Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus.ep. Spohr-Correspondenz 2,176
Druck: [Ernst Rychnovsky], Beschreibendes Verzeichnis der Autographen-Sammlung Fritz Donebauer in Prag, 2. Aufl., Prag 1900, S. 249 (teilweise)

Sr Wohlgeboren
Herrn Capellmeister Spohr
in
Cassel

fro.


Hochgeehrtester Freund!

Ich war in der letzten Zeit des alten Jahres verreist, sonst würde ich mir die Freiheit genommen haben früher meine Glückwünsche brieflich an Sie übemacht zu haben. Nun, da ich wieder ein wenig einheimisch geworden bin so ist es mein Erstes: Ihnen alles erdenkliche Glück zum1 neuen Jahr zuwünschen, soviel ich mir nur selbst wünsche, u. - daß Sie uns der Himmel noch recht recht lange erhalten möge.
Ich habe mich, im Geiste, namenlich in der letzten Zeit, fortwährend mit Ihnen beschäftigt: oft so herzlich mich mit Ihnen gefreut – mehrere Ihrer neuen Compositionen -, die mir wenigstens neu waren, gaben mir dazu noch Anlaß. Auch Ihre neuesten Violinquartetten scheinen mir so überaus schön u gediegen – nur schade, daß ich wenig Gelegenheit habe der Art Musik an zu hören. Mit dem Vortrag von Liebhabern kann ich mich nun gar nicht mehr begnügen, u. Künstler, die solche gehaltvolle Composition – u dann würdig, vortragen finden sich im Ganzen auch selten. So hörte ich jüngst Ihre Gesangscene von Guhr, ich muß gestehen, trotz dem er sie nicht gerade zu schlecht vortrug, so war ich dennoch zuerst(?) unzufrieden. Ich hörte sie ja von Ihnen, wie könnte diese einen dann noch befriedigen!
Es wird mir jezt erst so recht fühlbar, so unangenehm wie möglich, daß wir Sie hatten, leider hatten, u nicht mehr haben. Könnte ich die Zeit zurückdrehen, wie gerne würde ich es thun – ich sah Sie damals so höchst selten. Wäre diese Zeit jetzt noch so würde ich Sie recht bombardiren mit meinen Besuchen. Mittheilung findet man hier gar nicht obgleich dem Ftern2 der Sinn im allgemeinen nicht abzusprechen wäre; daß letzteres würklich der Fall ist, müßte ein Beweiß seyn, daß Ihr Faust tagtäglich mehr Eingang findet, obgleich man ihn wenig hört, und daß die Rossiniaden mehr u mehr sinken.
Ein Wort nun unter uns.
Mein Einziger Wirkungskreis (wenn man ihn so nennen kann) gefällt mir nun gar nicht mehr – mein eifriges Abmühn geht nun wo anders hin, wo – weiß der Einmal! nur fort. – Eine fixe Stelle wäre mir nun sehr willkommen; und ich sollte denken, da ich mich früher hie in der Direction 5 bis 6 Jahre fortwährend übte, u. Violin spiele (von Speyer könnten Sie erfahren was3 ich darin leiste4) Was keine unübersteigliche Schwierigkeiten haben könnte wenn solche zu bekommen. Ihre Meinung hierüber wäre mir sehr erfreulich. Wenn Sie einige Minuten erübrigen können um sie mir zu weihen, so bitte ich Sie recht dringend mir sie mitzutheilen, u wie man es am klügsten anfängt u am zweckmäßigsten um einen solchen Zweck zu erringen? natürlich ohne sich im Mindesten zu vergeben.
Aber gewiß ist‘s, daß die Protection eines so allgemein anerkannten Mannes, wie Sie verehrtester Freund, die größeste Wirkung hat. Ich ersuche Sie darum, und von Ihrer Güte bin ich überzeugt daß Sie in diesem Falle thun was im Reiche der Möglichkeit liegt. Sie haben viele Gelegenheit auch in dieser Art zu nützen, u. wohl als Anfrage, wenigstens werden Sie oft um Ihre Meinung gefragt u zu Rathe gezogen. Wenn dieß der Fall, so denken Sie an mich, ich bitte, einen ungeheuren Freundschaftsdienst erweisen Sie mir, noch mehr, dadurch. Glühend lege ich diese meine Angelegenheit Ihnen ans Herz, u unumschränkte Vollmacht gebe ich Ihnen über mich hiemit. Wenn was vorfallen sollte, so wird mir alles recht seyn was Sie hierin thun, u dieß thue ich nun mit so mehrerer Seele die Sie mich als Mensch wie auch als Künstler kennen. Schande sollen Sie in diesem wie in keinem Falle von mir haben.
Spontini ist seit einigen Tagen hier in der Gegend, u mit Nächstem, so höre ich, soll eine Oper von ihm, ihm zu Ehren aufgeführt werden. -
In der erfreulichen Hoffnung bald etwas von Ihnen zu hören empfehle ich mich Ihnen u. Ihrer mir höchst verehrungswürdigen Familie.
Zum Schluße noch die Entschuldigung meines unzusammenhängenden Geschmiers was Sie mir verzeihen werden da ich kaum den Kopf von Schnupfen u Chartarre heben kann.
Mit liebevoller Hochschätzung bin u. bleibe ich

Ihr
getreuer(???) Freund Aloys Schmitt
Sachsenhausen den 12ten Januar 23.

Autor(en): Schmitt, Aloys
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Spontini, Gaspare
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Frankfurt am Main
Erwähnte Institutionen: Stadttheater <Frankfurt am Main>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1823011245

http://bit.ly/3jHrBWV

Spohr



Der nächste erschlossene Brief dieser Korrespondenz ist Schmitt an Spohr, bis 23.08.1828.

[1] Hier gestrichen: „diesem“.

[2] „Ftern“ wohl Abk. f. „Frankfurtern“.

[3] Hier ein gestrichenes Wort.

[4] „leiste“ über einem gestrichenen Wort eingefügt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (03.09.2021).