Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. 55 Nachl. 76,217

Offenbach am 14 Feb. 1824.

Theurer Freund!

Unseren wärmsten Dank für Ihre freundschaftlichen Wünsche. Wir sind alle recht gesund und glücklich, und was zu unserer Zufriedenheit beiträgt, ist die Hoffnung, Sie mit den Ihrigen bald bei uns zu sehen. – Vom Einstudiren der Jessonda weiß man noch nichts; zwar sind die Stimmen ausgeschrieben, die Rollen vertheilt, indessen haben noch keine Quartettproben stattgefunden. Die Oper Euryanthe kömmt früher vor und wird in 14 Tagen hier erscheinen. – Wie wäre es wenn Sie selbst einige Zeilen an Guhr schrieben, um zu erfahren wann die erste Aufführung statt fände; die Nothwendigkeit, jene Zeit, theils Ihrer Ankunft wegen, theils um der Anstalten zum Conzerte willen zu erfahren, muß Ihre Anfrage veranlassen. Wie gehet es mit der Aufführung an andern Orten? Sie sagten mir, daß Sie der ersten Aufführung in Berlin beiwohnen würden; werden Sie diese Reise unternehmen? Schelble sagt mir, daß der Cäcilienverein in Kürze eine von Ihnen gesetzte Cantate aufführen wird. Wahrscheinlich ist es die, von der ich in öffentlichen Blättern laß und welche bei einem Fest, wobei man Ihnen einige Candelabere dedicirte, aufgeführt wurde.1 Ich freue mich darauf. – Eine Bitte habe ich, welche Sie mir nicht abschlagen dürfen. – Ich brenne nämlich (gemeinerweise zu sagen) auf Ihr neues Soloquartett und bitte Sie inständigst mir die Partitur sogleich zu senden. Mein Wort verbürgt Ihnen, daß kein Mißbrauch geschiehet. Ich schreibe es ab, und stelle Ihnen die Partitur bei Ihrer Hieherkunft zu. – Da Sie mir mit dem Doppel Quartett die Freude gemacht, so hoffe ich hier ein gleiches.
Ich hoffe auf Gewährung meiner Bitte und auf baldmöglichste Erfüllung. Haben Sie die Partitur der Euryanthe und können Sie mir etwas darüber sagen? – Ein Heft Violinduetten und ein Heft neuer Lieder welche von mir erschienen, werde ich mir die Freude machen, Ihnen persönlich einzuhändigen. – Leben Sie wohl theurer Fr. und erfreuen Sie mich recht bald mit Ihren Nachrichten. Den Ihrigen die herzlichsten Grüße.

WmSpeyer.



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Speyer, 06.01.1824. Dazwischen liegt noch ein Empfehlungsschreiben von Spohr für Hubert Ries an Speyer, 02.02.1824, das Ries aber wohl erst nach dem 14.02. zuging und das er am 27.02.1824 beantwortete. Außerdem überschnitt sich der Postweg dieses Briefs mit Spohr an Speyer, 15.02.1824.

[1] Vgl. „Cassel, am 1. December 1823”, in: Abendzeitung (1824), S. 24, 28 und 32, hier S. 28 und 32; Louis Spohr, Lebenserinnerungen, hrsg. v. Folker Göthel, Tutzing 1968, Bd. 2, S. 135, Text mit fehlerhafter Paginierung auch online; ders., Louis Spohr’s Selbst-Biographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 163

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (19.02.2016).