Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Hochverehrtester Herr Kapellmeister!

Bey Ihrem im Jahr 1816 für uns so genußreichen Aufenthalte in Darmstadt1 hatte ich mich so sehr Ihrer freundschaftlichen Aufmunterung zu erfreuen, daß ich mir jetzo im Vertrauen auf Ihre Wohlgewogenheit die Freyheit nehme, Ihnen durch Fräulein Wohlbrück2 die Partitur meiner Oper, Merope, zur Einsicht zu übersenden, dieselbe Ihrer gütigen Verwendung zu empfehlen und anzufragen, ob sie bey dem dortigen Theater nicht anzubringen wäre? Die Oper ist hier gegeben u. mit Beyfall aufgenommen worden.3 Ihr Kennerblick wird bald entscheiden, ob sie es verdient hat oder nicht. Finden Sie dieselbe Ihrem Beyfall nicht unwürdig, so bürgt mir Ihre in der musikalischen Zeitung für alle junge deutsche Componisten zu ermunternde Aufforderung4 auch für Ihre gütige Verwendung. Kein Mann als Sie, ein so eifriger Förderer der Kunst weiß es wohl besser zu beurtheilen, von welchem in jeder Hinsicht großen Interesse es für einen jungen Komponisten ist, seine Arbeit anbringen zu können. Wollen Sie die Güte haben mir nach Durchlesung der Oper Ihr aufrichtiges Urtheil darüber zu sagen, so würden Sie mich sehr damit erfreuen. Das Urtheil u. die Ansichten eines Meisters, wie Spohr, würde für mich gewiß sehr belehrend u. bey Verfertigung künftiger Werke von dem größten Nutzen seyn.
Wenn die Oper nicht Ihre Mißbilligung erhalten sollte u. Sie dieselbe dorten anbringen könnten, so stelle ich die Bestimmung des Honorars ganz Ihrem Gutdünken anheim; im entgegengesetztem Falle ersuche ich Sie jedoch um deren baldige Zurücksendung.
Mein Vater5, sowie mein Onkel6 lassen sich Ihnen u. Ihrer Frau Gemahlin gütigem Andenken bestens empfehlen.
Mit der ausgezeichnetsten Hochachtung u. Ergebenheit

Ew. Wohlgeboren
ganz ergebenster Freund
Wilh. Mangold
Kztmstr.7

Darmstadt d. 21ten Febr. 1824.

Erwähnte Personen: Wohlbrück, Marianne
Erwähnte Kompositionen: Mangold, Wilhelm : Merope
Erwähnte Orte: Darmstadt
Erwähnte Institutionen: Hoftheater <Darmstadt>
Hoftheater <Kassel>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1824022144

http://bit.ly/2Hpkrow

Spohr



Spohr beantwortete diesen Brief am 14.03.1824.

[1] Vgl. Louis Spohr, Lebenserinnerungen, hrsg. v. Folker Göthel, Tutzing 1968, Bd. 1, S. 209-212, Text mit fehlerhafter Paginierung auch online; ders., Louis Spohr’s Selbstbiographie, Bd. 1, Kassel und Göttingen 1860, S. 236-240.

[2] Zum Aufenthalt von Marianne Wohlbrück, später verh. Marschner, vgl. „Cassel“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 26 (1824), Sp. 481f.

[3] Vgl. „Darmstadt, Juli 1824“, in: Berliner allgemeine musikalische Zeitung 1 (1824), S. 286.

[4] Louis Spohr, „Aufruf an deutsche Komponisten“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 25 (1823), Sp. 457-464.

[5] Georg Mangold.

[6] Vermutlich August Daniel Mangold (vgl. Philipp Schweitzer, Darmstädter Musikleben im 19. Jahrhundert (= Darmstädter Schriften 37), Darmstadt 1975, S. 80).

[7] Abkürzung für „Konzertmeister“.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (25.04.2018).