Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. 55 Nachl. 76,56
Druck 1: Louis Spohr’s Selbst-Biographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 164f. (teilweise)
Druck 2: Edward Speyer, Wilhelm Speyer der Liederkomponist 1790-1878. Sein Leben und Verkehr mit seinen Zeitgenossen dargestellt von seinem jüngsten Sohne, München 1925, S. 71f. (teilweise)
Druck 3: Louis Spohr, Lebenserinnerungen, hrsg. v. Folker Göthel, Tutzing 1968, Bd. 2, S. 135f., Text mit fehlerhafter Paginierung auch online (teilweise)

Cassel den 15ten Februar
24.

Geliebter Freund,

Vorgestern bin ich von einer kl. Reise zurückgekehrt, die ich in Geschäften des Theaters machen mußte. Ich konnte sie so einrichten, daß ich der ersten Aufführung der Jessonda in Leipzig am 9ten dieses beywohnen konnte. Ich wurde bey meiner Ankunft von der Direktion eingeladen, die beiden letzten Proben und die Aufführung selbst zu dirigiren und that es gern, weil ich so mehr auf die Darstellung wirken konnte. Die Erwartungen waren sehr gespannt, theils durch die früheren Berichte von hier, theils durch den Umstand, daß die Ouvertüre, die früher mit der aus der Euryanthe in einem Konzert gemacht wurde, einen allgemeinen Beyfall gehabt, der letzterer gefehlt hatte. Auch hatten die Musiker nach den Proben bereits eine vortheilhafte Idee von der Musik verbreitet. Gleich in der ersten Probe hörte ich daß die Oper gut gehen würde und nun war ich des Erfolgs wegen unbesorgt. Dieser war denn auch so glänzend, wie ich ihn nur wünschen konnte. Beim Eintritt ins Orchester wurde ich schon mit allgemeinem Jubel begrüßt. Die Ouvertüre wurde stürmisch und anhaltend da capo verlangt. Da aber schon aufgezogen war, so ließ das Publikum es endlich gefallen, daß wir zur Introduktion fortschritten. Jede Nummer wurde mit lebhaftem Beifall aufgenommen, vier wurden noch da capo verlangt, worunter auch ein Chor, der erste des 2ten Aktes, sich befand. Den größten, wirklich wüthenden Enthusiamus erregte das Duett des 2ten Aktes zwischen Amazili und Nadori. Gleich nach dem ersten Akt erhob sich einer Loge des ersten Ranges ein Sprecher, hielt eine kl. Anrede an mich, in der er mich als einen wahren Meister Deutscher Kunst bezeichnete und forderte die Anwesenden auf, mir ein 3 maliges Lebehoch zu bringen. Dies geschah mit Begleitung von Trompeten und Pauken in einem Tutti daß ich glaubte, die Mauern würden einstürzen. Ein gleiches bravo und Dacapo Jessonda! ertönte beim Schluß der Oper.1 Der Hofrath Küstner, der früher mit mir um das Honorar gehandelt hatte, überschickte mir tags nach der Aufführung das Doppelte des Bedungenen, und wie ich bei der Abreise die Rechnung im Wirtshause bezahlen wollte, war sie von ihm schon berichtigt. Auch ein glänzendes Fest gab er mir. Peters, der Verleger des Clavierauszugs (der in 8 Tagen verschickt wird,) erklärte mich auch nach der Aufführung, daß das, von mir bestimmte Honorar, nach dem nun zu erwartenden Erfolg der Oper zu gering angesetzt sei und daß ich ihm erlauben soll, selbst eines zu bestimmen. Bey dem Eindruck, den ich die Musik auf das große Publikum machen sah, darf ich nun wohl hoffen, daß sich diese Oper Bahn brechen und meine anderen beyden wohl auch noch mitschleppen wird. In Leipzig ist wenigstens schon die Rede davon, die Zemire neu in Szene zu setzen und den Faust einzustudiren. – Die nächste Aufführung der Jessonda wird nun wohl in Berlin sein und wenn es mir meine Geschäfte einigermaßen erlauben, so werde ich dabei gegenwärtig sein. Spontini interessirt sich sehr dafür; doch ist nun Brühl ebendeswegen dagegen und da dieser Garderobe und Dekorationen zu bewilligen hat, so kann er der Aufführung viel Hindernisse in den Weg legen. Spontini verlangte von mir vor etwa 14 Tagen einen Vorschlag zur Besetzung und schrieb mir dabey, daß die Oper nun ungesäumt vertheilt und studirt werden solle.2 Ob Sie nun aber noch während dem Carneval oder wenigstens vor Ostern in Scene kommen wird, werde ich nun erst noch erfahren. Trifft die Aufführung mit unserer Messe zusammen, so muß ich mir die Lust hinzureisen vergehen lassen. – Wie steht es in Frankfurt. Soll die Oper in der Messe gegeben werden und wird vielleicht die Euryanthe die 2te Meßoper seyn? – Da ich fand, daß man in Leipzig viele Tempi vergriffen hatte, so habe ich den Clavierauszug nach den Metronomzahlen bezeichnet. Ich wünschte, Sie machten Guhr darauf aufmerksam, damit er die fertige Partitur damit versehen lasse.
Recht baldigen Nachrichten von Ihnem und der Ihrigen Wohlbefinden entgegensehend, mit herzlicher Freundschaft stets

