Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Ms. ep. Spohr-Correspondenz. 2,111
Druck: [Ernst Rychnovsky], Beschreibendes Verzeichnis der Autographen-Sammlung Fritz Donebauer in Prag, 2. Aufl., Prag 1900, S. 181 (teilweise)

Rudolstadt, am 14. Jan. 1823

Sie werden vielleicht, verehrter und geliebter Freund, schon gehört haben, daß ich, wenn auch nach langem, schmerzlichen Kampfe, doch nach reichlicher Uiberlegung, meine hießigen Verhältniße aufgegeben habe, und mich mit Anfang Febr. in Hamburg niederlaßen werde. Uiber meine Wünsche, Pläne und Aussichten daselbst erfahren Sie das Nähere aus persönlicher Mittheilung: denn ich kann mir unmöglich das Vergnügen versagen, Sie und die Ihrigen auf der Reise zu meiner Bestimmung, in Caßel zu besuchen, und einige Stunden mit Ihnen zu verplaudern. Um’s Plaudern aber allein ist mir’s freilich nicht zu thun, und so möchte ich denn auch herzlich gern etwas von Ihnen und durch Sie hören. Vor allem sehne ich mich, Zemire oder Faust zu hören. Ist es Ihnen daher nicht durch die Umstände allzusehr erschwert, so würden Sie mir ein schönes Fest bereiten, wenn Sie während meiner Anwesenheit in Caßel eine dieser Opern zur Aufführung bringen könnten. Ich weiß, die Prätension1 ist nicht gering, aber Sie sind auch überzeugt, daß nicht leicht ein Individuum sich so in Ihre Schöpfungen versenkt, als ich – also, werther Meister! macht’s möglich! – macht es aber der Teufel oder sonst eine Sängerin etc unmöglich, so substituiren Sie wenigstens eine andere Oper, damit ich doch Ihr Orchester zu hören bekomme.
Ich gedenke, Freitags d. 24., oder höchstens Sonnabends, d. 25. Jan. in Caßel einzutreffen; mit welcher Freude mich diese Hoffnung erfüllt, vermag ich kaum auszudrücken, und ich bedarf in der That einigen Ersatz für so manches, was ich hier zurückließ. Auch sind nicht wenige, die mein Abgang sehr betrübt, und ich muß meine ganze Faßung zusammennehmen, um den Schmerz der Trennung zu überstehen. Doch die Götter werden mir Kraft geben, das Unvermeidliche zu ertragen!2
Grüße und allerlei alte und neue Späße von den Freunden, die mich sämtlich um das Glück beneiden, Sie zu sehen, bringe ich brühwarm selbst an die Behörde. – Uibrigens haben wir wohl erfahren, daß Sie in einer brauchbaren Residenz3 gewesen sind, uns nicht besucht, wohl aber eine hübsche Sängerin4 entführt haben, welche Grundthat in der Portenstadt ein großes Aufsehen gemacht haben soll.
Doch ich schließe, denn meine Stunden sind gezählt; auch möchte mir die Post davon laufen. Herzliche Grüße den Ihrigen, so wie einen dito an Freund Gerstäcker von

Ihrem treuen
AMethfeßel

Erwähnte Personen: Gerstäcker, Friedrich (Vater)
Nerl, Rosa
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Faust
Spohr, Louis : Zemire und Azor
Erwähnte Orte: Hamburg
Kassel
Rudolstadt
Weimar
Erwähnte Institutionen: Hoftheater <Kassel>
Hoftheater <Weimar>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1823011443

http://bit.ly/2Dnglri

Spohr



Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Methfessel an Spohr, 23.07.1823.

[1] Prätension = Anforderung (vgl. Gedrängtes Deutschungs-Wörterbuch der unsre Schrift- und Umgangs-Sprache, selten oder öfter, entstellenden fremden Ausdrücke zu deren Verstehen und Vermeiden, hrsg. v. Friedrich Erdmann Petri, 3. Aufl., Dresden 1817, S. 368).

[2] Hier gestrichen: „überstehen”.

[3] Noch nicht ermittelt; möglicherweise Weimar.

[4] Noch nicht ermittelt. Vom Einstellungsdatum her käme Rosa Nerl in Frage (vgl. das Darsteller-Verzeichnis in: Reinhard Lebe, Ein deutsches Hoftheater in Romantik und Biedermeier. Die Kasseler Bühne zur Zeit Feiges und Spohrs (= Kasseler Quellen und Studien 2), Kassel 1964, S. 281-286, hier S. 284).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Götz Methfessel (21.12.2017).