Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. 55 Nachl. 76,49
Druck: Edward Speyer, Wilhelm Speyer der Liederkomponist 1790-1878. Sein Leben und Verkehr mit seinen Zeitgenossen dargestellt von seinem jüngsten Sohne, München 1925, S. 69 (teilweise)

Herrn
W. Speyer
Wohlgeb.
Offenbach a/m


Cassel am 25sten August
23.

Geliebter Freund!

Daß die Frankfurter meine Oper1 geben wollen, ist mir doppelt lieb, da ich nun eine Veranlassung bekomme, dorthin zu reisen, und mir dann die Freude bevorsteht, Sie und die Ihrigen wiederzusehen. Vorgestern war die 3te Vorstellung. Das Haus faßte wieder nicht alle Zuströmenden. Der Enthusiasmus des Publikums steigerte sich so, daß ich am Ende der Vorstellung herausgerufen wurde.2 Die Oper bewährt sich auch bei mir selbst. Bis jetzt habe ich noch nichts so Gutes zustande gebracht.
Sagen Sie doch gefälligst Guhr, daß ich die Partitur zum copiren gegeben habe und daß ich sie bald einschicken würde. Fragen Sie ihm doch auch, er sie einzustudiren gedenkt und in welchem Monath die Aufführung wohl stattfinden würde. Ich mögte dieß im voraus wissen um meine Einrichtung danach treffen zu können.
Während der Messe haben wir auch Zemire und Azor wieder gegeben und die Aufführung war so vollendet wir ich fast nichts ähnliches gehört habe. Die kl. Roland ist ein wahrer Engel und singt und spielt die Zemire noch viel besser wie die Canzi.3 Sie und Gerstäcker wurden gerufen. In Nro 5 habe ich den Canon4 fast ganz gestrichen und einiges geändert. Dieß hat der Oper gut gethan. Das Lied von Ali im 2ten Akt habe ich neu instrumentirt. – Sollten Sie den Dr. Döring sehen so sagen Sie ihm gefälligst daß ich ihm das Geld für die aus überschickten Stimmen zu Mehuls Oper5 selbst mitbringen würde, oder hätten Sie vielleicht die Güte Sie ihm für meine Rechnung zu bezahlen? Es sind (glaube ich) 30 fl.
Von uns allen die herzlichsten Grüße an die Ihrigen.
Ewig Ihr Freund Louis Spohr.

Erwähnte Personen: Canzi, Katharina
Döring, Georg
Gerstäcker, Friedrich (Vater)
Guhr, Carl
Roland, Sophia
Erwähnte Kompositionen: Méhul, Étienne-Nicolas : Valentine de Milan
Spohr, Louis : Jessonda
Spohr, Louis : Zemire und Azor
Erwähnte Orte: Frankfurt am Main
Kassel
Erwähnte Institutionen: Hofkapelle <Kassel>
Stadttheater <Frankfurt am Main>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1823082502

http://bit.ly/1LuUyuy

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Speyer an Spohr, 18. und 20.08.1823. Speyer beantwortete diesen Brief am 24.09.1823.

[1] Jessonda.

[2] Vgl. „Kassel, am 1. Octbr. 1823”, in: Abend-Zeitung (1823), S. 1004 und 1008, hier S. 1008; „Cassel, am 14. Sept.”, in: Morgenblatt für gebildete Leser 17 (1823), S. 967f. und 972, hier S. 972

[3] Vgl. „Aus Kassel, den 8. Oktober”, in: Zeitung für die elegante Welt (1823), Sp. 1887f., 1895, 1904 und 1911f., hier Sp. 1911f. 

[4] Zum Kanon in diesem Terzett vgl. Dietrich Greiner, Louis Spohrs Beitrag zur deutschen romantischen Oper, Phil. Diss. Kiel 1960, S. 155f.; Michele Calella, „Musiktheatralische Texttraditionen in Spohrs Zemire und Azor”, in: Oper im Aufbruch. Gattungskonzepte des deutschsprachigen Musiktheaters um 1800, hrsg. v. Marcus Chr. Lippe (= Kölner Beiträge zur Musikwissenschaft 9), S. 289-309, hier S. 297.

[5] Vermutlich die 1824 in Kassel aufgeführte Valentine de Milan (vgl. Eberhard Wolff von Gudenberg, Beiträge zur Musikgeschichte der Stadt Kassel unter den letzten beiden Kurfürsten (1822-1866), Phil. Diss. Göttingen 1958, S. 35).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (18.02.2016).

Cassel, 25. August 1823.

Daß die Frankfurter meine Oper geben wollen, ist mir doppelt lieb, da ich nun eine Veranlassung bekomme, dorthin zu reisen, und mir dann die Freude bevorsteht, Sie und die Ihrigen wiederzusehen. Vorgestern war die dritte Vorstellung. Das Haus faßte wieder nicht alle Zuströmenden. Der Enthusiasmus des Publikums steigerte sich so, daß ich am Ende der Vorstellung herausgerufen wurde. Die Oper bewährt sich auch bei mir selbst. Bis jetzt habe ich noch nichts so Gutes zustande gebracht ...