der Ihrige
Louis Spohr.



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist ein Empfehlungsschreiben von Spohr für Hubert Ries an Speyer, 02.02.1824, das dieser aber wohl erst zeitgleich oder sogar später als diesen Brief erhielt. Bevor Speyer diesen Brief am 27.02.1824 beantwortete, sendete Spohr ihm noch am 21.02.1824 einen Antwortbrief auf Speyer an Spohr, 14.02.1824, dessen Postweg sich mit dem dieses Briefs überschnitt.

[1] Entsprechend berichtet auch ein mit „von einem anderen Korrespondenten” bezeichneter Kritiker: „Leipzig, am 10. Febr. 1824”, in: Abend-Zeitung (1824), S. 168. Deutlich nüchterner urteilte in der gleichen Zeitung: Kalophilos, „Leipzig im Februar 1824”, in ebd., S. 216, 220 und 224, hier S. 220 und 224

[2] Dieser Brief ist verschollen.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (19.02.2016).

[Brief vom 14. Februar]

Beim Eintritt in’s Orchester wurde ich schon mit allgemeinem Jubel begrüßt. Die Ouvertüre wurde stürmisch und anhaltend da capo verlangt. Da aber schon aufgezogen war, so ließ das Publikum es endlich gefallen, daß wir zur Introduktion fortschritten. Jede Nummer ward mit lebhaftem Beifall aufgenommen, vier derselben da capo verlangt, worunter auch ein Chor, der erste des zweiten Aktes. Den größten, wirklich wüthenden Enthusiamus erregte das Duett des zweiten Aktes. zwischen Amazili und Nadori. Gleich nach dem ersten Akt erhob sich einer Loge des ersten Ranges ein Sprecher, hielt eine kl. Anrede an mich, in der er mich als einen wahren Meister Deutscher Kunst bezeichnete und forderte die Anwesenden auf, mir ein dreimaliges Lebehoch zu bringen. Dies geschah mit Begleitung von Trompeten und Pauken in einem Tutti daß ich glaubte, die Mauern würden einstürzen. Ein gleiches und „da capo Jessonda!” ertönte am Schluß der Oper. Hofrath Küstner überschickte mir am Tage nach der Aufführung das Doppelte des Bedungenen, und wie ich bei der Abreise im Wirtshause die Rechnung bezahlen wollte, war sie schon berichtigt ...Peters, der Verleger des Clavierauszugs (der in 8 Tagen verschickt wird,) erklärte mich auch, daß das, von mir bestimmte Honorar, nach dem nun zu erwartenden Erfolg der Oper zu gering angesetzt sei und daß ich ihm erlauben soll, nun selbst eines dafür zu bestimmen.

Cassel 15. Februar 1824.

