Autograf: Stadtmuseum Dresden, Museen der Stadt Dresden, Schriftgutsammlung, Sign. SMD_SD_2021_00172
Digitale Edition: Museen der Stadt Dresden – Sammlungen Online

Cassel am 12ᵗᵉⁿ
Januar 23.

Hochgeehrtester Freund,

Eine kl. Geschäftsreise1 nach Weimar hat mich verhindert Ihren lieben Brief früher als jezt zu beantworten; ich bitte deshalb um Verzeihung.
Meine Theatergeschäfte verbiethen mir leider jede weitere Ausflucht für diesen Winter und ich bin daher außer Stande auf Ihren gütigen Vorschlag einzugehen. Ich habe selbst in unsern Abonnement-Concerten erst ein einziges mal spielen können und seitdem hat es mir wieder ganz an Zeit gefehlt etwas einzuüben.
Zu Ihrem aquirirten Geigenreichthum gratuliere ich Ihnen von Herzen. Ich bin sehr begierig sie einmal zu sehen und zu hören.
Ihre Erkundigung nach Molique in München läßt mich vermuthen daß man in Hannover auf ihn für Kiesew. Stelle speculirt. Daher das folgende: Molique ist in jeder Hinsicht ein vorzügl. Künstler. Ich habe ihn daher in Gotha zu Rombergs Stelle vorgeschlagen und man steht jetzt mit ihm in Unterhandlungen die beynahe zum Schluß gediehen sind.2 Bey meiner jetzigen Anwesenheit in Gotha3 habe ich indessen für den Fall, daß es mit Molique nichts werde, einen noch vorzüglichern vorgeschlagen, nämlich Louis Maurer, gleich ausgezeichnet als Komponist, als Geiger und als Orchester-Direktor; dabey ein vielseitig gebildeter Mann von etwa 32-34 Jahren. Von einem gemeinschaftlichen Freunde Herrn C. Weiße, Direktor der Feuerversicherungs-Anstalt zu Leipzig, weiß ich, daß er sich nach seinem Vaterlande zurücksehnt.4 Auch hat er mir selbst bey seiner lezten Anwesenheit in Deutschland mehrere male den Wunsch geäußert irgendwo in seinem Vaterlande eine für ihn passende Anstellung zu finden, da er die Weise wie die Kunst in Rußland getrieben werde, höchst überdrüssig sey.5 Will man nun in Hannover zu Besetzung der dort vakannten Stelle auf ihn reflecktiren, so wenden Sie sich gefälligst an H. C. Weiße in Leipzig der6 seinen Aufenthalt, und alle seine Verhältnisse kennt und mich kürzlich bat, ihn zu den Vakanzen in Hannover und Gotha vorzuschlagen.
Ich würde mich freuen, wenn unserm Vaterlande ein ausgezeichneter Künstler wieder zurückgegeben würde.
Ihrer lieben Frau von uns die herzlichsten Grüße.
Mit inniger Hochachtung und Freundschaft stets

der Ihrige
Louis Spohr.7

Autor(en): Spohr, Louis
Adressat(en): Hausmann, Bernhard
Erwähnte Personen: Kiesewetter, Christoph Gottfried Carl
Maurer, Louis
Molique, Bernhard
Romberg, Andreas
Weiße, Carl
Weiße, Henriette
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Gotha
Weimar
Erwähnte Institutionen: Hofkapelle <Gotha>
Hofkapelle <Hannover>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1823011217

http://bit.ly/3CtAY38

Spohr



[1] Engagement der Sängerin Sophie Roland (vgl. Spohr an Wilhelm Speyer, 26.01.1823).

[2] Vgl. Johann Gottfried Schade, 18.12.1822; Wilhelm Bärwolf an Spohr, 28.12.1822.

[3] Offensichtlich auf Durchreise nach oder von Weimar.

[4] Carl Weiße an Spohr, 04.12.1822. – Vgl. das Empfehlungsschreiben, das Weiße um diese Zeit direkt an die Hofkapelle Hannover schrieb (in: Georg Fischer, Musik in Hannover, 2. Aufl., Hannover und Leipzig 1903, S. 78).

[5] Maurer trat seine Anstellung als Konzertmeister in Hannover Anfang 1824 an („Königsberg, im Januar 1824“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 26 (1824), Sp. 101-106, hier Sp. 105).

[6] Hier gestrichen: „mich“.

[7] Auf der letzten Briefseite befindet sich am oberen Seitenrand der Antwortvermerk Hausmanns: „ret 19 D“.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (18.09.2021).