Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Sr. Wohlgeb.
Herrn Louis Spohr
Hof Kapellmeister
in
Cassel

Frey.


Leipzig d. 10 Jan. 1823.

Mein guter Spohr.

Seit mehreren Wochen bin ich völlig untüchtig zum Geschäfte gewesen und jetzt wo ich wieder zu demselben zurück kehren muß, entledige ich mich der traurigen Pflicht, teilnehmenden Freunden die Schreckniße mitzutheilen, mit welchen das neue Jahr für mich begonnen hat.
Gegen Ende des alten Jahres gebar mir mein Weib einen Sohn, das Wochenbette war höchst glücklich, allein am 9ten Tage starb das Kind, meine Frau wurde krank verfiel in ein Nervenfieber und am Neujahrstage früh vollendete dies engelfromme Wesen, die beste der Frauen und 3. Tage darauf folgte ihr unsre innigste Freundin meine Schwiegermutter1 – !
Bei unserm stillen Wandel haben nur wenige die ganze Größe meines häußligen Glücks, den seltenen Familienbund kennen lernen und nur diese können sich einen Begriff von der Größe meines Jammers machen – ich, der ich binnen weniger Tagen, Kind, Weib und die beste Freundin begrub, bin gleichsam zur schauerlichen Sage geworden, die Stadt ist nur eine Stimme, durch welche zwar meine Wehmuth immer mehr erhöht wird, aus welcher aber auch unverkennbar hervorgeht, daß mein gutes Weib die allgemeine Liebe genoßen und man unser stilles Glück wohl gekannt hat.
Lieber Freund, vor einigen Wochen war ich noch der glücklichste aller Menschen, ein rührendes Geschäft, ein engelgutes Weib in jeder Hinsicht, eine Tochter und einen Sohn, so standt ich am Ziele meiner Wünsche und nun – – – ? Gott der mir aufgebürdet hat, möge mich trösten.
Ich weiß, daß Sie und die Ihrigen herzlichen Antheil an meinem Schicksal nehmen, aber tröstet mich nicht, denn Trost können mir Menschen nicht geben und die Theilnahme guter Freunde reißt meine Wunde immer wieder auf – Gott schütze Sie vor gleichem Unglück, denn es ist zu hart für fühlende Menschen.
Wenn Sie glauben, daß H. Hornthal zu dortigem Musikgeschäfte geeignet ist, so bin ich gern bereit dazu, ich würde ihm gleich selbst deshalb schreiben aber noch bin ich zu abgestumpft um mich mit mehr als den dringensten Geschäften zu befassen, doch bald wird sich solches ändern, denn im Geschäfte muß ich meine Zerstreuung suchen.
Herzlichst grüßt Sie Alle

Ihr armer Freund
Peters

P.S.
ein hiesieger Buchhändler Probs[t] will jetzt hier eine Musikhandlung einrichten und erzählt, daß er schon Manuscripte von Ihnen und mehrern andern besitze; daß er an Sie geschrieben hat, glaube ich auch, denn er hat an mehrere von meinen bekannten Componisten geschrieben und diese seine Briefe an mich zurückgeschickt, woraus ich dann dessen pomphafte Einladungen kennen lernte.
Bei meiner jetzigen Gleichgültigkeit fürs Leben fällt es mir nicht ein, H. Probst entgegen zu arbeiten und mir ist es ganz gleich, ob er beim ihm ganz fremden Musikhandel sein Geld zusetzt oder dabei gewinnt, denn ich werde dabei immer bestehen, allein ich fühle mich verpflichtet, Sie auf diesen Mann aufmerksam zu machen, denn es ist ein Mensch mit dem kein Mensch lange auskommen kann und der auch hier fast keinen Umgang als sich selbst hat, weil er sich gar zu klug dünkt, aber nicht sein mag, sonst würde er wohl beim Lederhandel bleiben, da alle hiesigen Lederhändler reich geworden sind.
Ich will Ihnen seine nicht liebenswürdigen Eigenschaften nicht weiter auseinander setzen, allein als ein Beweiß2 eines seltenen Eigendünkels mag Ihnen dienen, daß er geäußert hat, er werde eine ganz andre Musikhandlung als die von Breitk. & H. u. die meinige, denn er verstünde Musik (er spielt Clavier) Härtel und ich verständen aber keine, könnten also auch im Musikgeschäfte nichts ordentliches leisten.
Lederhändler bleib bei deinen Leisten –––

Erwähnte Personen: Baumgärtner, Amalie Auguste
Härtel, Gottfried Christoph
Hornthal, Adolph
Peters, Clara Rosalia
Probst, Heinrich Albert
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Leipzig
Erwähnte Institutionen: Breitkopf & Härtel <Leipzig>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1823011050

http://bit.ly/2gWnohD

Spohr



Der letzte Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Peters, 26.12.1822. Spohr beantwortete diesen Brief am 27.01.1823.

[1] Amalie Auguste Baumgärtner.

[2] Gestrichen: „seines“.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Wolfram Boder (15.12.2016).