ihren Triumph in Leipzig habe ich mitgenossen wie keiner. Da aber ein guter Parteigänger den Sieg verfolgen muß, so habe ich diese gewonnene Schlacht bei oder in Leipzig in allen hier und in der Gegend erscheinenden Blättern feiern lassen, um so das hiesige Publikum auf ein seiner Zeit anzustimmendes Hurra vorzubereiten. Denn im Grunde kommt es in unserer papierenen Zeit nur darauf an, die Gemüter durch Tagblättlerei zu stimmen, indem beim Publikum keine Überzeugung vorherrscht und die Herde sich bloß dem Impuls des vorausschreitenden Farren überläßt. Leider! Indessen ist es so. Und so wie Politik die Krankheit unserer gegenwärtigen Generation ist und alles auf ihr basiert wird, so auch die Parteienwut in der Kunst. Nicht um die Kunst, nicht um die Wahrheit in ihr zerfleischen sie sich, um die Persönlichkeit der Künstler, so wie sie den einen abstößt, den andern anzieht, um tausend Zufälligkeiten kämpfen sie: hat man jemand lieb, so soll man sich wohl hüten, ihn zu verteidigen, denn je besser man verteidigt, desto bitterer muß es der Klient bei der nächsten Gelegenheit büßen. Sie kennen wohl die Geschichte der beiden Postillione mit dem Refrain: ,Schlägst du mir meinen Juden, so schlag’ ich dir deinen!’ ... Von Berlin aus lassen sich Stimmen zu Ihren Gunsten vernehmen; dieses ist wichtig. Nur Wien und München werden Ihnen entgegen sein. Wenn es Ihnen möglich ist, so lassen Sie der ,Jessonda’ bald eine neue Oper folgen, romantischen Inhalts ...