Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Druck 1: Axel Beer, Musik zwischen Komponist, Verlag und Publikum. Die Rahmenbedingungen des Musikschaffens in Deutschland im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts, Tutzing 2000, S. 102, 211f. und 258 (teilweise)
Druck 2: Gudula Schütz, Vor dem Richterstuhl der Kritik. Die Musik in Friedrich Nicolais „Allgemeiner deutscher Bibliothek“ 1765–1806, Tübingen 2007, S. 250 (teilweise)

Leipzig den 19. April 1823.

Werthester Freund

Während mein Schreiben vom 11. d.1 zu Ihnen gegangen ist, habe ich das Ihrige vom 14. d. erhalten, worinnen Sie die Rth. 500. – sogleich zu empfangen wünschen, ich ermangele nicht, diesen Wunsch mit umgehender Post zu erfüllen und Ihnen hierbei die Rth. 500. – zu senden.
Ich würde Ihnen solche in baarem Gelde senden, allein erstlich kostet solches gar zu viel Porto und zweitens, hat meine Casse auch noch nicht die leiseste Empfindung von unsrer schon seit 8 Tagen vergangenen mehr als schlechten Messe, daher sende ich Ihnen gute gleich zahlbare Wechsel auf Frankfurt a/M welche wie baar Geld sind, denn Sie dürfen solche nur an einen Banquier in Cassel geben und das Geld dafür empfangen.
Rth. 500. – Conventionsgeld betragen fl. 900. – Rheinisch, die Wechsel aber betragen fl. 904. – folglich 4. – mehr, indem der Cassler Banquier für seine Bemühung etwas anrechnen muß, oder wenn Sie selbst die Wechsel in Frankfurt einkassieren lassen sollten, Sie dabei Porto Kosten haben, welches eins oder das andere, ein Gegenstand von fl. 3 bis 4. – sein dürfte, daher ich Ihnen so viel mehr sende, sollte es wider Erwarten noch etwas mehr betragen so werde Ihnen solches vergüten und bitte Sie daher um deshalbige Anzeige. Die Rth. 500. bitte mir Rechnung gutzuschreiben und mir nur mit zwey Worten deren Empfang zu melden, damit ich weiß daß die Wechsel Ihnen zugekommen sind.
Durch unsre Messe scheint wieder ein Schritt zur Abnahme vom Leipziger Handel gethan zu werden, denn wenn unsre Messe so fort abnehmen, so sieht es für uns schlimm aus, übrigens ist wohl jeder Vernünftige hier der Ueberzeugung daß Leipzigs Flor nie wieder kehren kann und diese Stadt sich mit der Zeit an so manche Stadt, die nicht als Handelsplatz glänzte, anreihen wird – alles ist dem Wechsel unterworfen.
Wie unsere Buch und Musikhändler Messe ausfallen wird, steht noch zu erwarten, indeß bei dem jetzt allgemeinen Geldmangel wird sie eben so wenig gut werden. So viel ist gewiß daß wir einen recht langen May haben denn bekanntlich ist der May der erste Monath der Krebse, wir aber sind schon jetzt damit überhäuft (die in jeder Ostermesse vor der Abrechnung zurück kommenden Bücher werden nämlich Krebse genannt)2 und so zahlreich wie diesmal sind die im vorigen Jahre versandten neuen Werke noch nie zurück gekommen, auch herrscht dabei die größte Ungerechtigkeit, denn auch keiner von uns kann sich beklagen, daß er nicht zuviel zurück erhalten hätte, bei der Unzahl von Büchern u. Musikal. die jetzt jährlich gedruckt werden, muß es eben so kommen, die Erneuerung nimmt täglich zu und die Zeiten werden immer mißlicher.
Leider bemerke ich auch Ihre Messe vorzüglich häufig unter den Krebsen, was mir, der Messe wegen, gar nicht lieb ist, indeß wundern kann ich mich darüber nicht, denn außer den wenigen Orten wo große schon gediegene Singanstalten sind, ist solche wirklich nicht gut aufführbar die kleinen Vereine bringen solche nicht heraus. Es ist recht schade, daß Sie solche zu schwer gemacht haben, weil dadurch nun auf so vielen Orten das Gute wegfällt was Sie damit bezwecken wollten und gewiß zu großem Dank gerreicht hätten.
Ich weiß wohl daß Sie mir nicht beistimmen, auch kann Ihre Ansicht als großer Künstler ganz richtig sein, aber daß andere anderer Meinung sind und sich in die Messe nicht fügen können oder wollen, davon liegt der Beweiß vor mir und dieser Beweiß ist hardgewichtig.
Werden Sie mir nicht böse, wenn ich immerwährend gegen das Schwere predige, es ist bei mir gewiß nicht Gewinnsucht des Verlegers, sondern ich kann mich ärgern wenn man Ihre Werke immer wegen dem Schweren verwirft, weil ich doch weiß daß sie gut sind; es ist einfältig daß ich mich ärgere, allein es liegt in meiner Vorliebe zu Ihnen, denn ganz gleichgültig bin ich wenn Werke gewöhnlicher Componisten in Menge zurück gesandt werden, allein wenn Werke3 von Ihnen oder einem ausgezeichneten Künstler häufig zurück kommen, so verdrüßt es mich, denn was wollen dann die Leute wenn sie solche Sachen nicht wollen? auch ist die Zahl großer Componisten so klein, daß sie froh sein sollten, wenn von solchen etwas erscheint s'ist aber mit der jetzt so großen Musikliebhaberey wie mit den mehrsten Dingen, die Musikliebhaber sprechen nur von hohen erhabenen, auf dem Klavier aber prangt der treue Tod, Ypsilanti-Walzer etc. nun mich soll nichts4 von meinem einmal gefaßten Plane abbringen, indeß thue ich das meinige, sowohl bei dem Künstler zum besten des Publikuns als bei dem Publiko zum besten des Künstlers, damit werden also auch Sie mich entschuldigen, wenn ich wegen Ihren Compositionen den Wunsch des Publikums so oft ausspreche und solches nie übel nehmen, denn sonst sage ich nichts mehr.
Ihr Potpourri ist nun dem erscheinen nahe, auch habe ich Ihre Ouverture zu Faust schon in mein Neuigkeits Verzeichniß gesetzt, damit man darauf aufmerksam werde, senden Sie mir daher nun bald das Manuscript so wie auch das Quartett.
Wünsche einen recht heitern Einzug in Ihr Besitzthum und bleibe