Vorgestern bin ich von einer kleinen Reise zurückgekehrt, die ich in Geschäften des Theaters machen mußte. Ich konnte sie so einrichten, daß ich der ersten Aufführung der ,Jessonda’ in Leipzig am neunten ds. beiwohnen konnte. Ich wurde bei meiner Ankunft von der Direktion eingeladen, die beiden letzten Proben und die Aufführung selbst zu dirigieren und tat es gern, weil ich so mehr auf die Darstellung wirken konnte. Die Erwartungen waren sehr gespannt, teils durch die früheren Berichte von hier, teils durch den Umstand, daß die Ouvertüre, die früher mit der aus der ,Euryanthe’ in einem Konzert gemacht wurde, einen allgemeinen Beifall gehabt, der letzterer gefehlt hatte. Auch hatten die Musiker nach den Proben bereits eine vorteilhafte Idee von der Musik verbreitet. Gleich in der ersten Probe hörte ich, daß die Oper gut gehen würde und nun war ich des Erfolgs wegen unbesorgt. Dieser war denn auch so glänzend, wie ich ihn nur wünschen konnte. Beim Eintritt ins Orchester wurde ich schon mit allgemeinem Jubel begrüßt. Die Ouvertüre wurde stürmisch und anhaltend da capo verlangt. Da aber schon aufgezogen war, so ließ das Publikum es endlich gefallen, daß wir zur Introduktion fortschritten. Jede Nummer wurde mit lebhaftem Beifall aufgenommen, vier wurden noch da capo verlangt, worunter auch ein Chor, der erste des zweiten Aktes, sich befand. Den größten, wirklich wütenden Enthusiamus erregte das Duett des zweiten Aktes zwischen Amazili und Nadori. Gleich nach dem ersten Akt erhob sich einer Loge des ersten Ranges ein Sprecher, hielt eine kleine Anrede an mich, in der er mich als einen wahren Meister Deutscher Kunst bezeichnete und forderte die Anwesenden auf, mir ein dreimaliges Lebehoch zu bringen. Dies geschah mit Begleitung von Trompeten und Pauken in einem Tutti, daß ich glaubte, die Mauern würden einstürzen. Ein gleiches ,bravo’ und ,da capo Jessonda’ verlautete beim Schluß der Oper. Der Hofrat Küstner, der früher mit mir um das Honorar gehandelt hatte, überschickte mir tags nach der Aufführung das Doppelte des Bedungenen, und wie ich bei der Abreise die Rechnung im Wirtshause bezahlen wollte, war sie von ihm schon berichtigt. Auch ein glänzendes Fest gab er mir. Peters, der Verleger des Klavierauszuges, erklärte mich auch nach der Aufführung, daß das von mir bestimmte Honorar nach dem nun zu erwartenden Erfolg der Oper zu gering angesetzt sei und daß ich ihm erlauben soll, selbst eines zu bestimmen. Bei dem Eindruck, den ich die Musik auf das große Publikum machen sah, darf ich nun wohl hoffen, daß sich diese Oper Bahn brechen und meine anderen beiden wohl auch noch mitschleppen wird. In Leipzig ist wenigstens schon die Rede davon, die ,Zemire’ neu in Szene zu setzen und den ,Faust’ einzustudieren. – Die nächste Aufführung der ,Jessonda’ wird nun wohl in Berlin sein und wenn es mir meine Geschäfte einigermaßen erlauben, so werde ich dabei gegenwärtig sein. Spontini interessiert sich sehr dafür, doch ist nun Brühl eben deswegen dagegen und da dieser Garderobe und Dekorationen zu bewilligen hat, so kann er der Aufführung viel Hindernisse in den Weg legen. Spontini verlangte von mir vor etwa vierzehn Tagen einen Vorschlag zur Besetzung und schrieb mir dabei, daß die Oper nun ungesäumt verteilt und studiert werden solle ...

[15. Februar 1824]

... Beim Eintritt ins Orchester wurde ich schon mit allgemeinem Jubel begrüßt. Die Ouvertüre wurde stürmisch und anhaltend da capo verlangt. Da aber schon aufgezogen war, so ließ das Publikum es endlich gefallen, daß wir zur Introduktion fortschritten. Jede Nummer wurde mit lebhaftem Beifall aufgenommen, vier wurden noch da capo verlangt, worunter auch ein Chor, der erste des zweiten Aktes, sich befand. Den größten, wirklich wütenden Enthusiamus erregte das Duett des zweiten Aktes zwischen Amazili und Nadori. Gleich nach dem ersten Akt erhob sich einer Loge des ersten Ranges ein Sprecher, hielt eine kleine Anrede an mich, in der er mich als einen wahren Meister deutscher Kunst bezeichnete und forderte die Anwesenden auf, mir ein dreimaliges Lebehoch zu bringen. Dies geschah mit Begleitung von Trompeten und Pauken in einem Tutti, daß ich glaubte, die Mauern würden einstürzen. Ein gleiches bravo und „da capo Jessonda” verlautete beim Schluß der Oper. Der Hofrat Küstner, der früher mit mir um das Honorar gehandelt hatte, überschickte mir tags nach der Aufführung das Doppelte des Bedungenen, und wie ich bei der Abreise die Rechnung im Wirtshause bezahlen wollte, war sie von ihm schon berichtigt. Auch ein glänzendes Fest gab er mir. Peters, der Verleger des Klavierauszuges, erklärte mich auch nach der Aufführung, daß das von mir bestimmte Honorar nach dem nun zu erwartenden Erfolg der Oper zu gering angesetzt sei und daß ich ihm erlauben soll, selbst eines zu bestimmen. Bei dem Eindruck, den ich die Musik auf das große Publikum machen sah, darf ich nun wohl hoffen, daß sich diese Oper Bahn brechen und meine anderen beiden wohl auch noch mitschleppen wird. In Leipzig ist wenigstens schon die Rede davon, die Zemire neu in Szene zu setzen und den Faust einzustudieren ...