Autograf: Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (D-Dl), Sign. Mscr. Dresd. Aut. 1002
Druck 1: [Leopold Hirschberg], „Carl Maria von Weber an Louis Spohr. Eine Hundertjahrerinnerung an den 12. Januar 1824“, in: Berliner Börsen-Courier 13.01.1924, S. 5
Druck 2: Georg Kinsky, Manuskripte – Briefe – Dokumente von Scarlatti bis Stravinsky. Katalog der Musikautographen-Sammlung Georg Koch, Stuttgart 1953, S. 153f.
Druck 3: Carl Maria von Weber, Briefe, hrsg. v. Hans Christoph Worbs, Frankfurt am Main 1982, S. 116f.
Druck 4: Musik-Autographen. Sammlung Max Reis und anderer Besitz. Auktion in Basel am 8. Oktober 1994 (= Katalog Stargardt 657 und Erasmushaus 67), Basel und Berlin 1994, S. 158 (teilweise)
Online-Edition: Carl-Maria-von-Weber-Gesamtausgabe. Digitale Edition

Mein theurer Freund!

Haben Sie zuerst herzlichen Dank für Ihre Theilnahme, und dann dafür daß Sie mir Gelegenheit gaben wiederholt von der Aufführung einer Ihrer Opern zu sprechen.
Sie kennen unsere Stellung ja selbst genau. Faust dürfen wir dem Hof nicht bringen. in Zemire und Azor hat die Devrient in Wien Ihnen die Zemire verdorben1; ist es ihr da zu verdenken wenn sie sich nun davor scheut sie wieder zu geben? Nun bleibt uns Jessonda. Sie kennen unser Personale. wie würden Sie es besezzen? ich bitte Sie herzlichst mir darüber und über Zemire Ihre Meynung zu schreiben. Endlich muß ich noch bemerken, daß Mad. Devrient hoch schwanger ist, nur noch wenig singen kann, und wahrscheinlich erst im Februar niederkomt.
Sie sehen daß unsere Laage nicht eben die angenehmste ist. Was Sie von unserem Repertoir bemerken, ist nur zu wahr. ich kann dazu weiter nichts sagen als daß ich thue waß ich kann und was ich muß.
Seit meiner Rükkunft von Wien d. 10t 9ber bin ich allein im Dienst, da Morlachi in Italien, und Schubert ohne Hoffnung krank ist. Was dieses bei unserem so vielfach durchschlungenen Dienst mir für zum Tod ermüdende Arbeit bringt, brauche ich Ihnen nun wohl nicht erst zu erklären. Es ist unbegreifflich daß meine Gesundheit dabei besteht.
Wenn Sie Euryanthe bekommen, so sehen Sie sie mit Nachsicht des Freundes an. Gepriesen ist sie allerdings von Manchen worden, von noch Mehreren aber angefeindet. Beide mögen in der Sache zu viel thun, und es wird noch manches Wort darüber sich hin und her kreuzzen.
Auf den Wunsch Ihrer geehrten Intendanz, erlaube ich mir folgende Bedingungen vorzuschlagen.

1t den gewöhnlichen Revers.
2) Ein Honorar von Vierzig Fried.dor.
3t wird zugleich ein an den Komponisten mit einzusendendes von der verehrlichen Intendanz näher zu bestimendes Honorar, für die Dichterin2 der Euryanthe zu Bedingung gemacht.

Da Sie, mein sehr lieber Freund mir nichts Näheres über Ihre liebe Familie schreiben, sezze ich voraus daß alles wohl ist. auch bei mir geht es ziemlich gut. Max leidet zwar sehr an seinen Zähnen, aber er gedeiht doch im Ganzen sichtlich. Meine Frau grüßt herzlichst. Wie gerne möchte ich einmal recht ausführlich mit Ihnen plaudern; besonders auch über meinen lezten Aufenthalt in Wien, der wunderlich, intereßant war. Welch ein Gähren der Gemüther, welche vorsäzliche Wiederspenstikeit mancher Klaßen in Kunstsachen. - die Welt liegt wohl im Argen. Laßt uns Geduld haben, und die Ohren steif halten. Mit herzlichster Liebe und inniger Achtung stets

Ihr Weber.

Dresden d 12. Januar 1824.



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Weber an Spohr, 06.07.1823. Der nächste erschlossene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Weber, bis zum 17.03.1824.
Weber erwähnt diesen Brief am Tag der Niederschrift auch in seinem Tagebuch (Carl-Maria-von-Weber-Gesamtausgabe. Digitale Edition).

[1] Eduard Grund gab in einem derzeit verschollenen Brief Devrient nicht allein die Schuld. Zeitgenössische Zeitschriftenberichte führen den Misserfolg dieser Oper in Wien außerdem auf Auseinandersetzungen zwischen Besuchergruppen zurück („K.K. Theater nächst dem Kärnthner-Thore“, in: Wiener allgemeine musikalische Zeitung 5 (1821), Sp. 824ff.; N-n., „K.K. Theater nächst dem Kärnthner-Thore“, in: ebd. 6 (1822), Sp. 17f.; „Wien. Uebersicht des Monats December“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 24 (1822) Sp. 57-66, hier Sp. 57f.).

[2] Helmina von Chézy.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (01.02.2019).