herzlich Freund
Peters.

Die fl. 900 – folgen hier in 2 Wechseln.
fl. 490.30 auf Herrn Gayl in Frankfurth
412,30 auf Herrn de Neufville ''
_________
fl. 904 –

Beide Wechsel werden bezahlt, denn bei Gayl liegt das Geld für mich schon bereit und den zweiten Wechsel habe ich mir bei einem Banquier geben lassen.

Erwähnte Personen: de Neufville, Johann Robert
Gayl, Johann Conrad
Erwähnte Kompositionen: Anonymus : Ypsilanti-Walzer
Giuliani, Mauro : Der treue Tod
Spohr, Louis : Faust
Spohr, Louis : Messen, op. 54
Spohr, Louis : Potpourris, Vl Orch, op. 59
Spohr, Louis : Quartette, Vl 1 2 Va Vc, op. 61
Erwähnte Orte: Kassel
Leipzig
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1823041950

http://bit.ly/2h3kjfz

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf den derzeit verschollenen Brief Spohr an Peters, 14.04.1823. Spohr beantwortete diesen Brief am 02.05.1823.

[1] Peters an Spohr, 11.04.1823.

[2] Vgl. Beer, S. 348.

[3] Hier gGestrichen: „wie“.

[4] Hier gestrichen: „aus“.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Wolfram Boder (16.12.2016).